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GeschichteBrockhaus 1882

Lafayette (Marie Jean Paul Roch Mves Gilbert Motier, Marquis de), franz. General, geb. 6. Sept. 1757 im Schlosse Chavagnac im Depart. Ober-Loire, begab sich, als der nordamerik. Befreiungskampf begann, 1777 trotz des Verbots des franz. Hofs nach Nordamerika, wo ihn der Kongreß sofort zum Generalmajor ernannte. Bald gewann er auch die Freundschaft Washingtons. Schon in dem ersten Gefecht am Brandywine verwundet, half er, kaum hergestellt, den Sieg bei Glocester erringen, dann führte er den Befehl über die Division von Virginien. Anfang 1778 wurde er als General der Nordarmee nach Canada geschickt; doch Dieren Unte Expedition aus Mangel an Mitteln. Diesen Unternehmungen folgten der berühmte Rückzug von Barren-Hill, das Gefecht von Monmouth, wo L. die Avantgarde befehligte, und die Einschiffung des Korps von Sullivan, als der kombinierte Angriff gegen Rhode-Jsland durch den Rückzug der franz. Escadre gescheitert war. Auf die Nachricht von der Kriegserklärung zwischen Frankreich und — eilte L. Febr. 1775 in sein Vaterland zuruck, um für die junge Republik 54 wirken. Anfang 1780 erschien er wieder zu Boston und kündigte die Ankunft des franz. Hilfskorps unter Rochambeau an. Der Kongreß vertraute L. nun die erteidigung des bedrohten Virginien. Mit einem geringen Korps oer 0 es ihm, dem Lord Cornwallis den Weg über locester und Williamsburg abzuschneiden, sodaß Washington mit dem vereinigten amerik.⸗franz. Korps herbeieilen und den zu Horktown eingeschlossenen engl. General 17. 1781 zur Kapitulation zwingen konnte. L. ging wieder nach Frankreich zurück, wo man ihn enthusiastisch feierte; 1784 unkernahm er eine dritte Reise nach Amerika, von der er 1785 zurückkehrte. Eine neue Epoche in L.s Leben begann mit der Einberufung der Generalstände im Mai 1789. Als Mitglied der Adelskammer gewählt, hielt er sich doch von 4 zu der Bewegungspartei, trat 25. Juni mit der Adelsminorität zum dritten Stande, der sich damals schon als Nationalversammlung konstituiert hatte, über, war einige Tage Vizepräsident der Versammlung, in welcher Stellung er am 11. Juli seinen Entwurf der Menschenrechte einreichte, und ward nach dem Bastillesturm zum Generalkommandanten der pariser Nationalgarde bestellt. Als solcher führte er halb gezwungen am Abend des 5. Okt. die bewaffnete Bourgeoisie nach Versailles. Es war nicht seine Schuld, wenn hier der pariser Pöbel das Schloß stürmte und die königl. Familie mit dem Tod bedrohte. Sein Fehler war der allgemeine des optimistischen Sichgehenlassens, der vertrauensseligen Nachgiebigkeit gegen die brutalen Instinkte der Masse. Als Befehlshaber der bewaffneten Macht im Centrum des Reichs nahm L. seit der übersiedelung des Hofs und der Nationalversammlung nach Paris die einflußreichste Stellung im Staate ein. Die mißglückte Flucht des Königs (Juni 1791) traf, obgleich L. nicht darum wußte, doch auch ihn und die zu ihm haltende Bourgeoispartei, während die Radikalen mächtig erstarkten. Diese siegten Nov. 1791 durch die Wahl Pétions zum Maire von Paris gegen L., den der Hof bei seiner Bewerbung im Stich ließ. Dafür rächte sich L., indem er gleich darauf die kriegseifrige Gironde gegen die Friedenswünsche des Königs unterstützte. Als der Krieg begann, erhielt L. den Befehl über die Nordarmee an der belg. Grenze. Aber die Niederlagen der unter Dillon und Biron in Belgien eindringenden Kolonnen brachten die Radikalen in Paris völlig ans Ruder, und L., der Ende Juni 1792 dahin eilte, vermochte nichts gegen sie auszurichten. Von dem Haß der Jakobiner hegleitet, ging er ins Lager zurück. An der Anklage der Jakobiner gegen ihn (8. Aug. 1792) entzündete sich die Krisis, welche zum Sturz des Königtums am 10. Aug. führte. Als die Mehrheit der Nationalversammlung die auf Hochverrat lautende