Landwirtschaft, auch Skonomie, in der weitern Bedeutung, ist das Gewerbe, welches durch Anwendung der Naturkräfte die möglichst ergiebige Benutzung des Bodens und die Hervorbringung solcher organischer Stoffe pflanzlicher oder animalischer Art zum Zweck hat, welche als Nahrung oder auf irgend eine andere Weise dem Menschen nutzbar sind. Die L. hat daher zunächst die Hervorbringung der Nutzpflanzen zu erzielen und heißt in diesem engern Sinne Landbau. Die Erde kann dabei als die Maschine angesehen werden, welche die Produkte schafft, während die vereinigten Kräfte der Menschen und Tiere die Motoren sind, die sie in Bewegung setzen. Außerdem ist aber noch ein Kapital, welches im Verhältnis zur Größe des zu bewirtschaftenden Bodens und zur Art des Betriebes steht, dabei ebenso notwendig wie bei jeder andern gewerblichen Unternehmung. Um die L. heute mit Erfolg betreiben zu können, muß der Landwirt sowohl technisch, als auch wissenschaftlich durchgebildet sein. Während nach der erstern Richtung eine mehrjährige Thätigkeit in einer oder mehrern Wirtschaften notwendig ist, dienen dem letztern Zwecke die verschiedenen landwirtschaftlichen Unterrichtsanstalten. Die Landwirtschaftswissenschaft lehrt und ergründet diejenigen Mittel und Wege, durch welche das Ziel des Landwirtschaftsbetriebes, der höchste Reinertrag, am vollkommensten und sichersten erreicht wird. Da hierzu sowohl die Kenntnis der Natur⸗, als auch der wirtschaftlichen Gesetze notwendig ist, so stützt sich die Landwirtschaftswissenschaft auf eine Reihe sog. Grundwissenschaften, auf Chemie, Physik, Botanik, Geologie und Zoologie einerseits und auf Nationalökonomie andererseits. Erst von der Zeit an, wo man begann, L. wissenschaftlich zu betreiben (seit Anfang des 19. Jahrh.), und noch mehr, seitdem die Chemie sich so außerordentlich entwickelt hat und durch Liebig die Beziehungen derselben zur L. klar gelegt sind, hat auch die letztere einen ungeahnten Aufschwung genommen, den Weg der Empirie verlassen und arbeitet jetzt mit klarer Erkenntnis der Ursachen und Wirkungen in ihrem Betriebe. Die Lehre von der L. zerfällt in drei Abteilungen: 1) Die Pflanzenproduktion; dazu gehören: Kenntnis des Bodens und seiner Bearbeitung, der Pflanzen und ihrer Wachstumsbedingungen, der Ernte u. s. w. 2) Die Tierproduktion; Kenntnis der Haustiere und ihrer Fütterung, Züchtung u. s. w. 3) Die Betriebslehre, welche unter Zuhilfenahme einer zweckmäßigen Buchführung den Einfluß aller einzelnen Faktoren der beiden genannten Teile, sowie der Handelsverhältnisse auf den Betrieb und damit die richtige Anwendung und Benutzung aller dieser Momente kennen lehrt. (S. Betriebssystem.) Die sog. landwirtschaftlichen Nebengewerbe, Spiritus⸗, Zucker⸗, Stärtefabrikation gehören nicht unmittelbar zum Betriebe der L., sind aber vielfach mit demselben verbunden. Wenn sich die L. nur mit dem Anbau von Nutzpflanzen beschäftigt, so begreift man diese Thätigkeit unter dem Namen Ackerbau (s. d.), welcher die Bodenkultur imgrößern und mittlern Umfange umfaßt, wobei der Pflug und seine Nebengeräte zur Anwendung kommen. Im kleinsten Umfange wird der Bodenanbau zur Spatenkultur oder zum Gartenbau und befaßt sich dann weniger mit der Hervorbringung von Getreide⸗ und Futtergewächsen, als von Gemüse⸗ und Gewürzpflanzen, verrichtet auch seine Arbeiten meistens nur durch Menschenhand. Jede dieser beiden großen Abteilungen bildet wieder ein Gewerbe oder eine Kunst für sich und erheischt daher ein besonderes Studium. Die L. ist das älteste Gewerbe. Eine Entwickelung derselben seit Beginn der histor. Zeit ist insofern in verhältnismäßig geringem Grade vorhanden, als die L. in den alten Kulturländern, z. B. Agypten, bereits auf sehr hoher Stufe stand. Die Fortschritte der neuern Zeit beruhen namentlich inder vollkommenern Kenntnis der Tier⸗ und Pflanzenphysiologie und in der Anwendung von Maschinen. Die verschiedenen Epochen der L. in den Ländern der modernen Civilisation lassen sich