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TechnikBrockhaus 1882

Kupferstiche nennt der Sprachgebrauch sehr uneigentlich die Abdrücke, die mit Druckerschwärze oder andersfarbiger Flüssigkeit auf Papier, Pergament, Atlas u. s. w. von Stichen auf Metallplatten gemacht werden. Die ältesten gravierten Platten, von welchen man wenige Abdrücke mit der Handwalze machte, waren von edelm Metall, aber nicht zum Druck bestimmt. Kupfer⸗, Zinn⸗ und Eisenplatten traten an deren Stelle, als man auf die Idee kam, von gravierten Platten Abdrücke in großer Anzahl mittels der Walzenpresse zu ziehen. Zinn und Eisen bewiesen sich aber nicht stichhaltig und wurden bald aufgegeben; man gebrauchte ausschließlich Kupfer, bis in neuerer Zeit auch noch Stahl und Zink an die Reihe kamen. Je nachdem dabei die Grabstichel⸗ oder Radiernadelarbeit allein oder überwiegend angewandt ist, unterscheidet man zwei Hauptklassen: eigentliche Kupferstiche und Radierungen. Der Grund dieser Einteilung bezieht sich nicht bloß auf das Mechanische, sondern auch auf das Wesentliche der Bearbeitungsart. Radierungen sind meistens von Malern erfunden und häufig in Einem Zuge ausgeführt; sie haben den ganzen Reiz geistreicher Originalgedanken, die volle Freiheit des leichten, spielenden Vortrags. K. hingegen sind übertragungen auf Kupfer. Beide Arten dieser kleinen Kunstwerke wurden seit ihrer Entstehung geschätzt und gesammelt, wozu namentlich der Abbé von Marolles um die Mitte des 17. Jahrh. in Frankreich das Beispiel von großartigem Maßstabe gab. Nach ihm erlangten besonders Mariette, Silvestre, Basan, Paignon-Dijonval, Graf Rigal, Durand, Debois in Paris, Bankier Winckler in Leipzig, Graf Fries in Wien, Ploos van Amstel, Baron Verstolk van Soelen in Amsterdam, Reynolds, Mark Mastermann Sykes, Herzog von Buckingham in London den meisten Ruf als Kupferstichsammler. Dieselbe Sammlerlust ward auch bei den Fürsten rege, und aus solchen königl. Sammlungen entstanden die öffentlichen Kupferstichkabinette in London, Paris, Dresden, Berlin und Wien, die als die reichsten und vollständigsten berühmt sind. Gleichzeitig machten sich die K. unter Glas und Rahmen als Zimmerverzierungen geltend und verdrängten die Malereien aus den Wohnungen der Kunstliebhaber, was einen beträchtlichen Einfluß auf die bildenden Künste gehabt hat. Gegenwärtig sind K. ein Hauptzweig des Kunsthandels. Der ursprüngliche Preis war mäßig. Albrecht Dürer auf seiner Reise in den Niederlanden (1520) verkaufte eins seiner Hauptblätter, Adam und Eva, um 4 Stüber, und etwa 50 Jahre später wurde ein ganzer Druck seiner Werke nur auf 36 Fl. angeschlagen. Im 17. Jahrh. trifft man jedoch bereits Conversations-Lexikon. 13. Aufl. X. Rembrandts berühmtes Hundertguldenblatt, so benannt von der Summe, die sich der Künstler für jedes Exemplar bezahlen ließ. In neuerer Zeit sind die Preise außerordentlich gestiegen. Ein Abdruck des ersten Plattenzustandes von dem genannten Hundertguldenblatt wurde in einer Versteigerung zu London 1868 für 1100 Pfd. St. verkauft, und ein Abdruck des zweiten Plattenzustandes von Rembrandts Porträt des Bürgermeisters Six, 1877 in Paris, bis zu 17000 Frs. hinaufgetrieben. Abgesehen von der Seltenheit, ist der Preis von der Güte des Abdrucks bedingt. Die verhältnismäßige Schönheit und oft auch die Seltenheit der Abdrücke ist an Kennzeichen gebunden, die entweder die Stufenfolge der Plattenzustände oder die Zeitfolge der Auflagen konstatieren. Bei den Werken der alten Meister unterscheidet man im allgemeinen nur afrüherey oder espäteres Drucke und man versteht unter erstern die von den noch frischen Platten gemachten Abzüge, welche die Meister selbst besorgten, die zugleich Stecher, Drucker und Verleger und in dieser dreifachen Eigenschaft gleich gewissenhaft waren. Die Zahl der von ihnen in Umlauf gesetzten Eremplare ging selten über etliche tausend, und Lukas von Leiden soll auf seinen Ien Namen so eifersüchtig gewesen sein, daß er alle Fehldrucke vernichtete. Aus dem Nachlasse der Künstler aber gelangten die Platten in den Besitz von Erben oder Kunsthändlern, die sie um so rücksichtsloser abdrucken ließen, je ergiebiger die Ausbeute war. Daher rühren die vielen schlechten Abdrücke, wie sie in den Sammlungen und Versteigerungen meist vorkommen. Durch das fortwährende Abwischen des Plattengrundes wurden die scharfen Schnittränder allmählich abgescheuert und wegpoliert, sodaß die zartern Teile immer schwächer, und zuletzt gar nicht mehr zum Vorschein kamen, die kräftiger gearbeiteten Stellen durch das Einbrechen der Strichlagen zu dunkeln Flecken wurden und die nunmehrigen Abdrücke aller Klarheit und Harmonie ermangelten. Wenn demungeachtet noch Bestellungen eingingen, so wurden die abgenutzten Platten Kaufgestocheno (retouchiert), d. h. stellenweise oder ganz