FeedKommabarillen
TierreichBrockhaus 1882

Kommabarillen, mikroskopisch kleinste Organismen aus der Klasse der Schizomyceten oder Spaltpilze, welche von Robert Koch (s. d.) in den Drüsen der Darmschleimhaut und dem frischen Darminhalt der Cholerakranken aufgefunden wurden und von ihm als die eigentlichen Träger des Cholerakontagiums angesprochen werden. Der Kommabacillus besitzt meist eine nahezu kommaförmige Gestalt, mitunter wächst derselbe aber auch zu langen schraubenförmigen Fäden (übergang zur sog. Spirillenform) aus, während die Bildung von Sporen, also eine Dauerform, an diesem Bacillus nicht nachzuweisen ist. Es gelang Koch, die K. in Fleischbrühe, Milch, auf Kartoffeln u. s. w. massenhaft zu vermehren und in Fleischwasser-Pepton-Gelatine rein zu kultivieren. In Temperaturen von + 30 bis 40 C. gedeihen sie am besten; unter + 16° C. hört ihr Wachstum auf, aber selbst eine einstündige Temperatur von — 10 C. vermag sie nicht zu töten. Hingegen bedürfen sie des Sauerstoffs, ohne welchen sie rasch zu Grunde gehen. Sie wachsen und lecher: sich rasch, bleiben dann kurze Zeit auf gleicher Höhe und sterben hierauf schnell ab, ein Verlauf, der auch bei den Choleraepidemien sich widerspiegelt. In Feuchtigkeit (feuchter Wäsche, Erde, Brunnen u. s. w.) vermehren sich die K. rapid zu förmlichen Reinkulturen, während sie bei mangelnder Feuchtigkeit absterben. In sauer reagierender Flüssigkeit gehen sie gleichfalls zu Grunde, wogegen sie in alkalischer gedeihen. Gelangen sie also in einen gesunden Magen mit sauer reagierendem Magensaft, so werden sie, noch ehe sie in den Darm gelangen, unschädlich. Wer hingegen zur Zeit von Choleraepidemien durch Diätfehler sich Magenkatarrh zuzieht, bei dem hört die saure Reaktion des Magensaftes auf und der Bacillus passiert unversehrt den Magen, um im Darm sein Zerstörungswerk zu beginnen. Von den chem. Mitteln vermögen nur der Alkohol (in mindestens zehnprozentigen Lösungen), die Carbolsäure (i: 400) und der Sublimat (1: 100000) das Wachstum der K. aufzuhalten. Koch vermochte die K. nur bei der Asiatischen Cholera, bei keiner andern Darmkrankheit nachzuweisen und nimmt deshalb an, daß der Kommabacillus ganz spezifisch, nur der asiat. Cholera eigentümlich ist. Seine Heimat, in der er beständig existiert, sind die Sümpfe des Ganges-Delta, und von hier wird er durch die Entleerungen der von Cholera Befallenen weiter verschleppt, durch Verunreinigungen des Bodens und Wassers, besonders in den sog. Tanks (den Dorfteichen Indiens, welche den Umwohnern als Abfallwasser, Bad, Waschwasser und Trinkwasser dienen) förmlich gezüchtet und erregt hier Epidemien, während er Orte mit reinem, gutem Trinkwasser verschont. Die Cholera wird also stets von Indien aus verschleppt; außerhalb dieses Landes entsteht sie nirgends von selbst. Ihre Bekämpfung muß sich auf die Unterdrückung der ersten Fälle und auf die Abtötung der K. in den Entleerungen und Effekten der Kranken richten, ihre Verhütung auf die Instandhaltung des Magens und die Vermeidung von Excessen jedweder Art. Die Diagnose der Asiatischen Cholera ist durch den Nachweis der K. gegeben, aber nur durch Reinkulturen gesichert. Von verschiedenen Seiten ist die Richtigkeit der eben dargestellten Theorie Kochs über das Cholerakontagium bestritten worden. So haben Finkler und Prior in Bonn den Kommabacillus angeblich auch bei der Europäischen Cholera (Cholera nostras) in den Ausleerungen der Kranken, der engl. Patholog Lewis sogar in der Mundflüssigkeit Gesunder vorgefunden; doch haben genauere Untersuchungen ergeben, daß es sich hierbei nur um ähnliche, nicht aber um identische Bacillenformen gehandelt hat, und daß die Beobachtungen Kochs bis jetzt von keiner Seite ernstlich widerlegt worden sind.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 438Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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