FeedKasan
Haus & KücheBrockhaus 1882

Kasan, d. h. tatarisch Kessel, hieß ursprünglich das Land der finn. Bulgaren, welches etwa die heutigen fünf russ. Gouvernements K., Wjätka südl. Anteils, Ufa, Simbirsk und Pensa umfaßte. Das gegenwärtige Gouvernement Kasan zählt (1882) auf 63 715 qkm 1872437 E., darunter 370000 Tataren, 360000 Tschuwaschen, 85000 Tscheremissen, 18000 Mordwinen, 7000 Wotjäken u. s. w. Das Land ist von der Wolga, der untern Kama, der Kasanka und andern Flüssen durchströmt, rechts an der Wolga 15—30 m hoch, links von unabsehbaren Wiesengründen und Morästen erfüllt, steigt aber nahe der Hauptstadt K. zu einem wechselvollen Hügellande, der Kasanschen Schweiz, auf, dessen Höhen 200 meerreichen. Die etwa vier Elftel des Areals umfassende Kulturstrecke gehört meist der schwarzen Erde an, und die ungefähr die Hälfte einnehmenden Waldungen bestehen aus Nadelholz, stark mit Laubholz untermischt. Trotz des strengen Klimas (+ 2,2 R. mittlere Jahrestemperatur) ist der Acker⸗ und Gartenbau in den Thaleinschnitten blühend und ergiebig. Das Gouvernement zerfällt in elf Kreise. Die Hauptstadt Kasan, 847 km östlich von Moskau, 1565 km im Ostsüdosten von Petersburg, 5 kmevom linken Ufer der Wolga entfernt und von deren Nebenfluß Kasanka durchschnitten, liegt teils niedrig und den Frühjahrsüberschwemmungen ausgesetzt, größtenteils aber auf Hügeln und nimmt ein bedeutendes Areal ein. Den höchsten Teil, an der Nordseite, bildet der Kreml oder die Festung, der auch mehrere Kirchen, darunter die Kathedrale der Verkündigung Mariä mit zahlreichen Türmen und Kuppeln und dem wunderthätigen Bilde der Muttergottes von Kasan, ein prächtiges Kloster, den 80 m hohen Turm Sumbeki und ein Waisenhaus für Töchter der Popen umschließt. Um die Festung legt sich die von den Russen bewohnte Stadt mit 41 Kirchen, 5 Klöstern und einer evang. Kirche. Diese umgeben wieder die von den Tataren (ein Viertel der Bevölkerung) bewohnten Vorstädte oder Sloboden mit 12 Moscheen. K. zählt (1882) 94 170 C. und ist der Hauptort des neunten Militärbezirks, Sitz eines Civilgouverneurs, des Erzbischofs von K. und Swijaschsk (seit 1554) und der höchsten mohammed. Würdenträger. Die von Alexander I. 1804 gegründete und 1814 eröffnete Universität hat einen botan. Garten, eine Sternwarte (55 47 23“ nördl. Br. und 49* 7 12“ östl. L. von Greenwich), eine große Bibliothek mit wertvollen mongol. und tatar. Handschriften und reiche Sammlungen von Kunstgegenständen u. s. w. Auch befindet sich hier eine der vier geistlichen Akademien, ein geistliches Seminar, zwei Gymnasien, zwei Mädchengymnasien, eine Militärschule, zwei Kreis⸗ und vier Pfarrschulen, sechs Buchdruckereien, mehrere tatar. Schulen, eine Gesellschaft der Freunde vaterländischer Litteratur, eine freie ökonomische Gesellschaft, ein Waisenhaus, eine Irrenanstalt, ein Militär⸗ und mehrere andere Hospitäler, ein Theater u. s. w. K. ist infolge seiner Laae in der Nähe der Wolga ein Hauptstapelplatz zwischen dem europ. und asiat. Rußland und war als Handelsstadt zu allen Zeiten in Flor. Der Handel befindet sich zum Teil in den Händen der Tataren. Auch ist K. der Mittelpunkt einer bedeutenden Industrie in Juften und Seife, in Tuch, Kattun, Schnüren, Ankern und andern Eisen⸗ und Stahlwaren, in Segeltuch, Seiler⸗ und Holzwaren. In der Nähe befinden sich Werfte und eine große kaiserl. Pulverfabrik. K. wird zuerst unter den 1236 von den Mongolen eroberten Städten der Bulgaren oder Bolgaren genannt, lag aber damals weiter oberhalb an der Kasanka, 52 km von deren Mündung und hatte durch die Einfälle der Russen viel zu leiden, die es 1399 unter dem Großfürsten Wasilij II. von Moskau eroberten und gänzlich verheerten. Der Ruhm K.s begann erst mit dem 15. Jahrh., seit dem Verfalle der Stadt Bolgar (s. Bolgary), als der von den Kiptschak verjagte Chan Ulu Mohammed hier Zuflucht suchte, der den Ort, als Haupt⸗ und Residenzstadt seines neugegründeten Chanats, nun näher der Wolga erbaute (1438). Bald erhob sich dieselbe über Sarai, die an der untern Wolga gelegene Hauptstadt des Kiptschaks, und blühte durch Handel auf. Die Mongolen vermischten sich mit den Bolgaren und bildeten ein Volk, die jetzigen Ka sanischen Tataren. Bereits 1469 wurde aber K. nach drei Feldzügen den Russen zinsbar, und nach wiederholten Kämpfen erstürmte 1552 Zar Iwan IV. Wasiljewitsch die Stadt und verleibte damit das ganze Chanat der Krone Rußland ein. Die Stadt wurde 1774 von Pugatschew eingeäschert, von Katharina II. aber schöner wieder aufgebaut.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 161Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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