folgendermaßen feststellen: 1) Weidewirtschaft mit Übergang zur Feldwirtschaft bis ungefähr 200 Jahre v. Chr.; 2) Felderwirtschaft mit überwiegendem Getreidebau von 200 v. Chr. bis 1750 n. Chr.; 3) Begründung der rationellen Schule und Übergang in den Fruchtwechsel, 1750—1840; 4) die wissenschaftliche Cpoche. Der eigentliche Aufschwung der L. begann mit der „Gründung der rationellen Schule. Als Vorläufer gingen ihr voraus die der Kameralisten (Münchhausen, Schubart, Justi, Thomasius u. s. w.) und tder Empiriker (Reichart, CEkhart, Lüders, Schön⸗ „feld, Riem u. s. w.). Den Stifter der rationellen „Schule, Albrecht Thaer, leiteten schon die Gesetze der Naturwissenschaft über zu den Verbesserungen, welche in der Epoche, die mit Liebigs Auftreten beginnt, ihre Begründung fanden. grade des Schülers in der Hauptsache an drei Aroten von Unterrichtsanstalten gelehrt: Ackerbauschu⸗ „len (s. d.), Landwirtschaftsschulen (s. d.) und höhern „Lehranstalten, Hochschulen, Akademien, Univer5sitätsinstituten u. s. w. In Deutschland, Sster-Ungarn und der Schweiz existieren gegenwär3ftig: selbständige Akademien, mit denen in der Regel „ein vollständiger Wirtschaftsbetrieb verbunden ist, in Hohenheim, Poppelsdorf und Ungarisch-Altenburg (die erste Akademie wurde 1806 von Thaer in Möglin gegründet, ist aber, wie mehrere ihrer Nachfolgerinnen, wieder eingegangen); selbständige Hochschulen in Wien (gegründet 1871) und in Berlin (gegründet 1881); Universitätsinstitute in Halle, Leipzig, Göttingen, Kiel, Heidelberg, Königsberg, Gießen, Breslau, Jena; besondere Abteilungen an technischen Hochschulen in München und Zürich. Die Einrichtungen der beiden letztern Arten, welche erst in neuester Zeit entstanden und an denen die Hörer den Studierenden gleichgestellt sind, haben zur Zeit die größte Frequenz aufzuweisen. Einen bedeutenden Einfluß auf die Hebung der L. haben die landwirtschaftlichen Vereine gewonnen, welche meist unter der Oberleitung und mit Unterstützung der Regierungen sich die Förderung der L. in allen ihren Zweigen zur Aufgabe machen. In Deutschland war längere Zeit hindurch die nunmehr aufgegebene jährliche Wanderversammlung deutscher Land- und Forstwirte, gegründet 1837 von Pabst, Schweitzer, Schmidt und Teichmann, ein wirksamer Stützpunkt für den Fortschritt. Gegenwärtig ist ein deutscher Reichsverein für L. in der Bildung begriffen, welcher, nach dem Vorbilde der Königlichen Landwirtschaftsgesellschaft in England, namentlich jährlich wiederkehrende Ausstellungen nach festen Prunzipien, Maschinenkonkurrenzen u. dgl. auf sein Programm geschrieben hat. Nicht unerwähnt darf bleiben, daß zum Teil die L. ihren Aufschwung den Fortschritten der Gesetzgebung, namentlich der Befreiung des Grund und Bodens von Servituten und Lasten, verdankt. Wertvolle Lehrbücher der gesamten L. haben außer Burger, Koppe, Zierl, Schweitzer und Pabst geliefert: Hamm, „(Die Grundzüge der L.» (nach Girardin und du Breuil, 2 Bde., Braunschw. 1850 —52); Fraas, «Schule des Landbaues »(Münch. 1851): Birnbaum, „Lehrbuch der L.» (3 Bde., Frankf. 1859—63); Hamm, «Das Wesen und die iele der L.» (2. Aufl., Lpz. u. Jena 1872); Löbe, Gandbuch der rationellen L. (5. Aufl., Lpz. 1872); Settegast-Proskau, Die L. und ihr Betriebo (3Bde., Bresl. 1874—79); Schlipf, Populäres Handbuch der L.v (9. Aufl., Berl. 1880); Kirchbach, KHandbuch der L.v (9. Aufl., Berl. 1880); Krafft, Lehrbuch der L.v (3. Aufl., Berl. 1880-83); Thaer, „Grundsätze der rationellen L.» (Berl. 1880); Schwerz, «Praktischer Ackerbauv (Berl. 1880); Thaer, (System der L.v (Berl. 1877); Thiel, Landwirtschaftliches Konversations-Lexikon » (7 Bde., Lpz. 1876); Krafft, „Illustriertes landwirtschaftliches Lexikon (Berl. 1883). Die Geschichte der L. wird behandelt von Anton, (Geschichte der deutschen L. von den ältesten Zeiten bis auf das 15. Jahrh.» (Görl. 1799); Langethal, «Geschichte der deutschen L. v (Jena 1847); Fraas, (Geschichte der Landbau⸗ und Forstwissenschafto (Münch. 1866).