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ErdkundeBrockhaus 1882

Kiel (vormals thom Kyle oder tom Kiel, zum Kiel), Kreisstadt in der preuß. Provinz Schleswig-Holstein, an den Linien Neumünster-K. und K.⸗ Ascheberg der Preußischen Staatsbahnen und an der Privatbahn K.⸗Flensburg, liegt in einer höchst anmutigen Gegend des östl. Holstein an einem Meerbusen der Ostsee, dem etwa 15 km langen und sehr tiefen Kieler Hafen, an dessen westl. Ufer sich die schöne städtische Waldung Düsternbrook hinzieht. K. ist Sitz eines Oberlandesgerichts, des Landesdirektorats, des evang.⸗luth. Konsistoriums, eines Kreisgerichts, eines Amtsgerichts, einer Reichsbankstelle und der Provinzialblindenanstalt; hier ist auch die Marinestation der Ostsee mit zahlreichen Behörden nebst der Marineakademie und Marineschule, auch einer Maschinisten⸗, Steuermanns⸗ und Torpedoschule. K. erhielt 1242 Stadtprivilegium mit Lübischem Recht als Ciritas Holsatiae, war schon 1284 Mitglied der Hansa und kam 1334 in den Besitz des ganzen Hafens. Um diese Zeit entstand der sog. Kieler Umschlag, eine Messe, welche vormals vier Wochen (6. Jan. bis 2. Febr.), jetzt 12 Tage dauert und der Hauptgeldmarkt für Schleswig-Holstein geworden ist. Die Stadt wurde 1469 von König Christian I. an die Reichsstadt Lübeck verpfändet und erst 1496 wieder eingelöst. Am 5. Okt. 1665 stiftete Herzog Christian Albrecht von Schleswig-Holstein-Gottorp zu K. die Universität Christiana Albertina, und 1721 —73 war K. die Hauptstadt des gottorpischen (großfürstl.) Anteils vom Herzogtum Holstein. Am 14. Jan. 1814 wurde hier der Kieler Friede abgeschlossen, in dem der König-Herzog Friedrich VI. das Königreich Norwegen und die schlesw. Insel Helgoland abtrat. Von K. aus ward 24. März 1848 das Signal gegeben zur Erhebung Schleswig-Holsteins gegen die dän. Herrschaft. Nach 1866 wurde der Kieler Meerbusen, einer der besten und sichersten Ostseehäfen, in welchen beim Dorfe Holtenau der die Verbindung mit der Nordsee vermittelnde schlesw.⸗holstein. Eiderkanal mündet, zur deutschen Hauptmarinestation eingerichtet. Der Eingang desselben wird verteidigt durch die Seefestung Friedrichsort (s. d.) nebst dem benachbarten Fort Falckenstein auf dem Braunen Berge und die gegenüberliegenden 5 Ufer. Bas bei Labö und Möltenort auf dem östl. Ufer. Das großartige Marine-Etablissement zwischen Ellerbeck und Gaarden, welches durch eine Zweigbahn mit dem kieler Bahnhofe verbunden ist, schließt die kaiserl. Marinewerft ein. Der ungeheure Aufschwung des Verkehrs, welchen die Marinestation und die Marinebauten hervorriefen, hat sowohl Gaarden (s. d.) und Ellerbeck größtenteils in städtischer Weise umgestaltet, wie auch insbesondere K. ganz außerordentlich gehoben. Das bebaute Stadtgebiet hat sich um mehr als ein Drittel erweitert und die Bevölkerung verdoppelt, da 1864 K. erst 18 695 und mit Einschluß des nordöstlich anstoßenden Dorfes Brunswiek, das seitdem der Stadt einverleibt ist, 20 738 E., 1880 aber 43594, mit den Vororten Gaarden und Ellerbeck 54357 E. zählte. Die Altstadt, unmittelbar am Ostseestrande, fast ringsum von einer Lagune, dem sog. Kleinen K., umgeben, ist ziemlich enge und unansehnlich. Die neuern und schönern Stadtteile schließen sich im Süden, Norden und Westen an. Die Stadt hat ein Gymnasium, eine Oberrealschule, vortreffliche Volksschulen, eine Idiotenanstalt und viele milde Stiftungen, auch eine Handelskammer, einen Gewerbeverein nebst Gewerbeschule u. s. w. Unter den industriellen Unternehmungen sind die Schiffswerften und Eisengießereien nebst Maschinenfabriken, eine große Goldleistenfabrik, die großartige Dampf⸗- und Wassermühle in dem nahen Dorf Neumühlen an der Schwentine-Mündung bemerkenswert. Die Universität, mit einem neuen schönen Universitätsgebäude (1873—76) im Schloßgarten, zählt über 60 Lehrer und gegen 400 Studierende. Zu ihr gehören das chem., zoolog., anatom., physiol. Institut, das schöne Bibliotheksgebäude mit 187000 Bänden, das schlesw.⸗holstein. Museum vaterländischer Altertümer, das Kunstmuseum (Gipsabgüsse antiker Skulpturen), das mineralog. Museum und die Sternwarte. Erwähnung verdienen auch die Kunsthalle (Gemäldegalerie), das Thaulownißt, sind unter C aufzusuchen. Museum eund Bolk⸗ älterer schlesw.⸗holstein. Schnitzwerke und Volkstrachten) und das ethnogr. Museum. Die akademischen Heilanstalten sind neu und zweckmäßig eingerichtet. In K. haben auch die Historische Gesellschaft, der Naturwissenschaftliche Verein, der Kunstverein und der Landwirtschaftliche Generalverein für Schleswig-Holstein ihren Sitz. Unweit der Stadt füdwärts liegt die Privatirrenanstalt Hornheim und nordwärts die Seebadeanstalten Düsternbrook und Bellevue. Vgl. Prahl, «Chronik der Stadt K.» (Kiel 1855); Volbehr, Beiträge zur Topographie der Stadt K. (Kiel 1881); Seelig und Ohnmann, «Ostholstein v (8. Aufl., Hamb. 1884). K. bildet seit 1884 einen eigenen Stadtkreis. Der Landkreis Kiel, dessen Landrat auf dem Schloß bei Bordesholm (19 km südlich von K.) seine Amtswohnung hat, zählt (1880) 40 967 E.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 263Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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