FeedKindbettfieber
HeilkundeBrockhaus 1882

Kindbettfieber (Puerperälfieber, Febris puerperalis), eine sehr gefährliche fieberhafte, nach Art der Pyämie (s. d.) verlaufende Krankheit der Wöchnerinnen, welche zeitweilig in epidemischer Verbreitung in den Entbindungshäusern und Gebärkliniken, aber auch in der Privatpraxis auftritt und sehr leicht durch Ansteckung von einer Wöchnerin auf die andere übertragen werden kann. Während man früher die Ursache des K. in einem besondern Miasma suchte, führte zuerst Professor Semmelweiß in Wien den jetzt von zahlreichen andern Forschern bestätigten Nachweis, daß die Krankheit durch ein echtes Kontagium, durch die übertragung gewisser mikroskopischer fäulniserregender Organismen (Coccobacteria septica Billrot/i) auf die innern wunden Geschlechtsorgane der Wöchnerin entsteht, in denen sie gewisse Zersetzungsvorgänge nach Art der Fäulnis veranlassen und schließlich durch das anhaltende hohe Fieber, eiterige Entzündungen der Lymphgefäße und Venen in der Umgebung der Gebärmutter, allgemeine Bauchfellentzündung und rasch eintretende Entmischung der allgemeinen Säftemasse in den meisten Fällen zum Tode führen. Die übertragung dieser Fäulnisbacterien in den Organismus der Wöchnerin erfolgt gewöhnlich während oder kurz nach der Entbindung durch unreine Instrum und Utensilien, durch den untersuchenden Finger der Hebamme oder des Arztes, wenn dieselben vorher kindbettfiebernde Wöchnerinnen besucht und sich nicht gründlich desinfizierthatten, durch unsaubere Schwämme, Verbandstoffe u. dgl. Die Symptome des K. können verschieden sein; gewöhnlich beginnt es mit heftigem Fieber (40“ C. und darüber) und hoher Pulsfrequenz (120 und mehr Schläge in der Minute), mit Schüttelfrösten, Delirien und großem Durst; dabei ist der Leib aufgetrieben und sehr empfindlich, der Wochenfluß wird sparsam, übelriechend, selbst jauchig stinkend und die vordem ergiebige Milchabsonderung hört gewöhnlich bald ganz auf; unter den Erscheinungen einer rasch sich ausbreitenden schweren Bauchfellentzündung (f. d.) erfolgt der Tod oft schon wenige Tage nach dem Beginn der Erkrankung. Nimmt die Krankheit einen günstigen Ausgang, so bleibt oft ein langes und schweres Siechtum zurück. Da die Prognose des K. durchschnittlich eine sehr ungünstige ist, so hat der Arzt seine ganze Sorgfalt auf die Verhütung der Krankheit zu verwenden. In dieser Beziehung sind äußerste Reinlichkeit, fleißige und ausgiebige Ventilation in den mißt, sind unter E aufzusuchen. 18* Wochenstuben und strenge Absonderung der Kranken von den Gesunden von der allergrößten Wichtigkeit. Hebammen und Wärterinnen, welche mit kranken Wöchnerinnen in Berührung kommen, dürsen unter keiner Bedingung die Pflege gesunder Wöchnerinnen übernehmen; die Arzte, welche Kindbettkranke behandeln, müssen sich nach jedem Besuch derselben auf das sorgsamste desinfizieren und erst der frischen Luft aussetzen, bevor sie andere Wöchnerinnen besuchen. Während der Entbindung selbst muß darauf geachtet werden, daß die Hebamme vor jeder Untersuchung sich Hände und Vorderarme mit einer scharfen Nagelbürste und fünfprozentiger Carbolsäurelösung gründlich desinfiziert, zum Einfetten der Hand und der Instrumente nur reines Carbolöl verwendet und die äußern Genitalien der Gebärenden gleichfalls mit warmem Wasser, Seife und einer zweiprozentigen Daes Focenetzs sorgfältig desinfiziert. Während des Wochenbettes sind die äußern Genitalien täglich wenigstens einmal, nach Befinden öfters mit Salicylwatte und zweiprozentigem Carbolwasser sorgsam zu reinigen; an Stelle der Stopftücher sind nur Salicylwattebäusche, als Unterlagen nur reine, täglich zweimal zu erneuernde leinene Tücher zu verwenden. Schwämme dürfen unter keiner Bedingung in der Wochenstube benutzt werden, da sie nur zu leicht die Träger von Ansteckungsstoffen werden. Bei jeder, auch der geringfügigsten Störung des Wochenbettes ist sofort ärzlicher Rat einzuholen. Durch die energische Anwendung der eben beschriebenen Verhaltungsmaßregeln ist in den Entbindungshäusern die Sterblichkeitsziffer, die vordem oft 1520 Proz. betrug, auf ein Minimum herabgesunken, und auch in der Privatpraxis haben sich peinlichste Reinlichkeit und die ausgiebigste Anwendung der antiseptischen Mittel bei der Entbindung und während des Wochenbettes als wirksamer Schutz gegen Wochenbettfieber tausendfältig bewährt. Vgl. Brennecke, «Praktische Regeln zur Sicherung eines gesundheitsgemäßen Wochenbettverlaufs (Magdeb. 1883).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 275Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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