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ReligionBrockhaus 1882

Tyrus (grch. Tyros, in der Bibel Zor, d. i. „Felseno oder Wassersprudelo, von den Quellen bei Räs-⸗el-Ain), die berühmteste unter den Seestädten Phöniziens (s. d.), jünger als Sidon (s. d.), aber doch sehr alt, wurde eine der bedeutendsten und reichsten, aber auch üppigsten Handels⸗ und Industriestädte der Alten Welt, blühend zugleich durch Kunst und Wissenschaft, seitdem das von Alttyrus aus gegründete Inseltyrus durch Hiram I. (f. d.) ausgebaut worden war. Infolge dessen bildete diese auf einer Küsteninsel gelegene Stadt den Kern der tyrischen Macht und ließ die des kontinentalen oder des sog. Alttyrus (Palaityros), sowie das ältere Sidon in den Hintergrund treten. Durch die Tyrier lernten die Israeliten Baukunst und Schiffahrtskunde. Den Tyriern werden auch die verbesserte Bauart der Schiffe, das Segeln in der Nacht nach der Leitung der Gestirne und andere Erfindungen in der Schiffahrt zugeschrieben. Sie besuchten nicht nur alle Küsten des Mittelländischen Meers, sondern drangen auch in den Atlantischen Ocean, holten Zinn aus Britannien und vielleicht auch Bernstein aus der Ostsee. Gades, das heutige Cadix in Spanien, und Karthago in Afrika waren tyrische Kolonien. Die Stadt T., auf einem Felsen, der auf allen Seiten vom Mittelländischen Meere umgeben war, und durch diese Lage fest, hatte in ihren 50 muhohen, dicken Mauern einige der berühmtesten Tempel des Altertums, besonders den des Melkarth oder phöniz. Hercules. Die Inselstadt übte auf die übrigen Städte des Landes einen Einfluß, der in Druck übergegangen sein und großen Haß erzeugt haben mochte, da das übrige Phönizien (darunter auch Alttyrus) dem assyr. Koönig Salmanassar (26.—722) sogar Schiffe zur Bezwingung der Inzelstadt stellte. Die 60 Schifse der Verbündeten wurden aber von den 12 neutyrischen geschlagen,‚ und Salmanassar konnte die Inselstadt nicht nehmen, obschon er sie fünf Jahre eingeschlossen hielt. Cbenso wenig vermochte es später der babylon. König Nebukadnezar, der sie sogar 13 Jahre 4585 Phön v. Chr.) belagerte, nachdem er sich das ubrige Phönizien unterworfen hatte. Während die Blüte Phöniziens unter der folgenden pers. Herrschaft vollends erlosch, blieb T. noch viele Jahrhunderte lang eine bedeutende Handelsstadt. Als Alexander das Heer des Darius bei Issus zerstreut und darauf ganz Phönizien und Syrien mit der Küste des Mittelmeers sich unterworfen hatte, widerstand dem Sieger das auf seine feste Lage trotzende T. ganz allein und weigerte sich, ihn als Oberherrn anzuerkennen. Alexander unternahm die Belagerung der Stadt, vermochte sie aber erst nach sechs Monaten (332) zu bezwingen, mit Hilfe eines vom Lande aus mir den Vaumaterialien des zerstörten Alttyrus aufgeworfenen Dammes, der sich bis auf die heutige Zeit erhalten hat. Im J. 315 wurde T. von Antigonus erst nach einer Belagerung von 14 Monaten der ägypt. Besatzung des Ptolemäus entrissen; auch 40 v. Chr. erlitt sie wieder eine Belagerung durch den Partherkönig Pacorus. Unter der Herrschaft der Römer wurde die Stadt, wie vorher unter den syr. Königen, wegen ihres immer noch ausgebreiteten Handels —5 begünstigt. Auch die tyrische Purpurfärberei und Glasfabrikation war noch im Schwunge. Die Stadt behielt ihre eigene Municipalverfassung