überarbeitet, indem man die Schattenpartien mit Zwischenstrichen (sog. Kreuzschraffierungen) verstärkte oder anderweitige Zusätze machte, um wieder mehr Wirkung und Haltung hervorzubringen. Manche alte Platten sind von Hand zu Hand, von Generation zu Generation übergegangen und wenn sie abgenutzt waren, wieder aufgestochen worden. Einzelne Werke von Marcantonio machten noch in neuerer Zeit in ganz schwachen Abdrücken einen Handelsartikel der päpstl. Getzt königl.) Kupferdruckerei zu Rom aus. Die Chalkographie des pariser Museums besitzt die zahlreichste Sammlung alter Kupferplatten und verkauft davon fortwährend neue Abdrücke. Auf Stichen aus älterer Zeit, wo der Meister selbst den Verlag seiner Werke betrieb, findet man keinen Verlegernamen, sondern bloß den Namen oder das Namenszeichen des Stechers. Als aber später der Künstler das Verlagsgeschäft einem Unterhändler übertrug oder auch für seinen Verleger arbeitete, so überließ oft, nachdem die erste Nachfrage des Publikums befriedigt war und der Druck das Aufstechen erforderlich machte, der Stecher oder der Verleger die Platte einem zweiten, welcher sie nach gemachtem Gebrauch einem dritten abtrat, von denen jeder seinen eigenen Namen oder seine «Adressey zufügte, indem er die seines Vorgängers durch die seinige ersetzte. Aus diesen Verlagsverhältnissen ergibt sich ein anderes Kennzeichen des vergleichungsweise frühen Drucks, und Händler und Sammler sprechen von Abdrücken «vor allen Adressen» oder amit der ersten Adresseo. Die Namen der Wiederverleger genießen gewisse Grade von Achtung, weil einige nur in gutem oder noch brauchbarem Zustande erhaltene Platten in Verlag zu nehmen pflegten, andere dagegen vorzugsweise abgenutzte Platten an sich brachten. So gelten Drucke aus dem Verlage von Vandermeulen als von einer leidlichen Beschaffenheit, während die Verlagsadresse von Salamanca oder Thomassin einen 4 mittelmäßigen Abdruck voraussetzen läßt. Die Kupferstecher nehmen von ihren unfertigen Platten, in den verschiedenen Graden der Bearbeitung etliche Abdrücke, woraus sie selbst oder ihre Freunde sehen konnten, wie die Arbeit ausgefallen und was daran etwa zu ändern sein möchte. Diese Abdrücke heißen von ihrem Zwecke «Probeabdrückev und haben augenscheinliche Merkmale des frühen Drucks an sich. Sie sind oft Unica und werden gewöhnlich, aber mit Unrecht, zu den besondern Abdrucksgattungen gerechnet, d. h. als Abdrücke ersten, zweiten, dritten u. s. w. Plattenzustandes verzeichnet. Die Stufenfolge der Plattenzustände beginnt billig erst, wo bei dem ganz oder beinahe vollendeten Stich nur etwa noch der Künstler⸗ oder Verlegername oder die Unterschrift hinzuzusetzen ist, oder bei der bereits im Druck befindlichen fertigen Platte Verbesserungen oder Abänderungen anzubringen sind. Solche Plattenzustände sind gemeint mit den Unterscheidungen, wie sie gemacht werden zwischen Abdrücken «vor der Schrifto (avant la lettre), mit coffener oder angelegter Schrifte (avec lettre grise), mit «gesperrter oder ausgeführter Schrifto (avec lettre noire), und diese Abdrucksgattungen sowie anderweitige, als »Abdrücke auf chines. Papierv, bringen Preisabstufungen mit sich, je nach der Priorität des Drucks. Das Hauptmerkmal des frühzeitigen Drucks ist bei einer ganzen Klasse von Stichen die größere oder geringere Sichtbarkeit des sog.«Plattenbartsvoder «Plattengratsv. Dieses Kunstwort findet seine Anwendung hauptsächlich auf Platten, wo mit der Schneidenadel gearbeitet ist. Der Grabstichel sowohl als die Radiernadel bewirkt nämlich, daß sich auf jeder Seite der damit ins Kupfer eingeschnittenen oder eingerissenen Striche ein rauher Rand mit Widerhälchen bildet; nur wird dieser auf den Platten mit dem Schaber entfernt. Bei den Radierungen läßt man ihn bisweilen stehen, und da beim Einschwärzen viel Schwärze daran hängen bleibt, kommen die Schraffierungen dick, unklar und zerflossen zum Vorschein. Es entsteht eine weiche, reiche samtartige Wirkung, welche an den helle Stellen beendigenden oder durchkreuzenden Taillen vorzüglich bemerkbar wird, und namentlich hat Rembrandt in seinen Radierungen den unabgeschabten Plattengrat dazu benutzt, die Schattenpartien zu verstärken und diesen einen Tusch-oder Schwarzkunstton zu geben. Da sich nun aber dieser struppige Plattenbart bei fortgesetztem Druck durch das Abwischen immer mehr abglättet, so sind diejenigen Abdrücke, in welchen die Bartschwärze in größter Stärke und Fülle hervortritt, als die frühesten zu betrachten, und die Abstufung dieser Eigenschaften macht die Reihenfolge der Drucke kenntlich. (Vgl. den Artikel Kupferstechkunst, wo sich auch Litteraturangaben finden.)

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 689Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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