FeedKeramik (grch.) oder Töpferkunst
Handwerk & GewerbeBrockhaus 1882

Keramik (grch.) oder Töpferkunst, d. i. die i Kunst, Gefäße und Geräte aus gebranntem Thon f herzustellen, welche neben ihrem praktischen Zweck ästhetischen Wert besitzen, künstlerische Bedeutung haben, einerseits im Gegensatz gegen das gewöhnliche Koch⸗ oder sonstige Gebrauchsgeschirr, andererseits im Gegensatz gegen die eigentlichen Terracotten (s. d.) oder plastischen Gegenstände aus unglasiertem gebrannten Thon. (S. Thonwaren.) Kunstgegenstände in Thon lieferte schon das alte Agypten, aber meist in kleinen Figuren, wenigstens ist von Gefäßen nicht viel erhalten. Glasierte Fliesen, die zur Wand⸗ und Fußbodendekoration dienten, kannte schon Assyrien. Dieses Land schrieb seine Dokumente in gebrannte Thonplatten ein. Zur eigentlichen Kunst wurde die K. in Etrurien und anz vor allem in Griechenland, wo Korinth und lthen die Hauptstätten der Fabrikation waren. Diese Gefäße waren unglasiert, aber entweder im Grund oder in den Figuren, zum Teil auch ganz mit einem dünnen, aber sehr festem schwarzen Firnis überzogen. (S. Vasen.) Dieser ganze Zweig der Töpferei erlosch als Kunst gegen die Zeit der Geburt Christi und wurde in der Römerzeit meist durch Glasgefäße ersetzt. m Mittelalter waren es die mohammed. Völker, welche fast allein die Töpferei als Kunst betrieben, und zwar von Indien bis nach Spanien. Sie bedienten sich buntglasierter Fliesen zur Bedeckung der Palast⸗ und Moscheenwände, sowohl im Innern wie im Außern; die Fliesen, in Spanien Azulejos genannt, waren mit farbigen Arabesken bedeckt. Uüberreste gibt es noch auf der Alhambra, in Brussa, der alten Residenz der Osmanensultane, in Damascus, Agypten, Jerusalem (Omarmoschee), zu Jspahan und sonst vieler Orten im fernen Orient (Samarkand u. s. w.). In gleicher Weise arbeiteten die Orientalen auch glasierte Gefäße. Zu dem ältesten, das erhalten, gehört die vielabgebildete Alhambravase. Eine Eigentümlichkeit der spanisch-maurischen K. bilden Gefäße von gelbem Thon mit metallisch glänzenden Arabesken, rötlich, gelblich oder golden schimmernd. Ihre Hauptfabrikationsstätte war in Valencia und auf der Insel Majorca (daher Majoliken). Von hier ging sie nach Italien hinüber und gab den Anlaß zur ital. Majolikafabrikation, welche anfangs mit Metalllustre, dann ohne Lustre, den Hauptzweig der K. im 16. Jahrh. bildete (s. Fayence). Angeregt durch die Majoliken erfand B. Palissy ein neues Genre in seinen glasierten Figulines rustiques, die aber eine Spezialität für sich blieben. Gleichzeitig hatte sich auch in Deutschland im 16. Jahrh. die Töpferei zu einer Kunst erhoben. Einzelnes von glasierten Kunstthonwaren hatte schon das 15. Jahrh., so besonders in buntglasierten Kachelöfen. Dieser Fabrikationszweig fand im 16. Jahrh. (zugleich in Verbindung mit glasierten Kunstgefäßen) verschiedene Fabrikationsstätten. So blühte eine in Nürnberg (Hirschvogel), andere blühten in Oberösterreich, am ausgedehntesten und erfolgreichsten aber blühte die Ofensabrikation in der Schweiz bis in das 18. Jahrh. Die Schweiz ist noch gegenwärtig eine antiquarische Fundstätte dieser Kunstöfen. Die span. Majolikafabrikation mit Metallreflexen erhielt einen argen Stoß durch die Vertreibung der Maurisken unter Philipp II., doch ging sie, immer mehr aussterbend, noch eine Zeit lang fort. Auch die Fliesen des Orients ließen seit dem Ausgang des Mittelalters in Kunst und Anwendung nach, doch lieferte Persien (und daneben die Insel ho noch sehr schöne Gefäße, Schüssel und Teller mit farbigen Blumen und Arabesken auf weißer Glasur. Viele ahmten schon früher chines. Porzellan nach. Dieses eigenartige Genre der K., welches China und Japan schon viele Jahrhunderte gekannt und geübt hatten, im 16. und 17. Jahrh. nach Europa in größern Mengen durch die Portugiesen und Holländer gebracht, veränderte seitdem völlig die europäische K. Um seiner Originalität, seines Glanzes und Reichtums willen, wegen seiner weitaus größern Solidität und Eleganz suchte man es alsbald nachzuahmen. Das Material und seine Eigenschaften konnte man allerdings weder schaffen noch erreichen, aber in der Nachahmung änderte man völlig den Charakter der bisherigen Kunstware. Die ital. Majoliken hörten auf, den Stil zu beherrschen. An deren Stelle trat überall die Fayence mit weißer Glasur und bunten Farben oder mit dem viel angewendeten Blau, anfangs auch vielfach mit Imitation der orient. Verzierungsweisen, dann in freierer, naturalistischer Weise. Alle alten Fabriken gingen hierauf ein und neue entstanden zahlreich, so in Deutschland (Nürnberg, Bayreuth), in Osterreich (Znaim, Vöcklabruck), in Frankreich (Rouen, Nevers, Moustiers und viele andere), in England und Schweden. Von allen am berühmtesten und verbreitetsten waren die holländ. rnn dieser Art, die aus der Töpferstadt Delft ervorgingen. Doch wurde im Anfange des 18. Jahrh. das echte Porzellan in Europa erfunden und die erste Fabrik in Meißen eingerichtet (s. Porzellau). Die Porzellanfabrikation wurde Mode, viele Fabriken (Wien, München, Berlin u. s. w.) wurden eingerichtet; die Fayencefabriken erloschen entweder ganz oder traten vor dem Porzellan zurück, so in Frankreich vor Sevres, das seit der Mitte des 18. Jahrh. in der Dekoration des Porzellans den Ton angab, was vorher Meißen gethan hatte. Die delfter Ofen erloschen alle mit dem Ausgange des 18. Jahrh. Am meisten erhielt sich die Fayenceware noch in England im Gebrauch, aber in der ersten Hälfte des 19. Jahrh. galt als Kunstware in der Töpferei allein das Porzellan. Sein künstlerischer Verfall aber eben in dieser Zeit, an welchem auch die großen Staatsfabriken, Sevres nicht ausgeschlossen, teilnahmen, riefen seit der Ara der Weltausstellungen eine Reaktion zu Gunsten der Fayence hervor. Gegenwärtig ist die Fayencefabrikation wieder ein blühender Zweig der Kunstindustrie geworden, der alleehemaligen Spezialitäten wieder aufgenommen hat und dem Porzellan wieder ebenbürtig zur Seite steht. (Hierzu eine Tafel: Keramik.) Vgl. außer der in den Artikeln Fayence und Thonwaren aufgeführten Litteratur noch: Wiltens, «Die Töpfereio (Weim. 1878); Dumont, (Peintures céramiques de la Grèce proprey (Par. 1874%½).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 238Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 2

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Handwerk & Gewerbe 6