und wurde vom Kaiser Severus zu einer röm. Kolonie mit lat. Rechte erhoben. Auch hatte sich in ihr schon im apostolischen Zeitalter eine christl. Gemeinde gebildet. Im J. 335 wurde daselbst ein Konzil in Bezug auf die Athanasianischen Streitigkeiten gehalten. Im J. 638 fiel T. in die Hände der Araber. Zur Zeit der Kreuzzüge erscheint es als eine Hauptfestung und als ein wichtiger Handelsplatz. Es war 1089 dem Sultan von Aleppo durch den Sultan von Agypten entrissen worden. König Balduin 1. von Jerusalem belagerte es 29. Nov. 1111 bis in den April 1112 vergeblich, Balduin II. vom 15. Febr. bis 27. Juni 1124, wo es mit Hilfe des Dogen von Venedig in die Hände der Christen kam. Es wurde nun der Sitz einer Grafschaft und eines Erzbistums, welches 13 Bistümer umfaßte, und dessen Inhaber seit 1174 der berühmte Geschichtschreiber der Kreuzzüge, Wilhelm von T., war. Saladin belagerte T. im Sommer 1187 und wieder vom 2. Nov. bis Ende Juni 1188 ohne Erfolg. Erst 1191 fiel es für immer in die Hände der Mohammedaner. Unter der türk. Herrschaft sank es ganz herab. Die Stelle der alten Inselstadt nimmt jetzt der elende Flecken Sür ein, 38 kKmim Süden von Saida (Sidon) und 8 kem füdlich von der Mündung des Nahr-el-Käsimijeh oder el-Litäni (Leontes der Alten), auf der Spitze einer Landzunge gelegen, wo die ursprüngliche Insel und der von Alexander d. Gr. aufgeworfene, jetzt durch die Wellen zu einer breiten Sanddüne umgewandelte Damm zusammenstoßen. Der Hafen ist versandet und der Handel hat sich nach Beirut gezogen. Der Ort hat etwa 5000 E., zur Hälfte Mohammedaner oder Metäwileh, die andern Christen, Griechen, Maroniten und griech. Katholilen, und einige wenige maulit Von alten Bauwerken findet sich nur eine stattliche Kirchenruine aus dem Mittelalter. aiser Friedrich l. (Barbarossa) soll 1190 in der Nathedrale zu T. beerdigt worden sein. Neuere Forschungen, insbesondere eine im Frühjahr 1874 von J. N. Sepp und H. Prutz geleitete, im Auftrag des Fürsten Bismarck unternommene Mission nach Phönizien, haben indessen diese Annahme nicht bestätigt. Es ist sogar zweifelhaft, ob jene Kirchenruine von Sür die Kathedrale des mittelalterlichen T. gewesen sei; eine solche wird zwar vielfach genannt, doch so, daß sie an einer andern Stelle gelegen haben muß; ihre Reste sind vermutlich mit einem Teil der allmählich sinkenden Küste ins Meer verschwunden. Vgl. Prutz, Aus Phönizien. Geogr. Stizzen und histor. Studieno (Lpz. 1876): derselbe, „Kaiser Friedrichs I. Grabstättes (Danz. 1879); Sepp. ⸗Meerfahrt nach T. zur Ausgrabung der Kathedrale mit Barbarossas Grabo (Lpz. 1879). Rußland der Führer eines Polk (1000 Mann). Es gad fürstl. und städtische T. Am längsten hielt sich die Würde in Nowgorod, wo die Vorstände der Stadtpolizei so hießen. Tuswienica, Stadt in der galiz. Bezirkshauptmannschaft Tlumacz, Station der Linie Stanislau-Husiatyn (Galizische Transversalbahn) der Osterreichischen Staatsbahnen, ist Sitz eines Bezirtsgerichts, hat ein Schloß, Saffianfabrikation, Gerberei, Handel mit Wachs, Fellen und Leder und zählt Iars 6953 E., darunter viele Armenier. Die Stadt brannte 12. Juni 1866 fast ganz ab.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 938Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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