
Abessinien (Abyssinien; das Athiopia der alten Welt [welche Bezeichnung im Hofstil des Negus (s. d.) noch heute üblich ist]; von den Eingeborenen Ttiopya, nurselten Habesch [nach der wahrscheinlichsten Deutung „Land des Abai“]| und im Mittelalter Abascia genannt), grosses Land im östlichen Afrika, im obern Nilgebiet, ein unregelmässiges Dreieck bildend, dessen Basis zwischen 9 u. 7° n. Br., dessen Fusswinkel im 35. und etwa 40." östl. L. und dessen Spitze im 16.° n. Br. liegen. Das so umrissene Gebiet misst ca. 1100 km von Süden nach Norden und ca. 1000 km von Osten nach Westen. Begrenzt wird es im Norden von Nubien, im Westen von den sich östlich vom Bachr-el-Asrak erstreckenden, noch wenig erfurschten Negerländern, im Süden von den Gallaländern, im Osten vom Land Adail und dem Küstenland des Roten Meeres. Seine Bevölkerung (S. 11) ist vorwiegend christlich, und zwar koptischchristlich; über die Stärke derselben existieren keine genauen Nachrichten, sie ist jedoch in gewissen Teilen des Landes beträchtlich. Von der hohen Kultur, welche A. in früherer Zeit besass, zeugen noch die über das ganze Land zerstreuten Reste grosser Bauwerke. Über die ehemalige Residenz des Fürsten Tigrie, Axum oder Aksum, äussert sich Heuglin (Reise nach Abessinien, Jena 1868): „Das Bild der alten Königsstadt ist überraschend schön, ein wahrer Wald von Juniperusbäumen, Cordien und ganz kolossalen Feigenbäumen, dazwischen Mauern, Obelisken, Zinnen, Kirchen, ‘Strohdächer, Gärten mit Reben, Arundo und Bananen, eingerahmt von dem Aunkeln Hintergrunde von DBasalthügeln. Doch ist Aksum’s Pracht längst dahin, seine Königsburg zerfallen, Dutzende der Obelisken, Säulen und Stelen liegen zu Boden und unter Trümmern begraben, die Krönungskirche der Nachkommen Salomos und der Königin von Saba, auf (deren «oldenem Perron die schöne Gudit ihren zarten Fuss eingetreten, ist in der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts durch den Adailfürsten Mohamed Granjeh dem Erdboden gleich gemacht worden.“ Jünger als Axum ist Gondar, die neue Hauptstadt, welche am Anfang des siebzehnten Jahrhunderts der Negus Fasilidas gründete. „Von welcher Seite aus man sich auch der Stadt nähert, sagt v. Heuglin, „fallen die vielen hohen Warten und Türme, Zinnen und Mauern des in mittelalterlich portugiesischem Stil erbauten Königspalastes und einzelne Kirchen mit grossen konischen Dächern unter malerischen Baumgruppen zuerst in die Augen: ein heimisches Bild für den Wanderer, der sich plötzlich dem Innern des tropischen Afrikas entrückt und in eine mitteleuropäische Landschaft versetzt glaubt.“ A. ist ein gewaltiges Alpenland, zum grössern Teil vulkanischer Natur, im Osten Kalk- und Sandsteinbildung. Es ist wild zerklüftet und durchschnittlich 2300— 8100 m hoch. Der jähe Wechsel von schroff ansteigenden, mauerartigen Wänden und tischplattenartig abgekuppten Kegeln („Amba“) mit tiefen Thälern hat A. den Namen einer „im grossartigsten Massstabe modellierten sächsischen Schweiz“ verliehen. Besonders schroft sind die Abfälle an der Ostseite, so dass A. sich vom Roten Meer aus wie eine riesige mauerartige Bergwand darstellt. Dieser Wand ist gegen das Rote Meer hin ein flacher dürrer Sandstreifen vorgelagert: die an manchen Stellen sich auf mehrere Tagereisen verbreiternde, trocken heisse Samhara. An sie schliesst sich das Danakil, eine Art Vorterrasse des abessinischen Hochlandes, die ungefähr im neunten Breitegrad südwärts in die steppenartige Landschaft Adel übergeht. Im Süden erhält die Bergmauer durch die Zuflüsse des Hawasch eine teilweise Gliederung, die aber in der nördlichen Hälfte völlig fehlt; schauerlich - enge, aber mit tropischer Vegetation gefüllte Thalspalten führen von Süden, abschüssige, dem treppenartig übereinander geschichteten Gestein angepasste Kletterpfade (der. ‚begangenste ist der Tarantapass vom Hafen Arkiko aus) von Norden zu den