Keim nennt man die scheinbar regungslose, aber lebensfähige Grundlage, aus welcher sich jedes organische Geschöpf unter den dazu erforderlichen Bedingungen nach und nach entwickelt. Besonders aber spricht man von K. der Pflanzen und versteht darunter teils die Knospen (Augen) am Wurzelstocke ausdauernder Pflanzen, in den Zwiebeln und Knollen, teils und vorzugsweise den Keimling (Embryo) in den Samen der Blütenpflanzen (Phanerogamen), d. h. die unentwickelte, aber entwickelungsfähige Anlage zu einer neuen Pflanze im Samen, welche in feuchter Erde zu einem neuen Individuum heranwächst. Auch aus den Knospen kann man bei manchen Pflanzen, namentlich Holzgewächsen, ein neues Individuum derselben Art erziehen, wenn man abgelöste Knospen dem Stamme oder Zweige eines andern Individuums derselben oder einer verwandten Pflanzenart einimpft, wie dies z. B. bei dem Okulieren der Rosenstöcke geschieht. Eine große Leichtigkeit der Keimbildung findet sich bei den Blättern des Keimblattes (Bryophyllum calycinum), welche schon auf feuchtem Papier aus jeder Randkerbe einen K. entwickeln. Aber auch zahlreiche andere Pflanzen lassen sich durch solches Keimen am Blattrande vermehren, wovon die neuere Gartenkunst vielfachen Gebrauch macht. Die beginnende Entfaltung des K. aus seiner Knospe oder dem Samen nennt man das Keimen oder die Keimung. Der Zeitraum, in welchem die Samen keimfähig bleiben, ist sehr verschieden. Am längsten bleiben Getreidesamen keimfähig; man hat die in den Gräbern der Inkas gefundenen Maiskörner, welche doch mindestens 4—-500 Jahre alt sein müssen, zum Keimen gebracht. Dagegen hat sich die Meinung, daß Weizenkörner (sog. Mumienweizen) ihre Keimkraft vier bis fünf Jahrtausende hindurch behalten könnten, als ein Irrtum erwiesen. An dem Keimling des Samens unterscheidet man drei Regionen: das Würzelchen, Stengelchen und Wureerar Ersteres dehnt sich bei der Keimung zur urzel aus, während das Stengelchen oder der Achsenteil sich nach oben verlängert, den Stengel oder Stamm der Pflanze bildend, und das an seinem Ende befindliche Federchen zu einer wirklichen Knospe wird, welche bald die ersten Blätter entfaltet. Am Stengelchen sind stets die Kotyledonen oder Samenlappen (auch Keimlappen, Keimblätter genannt) angeheftet, welche die Bestimmung haben, dem sich zu einer Pflanze entwickelnden Keimling während des Keimens die erforderliche 21440ft. b zuzuführen, die bald in den Kotyledonen selbst, bald in einem den Keimling umhüllenden oder ihm anliegenden Eiweißkörper (Sameneiweiß) aufgespeichert ist. über die Bildung des K. der Phanerogamen s. Befruchtung. Bei den Kryptogamen (s. d.) kann von K., streng genommen, keine Rede sein, weil deren Fortpflanzungsorgane (die Sporen) bloße isolierte Zellen oder kleine Zellenaggregate sind ohne jedwede Spur einer Anlage zu einer neuen Pflanze. Dennoch spricht man von Keimung der Sporen, weil dieselben durch einfache Ausdehnung zu einem sich später verschiedenartig umgestaltenden Schlauche entweder unmittelbar ein neues Pflanzenindividuum entwickeln oder ein Gebilde(Vorkeim), aus welchem ein neues Individuum später hervorgeht. Die Sporen mancher Kryptogamen zeigen ebenfalls eine lange Dauer der Keimfähigkeit, z. B. diejenigen der Farnkräuter. Im tierischen Ei entwickelt sich aus den durch die Dotterklüftung gelieferten Zellen der K., als Keimblase (Säugetiere), als Keimscheibe (Vögel), und die verschiedenen Schichten des K. stellen die Keimblätter dar, deren Anordnung und Umbildung für die Entwickelung von höchster Bedeutung ist. Das oberste Keimblatt (Epidermoidal- oder sensorielles Blatt) liefert die Oberhaut, Haare, Nägel, Gehirn und Rückenmark, Retina u. s. f.; aus dem Muskelblatt geht das Körper- und Darmrohr, aus dem Epithelialblatt das Epithel des Darms und seiner Anhangsdrüsen hervor.