Krakau (poln. Krakow), Hauptstadt der ehemaligen poln. Republik, jetzt eine Stadt mit eigenem Statut im österr. Königreich Galizien (s. d.), Station der Linie K. Lemberg der Galizischen Karl-Ludwigsbahn und der Linie Wien-K. der Kaiser-Ferdinands-Nordbahn, liegt in einer von einem sanft aufsteigenden Hügelkranze umgebenen Ebene, am linken Ufer der hier schiffbar werdenden und die Rudawa aufnehmenden Weichsel, über welche die neue, 1850 eröffnete Franz-Josephbrücke nach Podgorze führt. Die Stadt ist Sitz eines kath. Bischofs, eines Militärkommandos, mehrerer Justiz-⸗ und Verwaltungsbehörden, sowie einer Universität und zählt (1880) 66 095 E., darunter gegen 20000 Juden und einige hundert Deutsche. Sie hat 39 Kirchen, viele Kapellen, 15 Mönchs- und 10 Nonnenklöster und 7 Synagogen. Die vielen Kirchtürme und Kuppeln, das hohe mittelalterlich gebaute Schloß inmitten der Häusermassen in reizender Gegend gewähren einen imposanten Anblick. K. ist sehr regelmäßig gebaut und zeichnet sich durch gerade und breite Gassen aus. Das als Denkwürdigkeit erhaltene, 1498 erbaute Florianthor mit seinen sieben Türmchen ist der einzige Rest der alten Befestigung. Die Stadt ist mit vielen Wällen und Gräben umgeben und sowohl das Schloß als auch die einzelnen Forts auf den umliegenden Inabaen R. systematisch befestigt. Auf dem regelmäßigen Marktplatze steht das von Kasimir d. Gr. 1358 erbaute, 1557 und 1879 wiederhergestellte Tuchlaubengebäude, rechts der Rathausturm, die Hauptwache und die im 10. Jahrh. gegründete Kapelle des heil. Adalbert, in der Ostecke die mittelalterliche Stadtpfarrkirche der Heiligen Jungfrau, ein halbgot. imposantes Bauwerk mit zwei hohen Türmen, einem kunstvoll geschnitzten Hochaltar und wertvollen Glasmalereien. Auch die 1689—1703 erbaute St. Annenkirche und die St. Peterskirche aus dem 16. Jahrh. sind schöne Bauwerke, und die übrigen Kirchen haben ebenfalls viele architektonische Zierden aufzuweisen und knüpfen ihre Gründungen an bedeutungsvolle histor. Erinnerungen. Die Kathedrale auf dem Schlosse ist ein prachtvolles got. Gebäude, welches, angeblich zuerst von König Wladislaw Hermann (4081—-1102) gegründet, seine jetzige Gestalt unter Kasimir d. Gr. im 14. Jahrh. erhalten hat und in der mittelsten Kapelle die Gebeine des heil. Stanislaw in einem silbernen Sarge, in 18 andern, die Seitenschiffe umgebenden Kapellen die Gräber und Denkmäler der berühmtesten poln. Könige, Königinnen und Helden, des Jagello, der Hedwig, der drei Sigismunde, des Stephan Bathori, des Joh. Sobiesti, Kosciuszko, Jos. Poniatowski, und in der Kapelle der Familie Potocki ein Denkmal des Arthur Potocki von Thorwaldsen umschließt. Gegen Süden, zwischen dem vormaligen Grodzker Thore und dem durch die Stadt fließenden Weichselarme, liegt die Vorstadt Stradom mit der Bernhardinerkirche, dem bischöfl. Seminar und dem Regierungsgebäude. Daran schließt sich die von Kasimir d. Gr. zuerst als abgesonderte Stadt gegründete, auf einer Weichselinsel gelegene Vorstadt Kazimierz, und es ragen hier die Kirche des heil. Michael, in welcher der heil. Stanislaw am Altar seinen Tod fand, die Katharinen⸗ und die Fronleichnamskirche mit überresten herrlicher Glasmalereien, die mit dem Kloster und Hospital der Barmherzigen Brüder verbundene Dreifaltigkeitskirche und das vormalige, im got. Stil erbaute Rathaus aus der von der gesamten jüd. Bevölkerung bewohnten schmutzigen Häusermasse (der Judenstadt) hervor. Gegen Norden liegt die Vorstadt Kleparz mit der Kirche des heil. Florian und des heil. Philipp und Jakob, sowie mit dem Bahnhofe und den Getreide⸗ und Viehmärkten der Stadt. An dieser Nordseite befindet sich auch die Vorstadt Piasek (auf dem Sande) mit der 1087 gegründeten schönen Kirche zur Heimsuchung Marias und der Kirche zur Verkündigung Marias. Gegen Westen dehnen sich die Vorstädte Smolensk und Zwierzyniec aus, letztere mit dem Kloster der Norbertinerinnen. Im Osten endlich liegt die Vorstadt Wesola mit der Nikolauskirche, dem Hauptspital zu St. Lazarus, dem Kinderspital, der Kirche der heil. Theresia mit dem Kloster der Karmeliterinnen, ferner mit der mediz. Klinik, dem botan. Garten, der Sternwarte und dem Schützengarten mit dem 13. Sept. 1883 enthüllten Denkmal Sobieskis. Die nach ihrem Stifter benannte Jagellonische Universität, eine der ältesten Europas, wurde 1364 von Kasimir d. Gr. gestiftet, aber erst seit 1401 von Jagello und Hedwig zu Stande gebracht. Sie bildete seitdem