Hochlande hinauf. Am Westrande dagegen haben sich die hier abfliessenden Hauptgewässer des Landes breitere Thalsenken ausgewaschen. Gebirge. Zwei Gebirgsketten oder vielmehr Gebirgsstöcke beherrschen das Hochland; sie konvergieren in einem gewaltigen Bogen gegen den grössten, im Südteil gelegenen See desselben: den Tana- (Tsana- oder Dembea-) See; gegen Norden zieht sich das Semien-Gebirge (im Ras Daschan bis zu 4620 m, im Buahit zu 4510 m aufsteigend), mit dem Selkipass in 8000 m Höhe, und gegen Süden zweigt das Talba-Waha-Gebirge in den Landschaften Matscha und Godscham in 3000 m Höhe ab. An das erstere schliesst sich südwestlich das ebenfalls 3000 m hohe Wogera-Plateau, während südöstlich das Guna-Gebirge bis zu 43800 m und südlich, isoliert, die Kollo (das höchste Gebirge des Landes) bis zu 4600 m aufsteigt. Das Wogera-Plateau ist vulkanischer Natur, gleich den Bergen um den Tanasee; das Guna-Gebirge besteht aus Trachytmassen. Solche wüste Trachytmassen verleihen manchen Gegenden ein grauenhaft ödes Aussehen, welches orell von den fruchtbaren Ebenen absticht. Flüsse. — A. ist reich an Flüssen, hat aber nur zwei grosse Ströme: den Abai (s. d.) mit den Nebenflüssen: Beschilo, Dschamma, Guder, Didessa, Jabus und Tumat (links), Dinder und Rahad (rechts); und den später Setit genannten, dann als Atbara in den Nil fallenden Takazz& (s. d.), den Hauptwassersammler des nördlichen Abessinien. Von anderen gleich den genannten zum Nilsystem gehörenden Flüssen ist noch der in den Atbara fliessende Mareb (Chor el Gasch) zu nennen, von den zum Roten Meer fliessenden nur der in den Chor Baraka mündende Ainsaba. Der im Gurague-Gebirge entspringende Hawasch. ergiesst sich in den Aussasee. — Keiner dieser Flüsse ist schiffbar; die kleineren sind in der Trockenzeit meist wasserleer, während sie in der Regenzeit über die Stufenränder der Hochebene wasserfallähnlich in tief eingerissenen Schluchten herabstürzen, zu furchtharen Giessbächen anschwellen und das Flachland weit überfluten. Brücken sind in A. fast unbekannt; fehlt es doch im Lande noch selbst an fahrbaren Wegen. Um einen Fluss oder Bach zu übersetzen, bedient man sich der eigentümlichen Vorrichtungen, welche der Abessinier Hokumdada und Tankoa nennt. Die Hokumdada ist eine blasenartig geformte Rindshaut, in welche sich der Reisende wie in eine Flasche setzt und die von einem nebenher Schwimmenden am Seil gezogen wird, während ein zweiter hinten schiebt. Die Tankoa ist viel besser; sie besteht aus Stroh- oder Rohrbündeln, die neben. und quer übereinander schichtweise gelegt und aneinander gebunden werden. Die Tankoa geht tief im Wasser, sinkt aber nicht unter und trägt 6 - 8 Personen. Das Vorderende ist zu einem Schnabel ausgezogen und aufwärts gerichtet, auch das. Hinterende läuft spitz zu, und in der Mitte befindet sich ein über dem Bord erhabener viereckiger Strohsitz für die beiden Schiffer, die mit Hilfe ihrer Doppelruder das Fahrzeug schnell und leicht fortbewegen. Auf der Tankoa führen die Woito von Korata ihre Jagden auf die Flusspferde und Krekodile aus, von denen es im Tanasee und in den Flüssen wimmelt; auch bedienen die Könige sich der Tankoa zum Transport der Lebensmittel ete. Nach Vollendung der Reise wird sie zum Trocknen über Baumstämme gelegt. (S. Seite 24.) Landseeen. Im Norden, in der Landschaft Dembea, liegt der Tana- (Tsana- oder Dembea-)See, 185) m über dem Meere, und im Osten, in der Landschaft Wogerat, der Aschangi-See, 2440 m hoch (s. Tana und Scharfschütz, Aschangi). An Gebirgsseeen, den Kratern erloschener Vulkane, ist A. überaus reich; der Assal-See (8. d.) ist merkwürdig durch seine Depression, die ihn als ein Gegenstück zum Toten Meere erscheinen lässt, da er gleichfalls tiefer als das Meer liegt, von rauchenden Vulkanen umgeben Ast und eine dieke Kruste Salz absetzt. Klima. A. liegt noch mit seinem nördlichsten Gebiete im Gürtel