Anklage gegen L. ablehnte, brachten die Radikalen die pariser Massen zu dem Sturm auf die Tuilerien. L. wurde als Rebell abesetzt und sah sich, von seinen Truppen meist verlasbn zur Flucht genötigt. Am 19. Aug. wurde er von en österr. Vorposten gefangen und mit seinen Begleitern, darunter Alexandre Lameth, nach Olmütz gebracht. Erst infolge der Verhandlungen zu Leoben wirkte Bonaparte 1797 seine Befreiung aus. L. ließ sich in Hamburg nieder, kehrte aber nach dem 18. Brumaire nach Frankreich zurück, wo er fortan zurückgezogen 11 seinen Gütern lebte. In den Hundert Tagen ließ ihm Napoleon I. die Pairswürde antragen, die er ausschlug, während er die Wahl in die Deputiertenkammer annahm. Nach der Schlacht bei Waterloo trat er für die Grundsätze von 1789 ein, setzte die Permanenz der Kammer durch, drang auf Napoleons Abdankung und beteiligte sich an der Kommission, welche den Verbündeten den Waffenstillstand antrug. Nach der gewaltsamen Schließung des Sitzungssaals vom 8. Juli lebte er wieder in der Fpart.Goethe heit. Aun J. 1818 wählte ihn das Depart. Sarthe in die Kammer, wo er seinen Sitz auf der äußersten Linken nahm, bis er durch die Wahlen von 1824 wieder ausgeschlossen wurde. Auf die von dem Präsidenten der Vereinigten Staaten erhaltene Einladung unternahm er im Juli 1824 in Begleitung seines Sohnes nochmals die Reise nach Nordamerika. Val. (Voyage du général L. aux Etats-Unis en 1824 et 18255 (4 Bde., Par. 1825) und seines Sekretärs Levasseur «Journal d'un voyage aux Etats-Unis, ou L. en Amérique en 1824—255 (Par. 1829). Im Sept. 1825 wurde er wieder in die Kammer gewählt und übernahm nach Ausbruch der Julirevolution 29. Juli 1830 den Oberbefehl über die Nationalgarden. Laffitte gewann ihn die Wahl des Herzogs von Orléans zum König der Franzosen. L. wurde 26. Aug. zum Oberbefehlshaber der Nationalgarden des Reichs ernannt und nahm, als die Kammer das Generalkommando über die Nationalgarden aufzuheben beschloß, 27. Sept. seine Entlassung. L. starb 20. Mai 1834 zu Paris. Sein Denkmal zu Puy wurde 6. Sept. 1883 eingeweiht. Vgl. Regnault Warin, «Mémoires pour servir à la vie du général L., etc. v (2 Bde., Par. 1824); Sarrans, L. et la révolution de 18305 (2. Aufl., 2 Bde., 1832), (Mémoires, correspondance et manuscrits du général L.5 (6 Bde., Par. 1837—38); Büdinger, «L., ein Lebensbildv Epz. 1870). George Washington de L., Sohn des vorigen und Washingtons Taufpate, geb. 25. Dez. 1779, machte als Husarenoffizier und Grouchys Adjutant die Feldzüge in Italien, Osterreich, Preußen und Polen mit. Doch brachte er es nur bis zum Lieutenant wegen der Abneigung Napoleons gegen den Vater. Seit 1815 war er fast stets Mitglied der Deputiertenkammer; er starb 30. Nov. 1849. Oscar Thomas Gilbert du Motier de L., des letztgenannten Sohn, geb. zu Paris 20. Aug. 1815 trat in die Artillerie, wurde in Algier zum Kapitän befördert und dann in die Deputiertenlammer gewählt, wo er zur Linken gehörte. Nach der Februarrevolution von 1848 wurde er von Ledru-Rollin zum provisorischen Regierungskommissar im Departement Seine-et-Marne ernannt und war Abgeordneter dieses Departements in der Constituante und in der Legislative, wo er mit den gemäßigten Republikanern stimmte. In der Nationalversammlung 1871—76 hielt er sich ebenfalls zur republikanischen Partei und wurde zum lebenslänglichen Senator erwählt. Er starb 27. März 1881 in Paris. — Sein jüngerer Bruder, Frangois Edmond du Motier de L., geb. 11. Juli 1818 zu La Grange Blesneau (Depart. Seine:et-Marne), teilte die liberalen Grundsätze seiner Familie und vertrat nach dem Febr. 1848 das Depart. Ober-Loire in der Constituante. Ebendaselbst wurde er 1876 in den Senat gewählt.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 740Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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