FeedLemberg (poln. LWOW, lat. Leopolis)
GeschichteBrockhaus 1882

Lemberg (poln. LWOW, lat. Leopolis), Hauptstadt des österr. Königreichs Galizien, liegt am Bache Peltew in einem engen Thalkessel, von Hügeln umschlossen, auf deren höchstem, dem Unionshügel, spärliche Ruinen der alten Burg liegen, an der Erzherzog-Albrecht⸗, der Galizischen Karl-Ludwig⸗ und der L.⸗Czernowitzer Bahn, zählt (1880) mit den vier Vorstädten 109 746 E., darunter über 30000 Juden. Die Stadt, besonders die Vorstädte, sind größtenteils neu und gut gebaut. Man zählt 33 röm.⸗, griech.⸗ und armen.⸗kath. Kirchen, 16 Klöster (darunter 8 für Nonnen), 8 Kapellen, eine griech.⸗nichtunirte Kapelle, eine evang. Kirche und 2 israel. Tempel nebst 11 israel. Bethäusern. Unter den Bauwerken L.s sind bemerkenswert: die röm.⸗kath. Domkirche im got. Stil, doch durch spätere Zubauten entstellt, nebst kunsthistor. interessanter Kapelle; die riech.⸗kath. Stadtpfarrkirche mit altem Turm und schner, im byzant. Stil angebauten kleinen Ka-Peter die Dominikanerkirche, nach dem Vorbild der Peterskirche in Rom aufgeführt, mit schönen Denkmälern, besonders Marmordenkmal der Gräfin Borkowska von n. die griech.Kath. St. Georgs-Kathedrale, auf einer die ganze Stadt beherrschenden Anhöhe im byzant. Stil aufgeführt. Zu den ältesten kirchlichen Bauwerken L.s gehören die griech.⸗kath. St. Nikolaikirche (1292 erbaut) und die röm.⸗kath. Maria-Schneekirche, von den ersten in der Stadt angesiedelten Deutschen 1340 aufgeführt. Von andern Gebäuden sind noch zu nennen: das 1828 — 37 erbaute Ratns mit 80 m hohem Turm; das gräfl. Skarbeksche Theater, in welchem poln. Darstellungen stattfinden; das Palais des röm.⸗kath. Erzbischofs, das Invalidenhotel, das allgemeine Krankenhaus, die Bahnhöfe, das Landtagsgebäude, die Statthalterei, die technische Akademie und die Landesirrenanstalt; der Justizpalast ist (1885) im Bau begriffen. L. ist Sitz der Landesstatthalterei, des galiz. Landtags, des Oberlandesgerichts, des Generalkommandos und anderer Behörden, sowie dreier leines römisch-katholischen, eines griechisch-unierten und armen.⸗unierten) Erzbischöfe mit deren Konsistorien und Domkapiteln, eines evang. Superintendenten und eines Oberlandesrabbiners. An der Spitze der Bildungsanstalten steht die 1784 gestiftete und 1817 erneuerte Universität, zu ihr gehören eine Bibliothek (86000 Bände, 400 Allen) andere über 10000 Stück Münzen und Medaillen), andere wissenschaftliche Sammlungen und ein guter botan. Garten mit Gärtnerschule. Außerdem bestehen zu L. ein röm. Kath. und ein griech.Kath. Seminar, eine mit reichen wissenschaftlichen Sammlungen versehene technische Akademie, vier k. k. Obergymnasien, eine Oberrealschule, ein Lehrer⸗ und ein Lehrerinnenseminar, eine Tierarznei⸗, eine Forst⸗, eine Handelsschule und andere Unterrichtsanstalten, denen sich auch ein Taubstummen⸗ und ein Blindeninstitut anreihen. Das vom Grafen Ossolinsti zu L. gegründete Nationalinstitut besitzt eine besonders für die poln. Litteratur wichtige Bibliothek (81000 Werke, 3000 Handschriften, über 9000 6 22 und ein Museum altertümlicher Gegenstände. Neben andern Sammlungen und Bibliotheken sind noch das reichhaltige gräfl. Diieduszyckische Musfseum für Naturkunde und Ethnographie Galiziens und das städtische Museum für Kunst und Gewerbe zu nennen. Im Mittelalter besaß L. infolge Len 2 Lage zwi⸗ +11 dem Schwarzen und Baltischen Meer einen überaus blühenden Handel, der jedoch seit dem Untergang Polens sanit der Industrie fast völlig verloren ging. Erst in neuerer Zeit, seit der Eröffnung der Eisenbahnen, hat sich der Kommissions⸗ und Speditionshandel (fast gänzlich in jüd. Händen) wieder etwas gehoben. Fabriken bestehen zu L. für Maschinen (6), Zündhölzer (2), Stearinkerzen (1), Naphtha (1), Arrak und Rosoglio (3), Cichorie 0, Chokolade (2), Albumin (2), Leder (1), Gips (I), Stöpsel (1), Korbwaren (1), Strickwaren (1), Jalousien (3), Spodium (1), wozu noch 5 Brauhäuser, 4 Dampfmühlen und 5 Dampfbrotbäckereien, ferner 12 Ziegelbrennereien, 4 Gießereien und 1 Gasanstalt kommen. Für Förderung des Handels und der Industrie bestehen zu L. die Ständische Bodenkreditanstalt, das armen. Pfandleihhaus, eine Sparkasse, Filiale der Österreichisch-Ungarischen Bank, die Handels⸗ und Gewerbekammer, 10 Agentien verschiedener Assekuranzen, die Galizische Aktienbypothekenbank und mehrere andere Kreditanstalten. Die bedeutende Dreikönigsmessery beginnt am Montag nach dem Dreikönigstag (6. Jan.) und dauert vier Wochen. In neuerer Zeit hat L. auch eine Citadelle erhalten. — L. wurde von Lew oder Leo Danilowicz, Fürsten von Halicz, zwischen 1250 und 1259 gegründet und nahm seinen Aufschwung, nachdem Halicz, die frühere Hauptstadt des Landes, von den Tataren verwüstet worden war. Im J. 1340 wurde es von Kasimir d. Gr. erobert, erhielt 1352 deutsches Recht, wurde 1412 Sitz eines röm.⸗ kath. Erzbischofs und war die Hauptstadt der poln. Provinz Reussen (Terra Russia), seit dem 17. Jahrh. der Wojwodschaft Lemberg Rotrußlands. Es verteidigte sich oftmals mutig gegen feindliche Überfälle, so der Tataren 1514, der Tataren und Kosaken 1648, gegen die Türken 1672, gegen die Tataren 1695, gegen die Schweden unter Karl XII. 1704. Durch die erste Teilung Polens fiel die Stadt 1772 an Osterreich. In den Unruhen 1848 erlitt dieselbe ein Bombardement, das bedeutenden Schaden, besonders am Universitätsgebäude, anrichtete.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 944Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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