des Sommerregens. Daher haben die verschiedenen Landesgebiete verschiedeneRegenzeiten. Im nördlichenHochlande dauert dieselbe vom April bis in den Oktober, in Schoa dagegen nur von Mitte Juni bis Anfang September, doch wird hier die kürzere Dauer durch grössere Dichtigkeit der Niederschläge ausgeglichen. Die Stürnme sind häufig von ausserordentlicher Heftigkeit. Charakteristisch sind die geringen Temperaturschwankungen im Jahreslaufe. Die Sommerwärme steigt auf den östlichen höchsten Plateaus selten über 24% und sinkt selbst in der kühlen Regenzeit fast rie unter 4 (in Gondar wurde eine Mitteltempevatur von 16° beobachtet, doch wird die Hitze bei der heitern Sommerluft nur selten drückend). Eine Ausnahme bilden die dem Winde verschlossenen schluchtenartigen Fluss- und Felsenthäler; in ihnen entwickelt sich eine so mörderische Hitze, dass sie absolut unbewohnbar sind. Kulturregionen. A. hat, infolge des terrassenförmigen Aufbaues seines Hochlandes, einen verschiedenen Vegetationscharakter. Derselbe wird (nach Hartmann) wie folgt unterschieden: 1) Die Kolla oder Kulla (Quala) hat eine durchschnittliche Höhe von 3000 bis 4800 Fuss über dem Roten Meere und eine durchschnittliche Temperatur von 20-280 R. — .2) Die Woina-Fuss hoch; 11—21,° R. — 3) Die Dega (d. i. „kaltes Land*), 9000 bis 14000 Fuss hoch. Bei Tage herrschen hier wohl +7 bis 10°; bei Nacht sinkt das Thermometer häufig weit unter den Gefrierpunkt. — Die Dega gleichen, wo der Felsboden in Angriff genommen, etwa den deutschen Kulturlandschaften. Neben Wiesenstrichen ‘dehnen sich Getreidefelder, die der Gerste am Ras Datzan noch in 4050 m Höhe. Rind, Ziege, Schaf sind Haustiere oder schwärmen in wilden Herden über die Flächen. — Wo in der Woina-Dega Fruchtboden und Bewässerung zusammentrefien, blühen die üppigsten Fruchtgebiete. Man baut die Cerealien der subtropischen Zone, besonders Durrha und Reis, ferner alle Arten von Edelfrüchten; die Rebe sucht den Schatten der Bäume, im südl. Abessinien bis zum Tanasee hat der Kaffeebaum weite Gebiete inne, daneben die Dattelpalme (bis 2400 m), das Zuckervohr, die Baumwolle, der Indigo. — Wo die Kolla reich bewässert ist, wie an der ganzen westlichen und nördlichen Abdachung, bildet sie einen bis 10 Tagereisen breiten Urwaldsürtel, den der sumpfige Boden, die brütende Hitze und das reissende oder giftige Getier selbst für Eingeborene unpassierbar machen. Von hier steigen das Rhinozeros und Flusspferd, der Elefant, Löwe und Panther, der Nahrung folgend, selbst bis in die Woina-Dega empor. Dem Osthange des abessinischen Hochlandes fehlt der Saum der Kolla. In den tieferen, bewässerten Thalschluchten bildet der Sykomorfeigenbaum lichte Wälder; höher hinauf sind riesenhafte Kronleuchter-Euphorbien und aloeartige Pflanzen vorherrschend; die Gebirgshöhen sind mit Wacholderbäumen und Oliven bedeckt. Tierwelt. Es wird selten ein Land einen gleichen Reichtum an Vierfüsslern aufweisen, wie A, Von den katzenartigen Raubtieren sind ausser fast sämtlichen kleineren der Löwe, der Panter und der Leopard zahlreich vertreten. Die Hyäne ist stellenweise eine Landplage, wie auch der Schakal. Elefanten, Büffel (Gosch) und Rhinozeros leben herdenweise neben Antilopen, Giraffen, Zebras, Wildeseln, Quaggas und zahlreichen Affenarten (Mantelpavian, Schweinspavian, Guriesa, Sendjere, Tschellada etc.). Bären sind häufig im den Wäldern; fliegende Hunde (Pteropus) hängen zu hunderten an den Zweigen der Sykomoren und Tamarinden; das Erdschwein (Tsehera, Hofar) und das Schuppentier (Budu) plündern die Bauten der Ameisen und Termiten; der Honigdachs, der Klippdachs (Aschkoko) und zahlreiche Ichneumonarten bewohnen die Felshöhlen am Tanasee, und an den abessinischen Gewässern tummelt sich das Nilpferd. — Geier, Falken und Habichte sind in vielen Arten vertreten; auch der Strauss und der Sekretärvogel fehlen nicht; Papageien, Eisvögel, Pisangfresser