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AllerleiBrockhaus 1882

Kasten nennt man abgeschlossene erbliche Stände, deren Mitglieder nur vermöge ihrer Geburt denselben angehören und nur infolge von Ausstoßung sie verlassen können. Der Name ist portugiesisch (casta, d. i. Gattung) und wurde zuerst von den portug. Croberern Ostindiens für die in diesem Lande herrschende Einteilung des Volks in solche erbliche Stände gebraucht. Mit der Nebenbedeutung des Mißbräuchlichen wird dieser Ausdruck auch auf die erblichen Stände in Europa angewendet, obwohl diesen das Merkmal der absoluten Abgeschlossenheit abgeht, welches das eigentliche Kastenwesen charakterisiert. Infolge dieser Üübertragung gebraucht man das Wort Kastengeist zur Bezeichnung des in gewissen Ständen und Korporationen herrschenden ausschließenden Geistes. Die Kasteneinteilung geht bei den Völkern der Alten Welt über die geschichtliche Zeit hinaus, und es läßt sich der Ursprung derselben nicht nachweisen. Nicht unwahrscheinlich ist es, daß überall, wo sie sich findet, Verschiedenheit der Abstammung und der Lebensart den Grund dazu legte, und daß die verschiedenen K. anfänglich verschiedene Völkerstämme waren. Daß die niedrigsten K. ursprünglich von fremden Eroberern unterworfene Volksstämme waren und die höchsten K. aus diesen Eroberern hervorgegangen sind, darf man fast für gewiß halten. Im Orient ist die Kasteneinteilung seit den frühesten Zeiten mit den gesellschaftlichen Verhältnissen der alten Naturstaaten eng verschmolzen, weil sie dem in denselben herrschenden Geiste der Unbeweglichkeit und Unfreiheit entsprach. So gab es bei den Persern schon vor Maafer eine Teilung in vier K.: Priester oder Magier, Krieger, Ackerleute und Gewerbtreibende. Nirgends aber war die Kasteneinteilung so ausgebildet und so ganz die Grundlage der gesellschaftlichen Einrichtung als in Agypten (s. d.) und in Indien. Die gesamten brahmanischen Hindu zerfallen nach dem Gesetzbuche des Manu in vier K.: 1) die Brähmanas oder Brahmanen (s. d.), d. i. die Priester, 2) die Kshatriya oder Krieger, 3) die Vaisya oder Ackerbauer (der Nährstand überhaupt), und 4) die Sudra, die dienende Klasse. Schon seit Jahrhunderten bilden die Sudras den bei weitem größten Bestandteil des ind. Volks. Sie teilen sich in eine Menge (etwa 130) Zünfte won den Europäern ebenfalls K. genannt), wie Fischer, Hirten, Lastträger, Barbiere u. s. w., die untereinander wiederum eine Rangordnung bilden. Letztere ist jedoch nicht in allen Teilen Indiens dieselbe; auch finden sich an manchen Orten Zünfte, welche an einem andern nicht angetroffen werden. Gegenwärtig sind diese neuen Unterabteilungen der eigentlichen Masse des Volks gewissermaßen an die Stelle der alten ½½ „ in vier Stände getreten. Außerdem gibt es in Indien noch viele und zum Teil sehr zahlreiche Abteilungen des Volks, welche außerhalb des eigentlichen brahmanischen Kastensystems stehen (die sog. Outeasts), sich aber, dem Grundzuge des ind. Lebens folgend, in eine Menge von den Europäern ebenfalls als K. bezeichnete Vereine gespalten haben. Dahin geören die Parias, die Tschandalas, die Palers in tadura, die Puliahs in Malabar u. s. w.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 174Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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