FeedKönigsberg
VerkehrBrockhaus 1882

Königsberg (poln. Krolewiech, stark befestigte Hauptstadt des gleichnamigen Regierungsbezirks und der Provinz Ostpreußen, die dritte Residenz des preuß. Staats, liegt am Pregel, über welchen hier acht Brücken führen, 7 EKm von dem Einflusse desselben in das Frische Haff, an der äußersten Südgrenze Samlands, von seinem Vorhafen Pillau 50, von der Nordküste Samlands 30 Em entfernt, ist Station der Linie Berlin-K.⸗Eydtkuhnen der Preußischen Staatsbahnen und der Linie Pillau-Lyk der Ostpreußischen Südbahn, und besteht aus der Altstadt, dem Löbenicht und dem Kneiphof‚, welche 1724 zu einer Stadt vereinigt wurden. Die größern Vorstädte mit eingerechnet, beträgt der Umkreis der Stadt 15 km. Die Stadt, 1255 ge-Bahmen und zu Ehren des Königs Ottokar von öhmen K. genannt, war 1457—1525 die Residenz des Hochmeisters des Deutschen Ordens und 1525 — 1618 der preuß. Herzöge. Das Schloß, ein Viereck von 110 m Länge und 70 m Breite bildend, liegt auf einer kleinen Anhöhe. In der Schloßkirche setzte sich Friedrich I. 1701 und Wilhelm I. 1861 die Königskrone aufs Haupt. Die Stadt hat 15 Kirchen, darunter eine katholische (1616 erbaut), außerdem ein mennonitisches Bethaus und eine schöne, 1811 errichtete Synagoge. Nur wenige Straßen der innern Stadt sind gut gebaut. Doch finden sich in der Königsstraße, der Junkerstraße, in der Vordern Vorstadt, auch in den übrigen Vorstädten, sowie im altertümlichen Kneiphof ansehnliche und schöne Privathäuser. Der Kneiphof ist auf einer Insel des Pregel auf Pfählen erbaut! und vorzugsweise Sitz der reichen Kaufmannschaft. Innerhalb desselben erhebt sich der 1332 von dem Hochmeister Herzog Lothar von Braunschweig erbaute Dom, 92 mlang, 26 mebreit, mit einem 50 m hohen Turme, einer prachtvollen, großen, 1721 von Joh. Josua Mosengel vollendeten Orgel, den Gräbern der deutschen Hochmeister und Herzöge von Preußen und der von Wallenrodschen, 10000 Bände umfassenden und wichtige Handschriften zur preuß. Landes- und Adelsgeschichte enthaltenden Bibliothek, welche in zwei Zimmern des Turmes aufgestellt ist. Im Dom ist in einer Seitenkapelle, Stoa Kantiana genannt, Kant begraben. Vgl. Gebser und Hagen, „Beschreibung des Doms zu K. »(2 Tle., Königsb. 1833 —35). Unter den Bauwerken aus neuerer Zeit zeichnen sich die östl. Festungsthore der Stadt, das Sackheimer und Roßgärtner, sowie das 1879 bedeutend erweiterte Steindammerthor, der e von Königsberg. Justizpalast, die Börse, die große Kürassierkaserne und vor allem das prächtige neue Universitätsgebäude (1844—63 erbaut) aus. Im alten Universitätsgebäude befindet sich jetzt die Stadtbibliothek von 30000 Bänden. Von den Denkmälern verdienen die ehernen Statuen König Friedrichs I. (von Jakobi und Schlüter in Berlin gefertigt und 3.Aug. 1802 aufgestellt) und Friedrich Wilhelms III. (von Kiß gefertigt und 3. Aug. 1851 enthüllt), das Standbild Kants von Rauch und das Denkmal zum Andenken an die im Deutsch-Französischen Kriege von 1870 und 1871 Gefallenen in dem neuangelegten schönen Volksgarten, besondere Erwähnung. Die Befestigungen bestehen aus einem Hauptwalle und 12 weit vorgeschobenen Forts; innerhalb der Wälle befinden sich noch zwei große fortifizierte Werke (die Kaserne Kronprinz auf Herzogsacker und Fort Friedrichsburg). Vor dem Steindammerthor ist eine schöne, sehr belebte Promenade, die sog. Hufen, mit vielen Parks, Villen u. s. w. ißt, sind unter C aufzusuchen. 30* K. ist Sitz des Oberpräsidenten der Provinz Ostpreußen, der Regierung für den Regierungsbezirk K., eines Oberlandes-, Landes- und Amtsgerichts, eines Eisenbahnbetriebsamts, einer Oberpostdirektion, des Landratsamts für den Landkreis K., des Generalkommandos des 1. Armeekorps und des Kommandos der 1. Division, sowie einer Universität. Dieselbe wurde von dem Markgrafen Albrecht I., Herzog von Preußen, 1544 gestiftet (Collegium Albertinum) und zählte unter dem Großen Kurfürsten 1644 über 2000 Studenten, 1884 hingegen nur 925. Der erste Rektor war Georg Sabinus, der Schwiegersohn Melanchthons. Seit ihrer Gründung bis auf die Gegenwart herab lehrten an der