FeedKopfschmerz
HeilkundeBrockhaus 1882

Kopfschmerz (cephalalgia, cephalaea) ist eins der am W vorkommenden Übel. Der Schmerz selbst ist sehr verschiedener Art. Bald wird er im ganzen Kopfe gefühlt, bald nur auf einer Seite, auf dem Scheitel, im Hinter⸗ oder Vorderkopfe, bald ist er stechend, bald klopfend, bohrend, drückend, dumpf u. s. w., bald auf eine nur eigroße oder noch kleinere Stelle beschränkt. Ebenso verschieden sind die Organe, von denen aus er erzeugt wird. Das Gehirn selbst, die Nerven der verschiedenen Gehirnhäute, die Schädelknochen, die Haut und Muskeln des äußern Kopfes, die Stirn⸗ oder Ohrhöhlen können der Sitz des übels sein. Dieselbe Mannigfaltigkeit herrscht in Hinsicht auf die Ursachen. K. begleitet fast alle fieberhaften Krankheiten und Gehirnaffektionen, die Verdauungsbeschwerden, sowie verschiedene Nervenkrankheiten, besonders Hypochondrie und Hysterie, wo er sich namentlich oft auf eine kleine Stelle (Clavus hystericus, hysterischer Nagel) beschränkt zeigt. Er tritt sowohl auf bei Blutanhäufung als bei Blutleere im Kopf (daher so häufig und auffallend bei Blutarmen und Bleichsüchtigen, bei Hungernden und Entkräfteten). Gewöhnlich ist der sog. anämische Kopf-Ieereh oder der Kopfschmerz durch Blutleere gleichmäßig in Schläfe und Stirn verbreitet, mehr dumpf und drückend, nicht sehr heftig, wird durch horizontale Lage und Bettruhe erleichtert, Dunch langes Stehen und Aufrechtsein dagegen verschlimmert und ist meist mit Schwindel, Neigung zu Ohnmacht und allgemeiner Blässe verbunden, wogegen der sog. kongestive Kopfschmerz oder der Kopfschmerz durch Blutwallung mehr klopfend ist, durch Husten, Niesen und Bücken gesteigert wird und meist mit Druck und Schwere im Kopf, Hyperästhesie und Sinnestäuschungen, Röte des Gesichts und Klopfen der Kopfarterien einhergeht. Der Schmerz kann sonach als reine Nervenaffektion (s. Neuralgie) oder als Symptom anderer Krankheiten vorkommen. Eine besondere gleichfalls häufig vorkommende Art des K. ist der sog. halbseitige Kopfschmerz oder die Migräne (s. d.) Ferner entsteht K. und Merpen infolge von Überreizung des Gehirns und Nervensystems überhaupt sog. nervöser oder neurasthenischer Kopfschmerz, besonders nach körperlichen und geistigen Anstrengungen, Nachtwachen, deprimierenden Gemütsaffekten, sorgenvoller und aufreibender Thätigkeit) oder bei beginnender Desorganisation des Gehirns und der Umgebungen desselben. Weiterhin sind auch akute oder chronische Verdauungsstörungen eine häufige Quelle des K.; manche Personen bekommen regelmäßig bei Magenkatarrh, Stuhlverstopfung u. dgl. intensiven K. (sog. gastrischer Kopfschmerz), der wahrscheinlich darauf zurückzuführen ist, daß gewisse Produkte der abnormen Verdauung, wie Buttersäure, Schwefelwasserstoff u. a. in den Blutstrom gelangen und vergiftend auf die nervösen Centralorgane wirken. Gewöhnlich verschwindet der gastrische K., sowie die zu Grunde liegende Verdauungsstörung gehoben ist. Der rheumatische Kopfschmerz oder die Kopfgicht endlich entsteht durch Erkältung und äußert sich als reißender, bei Anderungen des Wetters und der Temperatur sich steigernder Schmerz in der Kopfschwarte und den Schädelmuskeln. Weiterhin pflegen gewisse Vergiftungen, insbesondere mit Alkohol, Blei, Opiaten, Kohlenoxydgas u. dgl., uonadenn lange anhaltenden K. zu hinterlassen; von den chronischen Infektionskrankheiten pflegt insbesondere die Syphilis in ihren spätern Stadien von oft sehr heftigen Schmerzen in den Schädelknochen begleitet zu werden. Die Behandlung des K. muß selbstverständlich je nach der vorliegenden Grundursache sehr verschieden sein. Wenn der K. auf Blutandrang nach dem Kopfe beruht, was sich aus der Röte des Gesichts und der Augen, sowie aus dem Klopfen der Hals⸗ und Kopfschlagadern ergibt, so wende man die Kälte in der Form von nassen Kompressen, Eisbeuteln oder kalten übergießungen an, lagere den Kopf hoch und bediene sich der ableitenden Mittel (Senfteige oder Blasenpflaster in den Nacken, warme Hand⸗ und Fußbäder, eröffnende und ableitende Klystiere u. dgl.). Gerade entgegengesetzt sei das Verfahren bei jenen Formen des K., die auf Blutleere des Gehirns beruhen und mit blasser Färbung der Lippen, des Zahnfleisches und der Augenlider einhergehen; hier ist durch Tieflagerung des Kopfes, Vermeidung anhaltenden Stehens, durch kräftige Diät und anregende Mittel (Wein, Bier, Kaffee, Thee u. dgl.), durch frische Luft und Eisenpräparate die vorhandene Blutarmut des Gehirns zu bekämpfen. Beim nervösen K. sind absolute Ruhe und Schonung, die Vermeidung aller geistigen und körperlichen Anstrengungen, greller Lichteindrücke u. dgl., sowie eine gehörig nahrhafte, leichtverdauliche und milde Diät durchaus erforderlich. Gegen den halbseitigen K. verfahre man, wie unter Migräne (s. d.) angegeben. Beruht der K. auf Verdauungsstörun7 so sind eine knappe, magere Diät, salinische bführmittel und eröffnende Klystiere am Platze. Bei rheumatischem K. erweisen sich warme Einhüllungen des Kopfes, spirituöse Einreibungen und Senfteige, sowie die innerliche Darreichung der Salicylsäure nützlich. Gegen manche hartnäckige Formen des K. leistet die Anwendung des elektrischen Stroms treffliche Dienste.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 520Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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