den Mittelpunkt des wissenschaftlichen Lebens in Polen, verfiel indessen nach und nach gänzlich. Nachdem sie reorganisiert worden, ward sie 18. Okt. 1817 wieder eröffnet, erlitt jedoch seit 1833 abermals mehrfache Umgestaltungen. Die Universität besitzt eine besonders für die poln. Litteratur wichtige Büchersammlung von mehr als 300000 Bänden und 4500 Handschriften, ein Naturalienkabinett und einen botan. Garten. Andere höhere Lehranstalten sind die 1872 gestiftete Akademie der Wissenschaften, das geistliche Seminar, das Landschullehrerseminar, drei Gymnasien, eine Realschule und eine technische Gewerbeschule. Auch hat K. eine Litterarische und eine Musikalische Gesellschaft, einen Forstwissenschaftlichen Verein und ein Nationaltheater. K. treibt lebhaften Handel mit Getreide, Holz, Salz, Wein und Leinwand und hat mehrere Maschinenfabriken, große Bierbrauereien, Dampfmühlen, Olfabriken u. s. w. Vgl. Miltner, Der Führer durch K. und Umgebungo (2. Aufl., Krakau 1874). K. soll von Krakus, dem Fürsten der Polen, um 700 gegründet und nach ihm benannt worden sein. Nach Gnesen war es von 1320 an Haupt⸗ und Residenzstadt Polens, bis 1610 Sigismund III. sein Hoflager nach Warschau verlegte; auch später blieb es Krönungsstadt. Bis 1060 war K. Sitz einez Erzbischofs, dann aber eines Bischofs, wie jetzt noch, der seit 1443 auch souveräner Fürst von Sewerien, des Landstrichs zwischen K. und Schlesien, war. Das Magdeburger Recht bekam die Stadt schon 1257. Feuersbrünste verheerten sie 1025, 1125, 1475, 1528 und 1850; erobert wurde sie 1039 durch die Böhmen, 1241 durch die Mongolen, 1655 und 1702 von den Schweden,‚, 1768 als Sitz der Barer Konföderation von den Russen. Früher eine reiche, wohlhabende Stadt, die 1430 der Hansa beitrat, verarmte sie nach und nach und zählte 1787 nur 9449 E. Bei der dritten Teilung Polens (1795) kam sie an Ssterreich, welchem schon früher die Vorstadt Kazimierz zugefallen war, und mit ganz Westgalizien bildete sie 1809—14 einen Teil des Herzogtums Warschau. Die Republik Krakau, welche durch die Wiener-Kongreß-Akte geschaffen ward, umfaßte am t, sind unter C aufzusuchen. Nordufer der Weichsel ein hügeliges, fruchtbares, zum Teil bewaldetes Gebiet von 1220 akm mit etwa 140000 E. in der Hauptstadt K., einem Marktflecken und 71 Dörfern und Weilern. Der kleine Staat, von Preußen, Osterreich und Rußland begrenzt, sollte unter dem Schutze dieser drei Mächte einer steten Neutralität genießen und bildete gleichsam den letzten Rest des selbständigen Polen. Nach der Verfassung vom 3. Mai 1815 befand sich die gesetzgebende Gewalt in den Händen einer Volksrepräsentation, die jährlich vier Wochen lang Sitzung hielt. Die vollziehende Gewalt hatte ein Senat, der aus acht Senatoren und einem Präsidenten bestand. Wiederholte Eingriffe des Adels in die Konstitution veranlaßten im Nov. 1829 von seiten der drei Mächte die Absendung einer Untersuchungskommission nach K. Ende 1830 schloß sich ein Teil der Bevölkerung der poln. Revolution an. Infolge davon wurde K. durch russ. Truppen besetzt. Die Reorganisation der Republik erfolgte 1833. Als später poln. Flüchtlinge hier eine Freistatt fanden, ward K. im Febr. 1836 durch einige österr. Bataillone, eine Abteilung Kosaken und preuß. Ulanen unter dem Kommando des österr. Generals Kaufmann besetzt. Kaum hatten im Herbst 1837 die österr. Truppen den Freistaat verlassen, als neue Spuren einer geheimen Verbindung und die Ermordung des angeblichen russ. Spions Celak im Okt. 1838 eine wiederholte Besetzung K.s durch österr. Truppen veranlaßten, die nun bis 1841 dauerte. Als endlich im Febr. 1846 die auf alle Teile des ehemaligen Polen berechneten Aufstandsversuche zum Ausbruch kamen, machte die Insurrektion K. zu ihrem Hauptwaffenplatze und suchte von hier aus namentlich in Galizien vorzudringen. Allein die Invasion ward von osterr. Seite zurückgeschlagen und K. selbst durch die Truppen der drei Schutzmächte besetzt. Nachdem seit dem April in Berlin Konferenzen der Schutzmächte über die Feststellung der Verhältnisse K.s stattgefunden, kam 6. Nov. 1846 zu Wien eine definitive übereinkunft zu Stande, wonach die in Betreff K.s stipulierten Verträge von 1815 widerrufen und trotz der Protestationen Englands und Frankreichs Stadt und Gebiet an Ssterreich übergeben wurden, das 11. Nov. das Besitznahmepatent erließ. Durch die Reichsverfassung von 1849 ward dann das krakauische Gebiet dem Kronlande Galizien einverleibt.