Universität sehr bedeutende Männer, wie Baer, Bessel, Burdach, Herbart, Jacobi, Kant, Lobeck, Olshausen, Rosenkranz, Lehrs u. s. w. Ostern 1884 umfaßten die vier Fakultäten 46 ord., 24 außerord. Professoren, 22 Privatdocenten, nebst 2 Lektoren und 4 Sprach- und Exerzitienmeistern. Die Universität hat neun Kliniken, acht Seminare, darunter das 1723 von Friedrich Wilhelm I. für Prediger der polnisch und litauisch redenden Landesgegenden gestiftete, einen 1809 angelegten, später sehr erweiterten botan. Garten, ein anatom. Theater, ein vorzügliches zoolog. Museum, ein Münzkabinett, ein Mineralienkabinett und eine physik. Instrumentensammlung, eine Sammlung von Kunstsachen und Gipsabgüssen nach Antiken und eine sehr schöne, 1811 — 13 erbaute Sternwarte, welche durch ihre vorteilhafte Lage fast den ganzen Horizont beherrscht und mit den trefflichsten Instrumenten ausgerüstet ist. Die Universitätsbibliothek umfaßt 220000 Bände, darunter viele Handschriften, wertvolle Inkunabeln und kostbare ältere und neuere Kupferwerke. Das geheime Archiv des ehemaligen Ritterordens verwahrt wichtige Urkunden zur preuß. und deutschen Geschichte und hat seit 1811 einen eigenen Direktor. Vgl. Gervais, «Die Gründung der Universität K. und deren Säkularfeier 1644 und 1744 (Danz. 1844); Witt, „Die dritte Jubelfeier der Albertus-Universität zu K. (Königsb. 1844). Außerdem bestehen zu K. an höhern Unterrichtsanstalten vier Gymnasien (darunter das Collegium Fridericianum), ein Progymnasium, zwei Realgymnasien und eine Höhere Bürgerschule. Von Kunstanstalten sind, außer dem Theater, die durch Bemühungen von Schöns 1845 ins Leben gerufene Akademie der Künste und das Stadtmuseum (Gemäldegalerie) zu erwähnen. Ein Konservatorium für Musik wurde 1881 gegründet. Unter den wissenschaftlichen Vereinen haben namentlich die Polytechnische Gesellschaft, die Königliche deutsche Gesellschaft (1741 gestiftet), die Physikalisch-ökonomische Gesellschaft (1799 von Mohrungen nach K. verlegt) und die Altertumsgesellschaft Prussia (seit 1846) eine bedeutendere Thätigkeit entwickelt. Außer vielen andern Humanitätsanstalten bestehen zu K. auch zwei Taubstummeninstitute, eine Blindenanstalt, ein großes Hospital, ein Siechenhaus und drei Waisenhäuser. K. hat (1880) 140 909 meist prot. C., deren hauptsächlichste Nahrungsquelle der sehr bedeutende Handel bildet. Hauptartikel der Ausfuhr sind Getreide und Hülsenfrüchte, der Einfuhr aber Zucker, Thee und Heringe. Der Schiffbau hat gegen früher abgenommen. Obgleich der 10—20 m tiefe Pregel auch größere Seeschiffe zu tragen vermag, können diese doch wegen der seichten Stellen im Haff nicht bis zur Stadt herankommen, sondern müssen bei der Festung und Hafenstadt Pillau anlegen. Den Handel fördern eine Reichsbankhauptstelle, die Ostpreußische General-Landschaftsdirektion nebst Darlehnskasse, eine Vereinsbank, eine Probvinzialhilfskasse und ein Kreditverein. Die Fabrikthätigkeit ist nicht ohne Bedeutung. Es bestehen einige größere Maschinenbauanstalten, Eisengießereien, Tabacks⸗, Seifen⸗, Lichtfabriken, Färbereien, Gerbereien, Kalk- und Gipsbrennereien, Piano⸗ , Lack⸗ und Wagenfabriken; auch auswärts bekannt und beliebt sind die Zuckerbäckerwaren, besonders der Marzipan. Der Regierungsbezirk Königsberg hat ein Areal von 21107 qkm, zählt (1880) 1 155 545 CE., worunter 899045 Evangelische, 238 398 Katholiken und 12427 Juden; am Kurischen Haff wohnen 45000 Litauer, im Süden 190000 Polen. Der Bezirk zerfällt in die 20 Kreise: Stadt K., Landkreis K. (1051 qkm mit 53 143 E.), Fischhausen, Memel, Labiau, Wehlau, Heiligenbeil, Friedland, Rastenburg, Preußisch-Eylau, Gerdauen, Braunsberg, Heilsberg, Rössel, Allenstein, Preußisch-Holland, Mohrungen, Osterode, Neidenburg und Ortelsburg. Vgl. außer den ältern Werken von Arnold und Baczko: Faber, «Die Haupt⸗ und Residenzstadt K.v (Königsb. 1840); Rosenkranz, Königsberger Skizzen» (Danz. 1842); Jung, K. und die Königsberger » (Lpz. 1846).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 467Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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