etc. bevölkern die Wälder; auch Singvögel hat A. viele, gleich- wie es, nach Brehms Ausspruch, „ein Hühnerland ist wie Asien* (Sand-, Perl-, Stein-, Felshühner, Frankoline u. a.). — Von Amphibien und Reptilien besitzt A. die Schildkröte, verschiedene Schlangenarten (Riesen-, Brillenschlange, Sandviper), das Nilkrokodil, den Nilwarner und zahlreiche Eidechsen, Kröten, Mollusken und Schnecken. — Von den Haustieren ist das durch riesiges Gehörn ausgezeichnete Sangarind, das Kamel (nur in der Samhara), eine treffliche Pferderasse (auf den Hochebenen), eine fettschwänzige Schafrasse (in der Provinz Begaumeder) zu nennen. Bevölkerung, Geschichte. Die Bewohner Abessiniens sind in erster heihe die Agau. Sie sind die Urbewohner und noch heute in der Provinz Agaumeder und der eigentlichen Provinz Agau sesshaft. Zu ihnen gehören die Falascha, die „Pseudojuden* Abessiniens, die in vielen Landstrichen (Wolkait, Semien, Wogerat, Dembea, Begaumeder, Lasta, Kuara und Schoa) wohnen und als die Gewerbtreibenden des Landes eine nicht unwichtige Rolle spielen. Auch die Kömanten -oder Kamanten in der Nähe von Gondar, wie die Woito, Woto oder Waito am Tanasee sind Agaus. Andere Stämme sinddie Amhara, welche von der gleichnamigen Provinz und von Schoa Besitz ergriffen haben, die Tigr& in der gleichnamigen Provinz, und andere. Dieses Volksgemisch ist im allgemeinen ein schöner, kraftvoller, geistig biegsamer Menschenschlag, welcher sich, wahrscheinlich ursprünglich rein äthiopischen Stammes, mit Arabern, Juden und nordafrikanischen Stämmen in verschiedenstem Grade vermischt und am reinsten vielleicht in Tigre erhalten hat; dies Volk ist seiner Mehrzahl nach dem Christentum anhängig, und zwar der Lehre der koptischen Christen. Dieselbe wanderte bereits um 330 mit den beiden Aposteln Abessiniens, Frumentius und Aedesius, ein. Die abessinische Kirche blieb in lebendiger Verbindung mit den ägyptischen Gemeinden, besonders mit der von Alexandria. Dieser Zusammenhang besteht, wenn auch nur. äusserlich, noch heute. Ihr höchster Geistlicher (der Abuna) ist dem Patriarchen von Alexandrien, allerdisgs nur dem Namen nach, untergeben. Als später der Islam Asypten überschwemmte, wurde Abessinien von der VerbindungmitdenLebenspunkten der christlichen Kirche abgeschnitten; insdie unzugängliche Felseninsel drang zwar das missionierende Schwert der Mohammedaner nicht, aber das Christentum der Abessinier blieb doch in seiner Ausgestaltung stehen, ging endlich zurück und verwilderte zu seinem jetzigen kläglichen Zustande. Es hat an Versuchen freilich nicht gefehlt, das auf afrikanischer Erde gestreute christliche Samenkorn von seiten der europäischen Christenheit zu befruchten. Nachdem durch Marco Polos Wanderungen in Ostasien die Sage von dem „Reiche des fabelhaften christlichen Priesterkönigs Johannes“ für Asien als unbegründet erwiesen war, lokalisierte sie sich in dem. afrikanischen Christenlande. Frommer Glaubenseifer erhoffte die Auffindung des Priesters Johannes durch die portugiesischen Entdeckungsgeschwader. Wirklich traten die Portugiesen seit Ende des 15. Jahrh. in direkten Verkehr mit A. An Stelle des Priesterkönigs Johannes fanden sie einen weltlichen Herrscher (Negus). Derselbe entstammte einer erblichen Fürstenfamilie, die von Axum in der heutigen Landschaft Tigr& aus A. beherrscht hatte. Damals "hielten gerade Bedrängnisse durch die Mohammedaner von Norden her und räuberische Einfälle der kriegerischen Galla das Land in beständiger Erregung. Trotz ihrer geringen Anzahl vermochten die Portugiesen als Bundesgenossen aufzutr eten: die europäischen Schiesswaffen übten auch hier ihre überwältigende Kraft. Demzufolge knüpften sich freundschaftliche Beziehungen zwischen dem Negus und der Krone Portugal. Die Jesuiten nützten diese Beziehungen mit Eifer und Geschick aus: im Gefolge einer Gesandtschaft betraten nicht weniger als 19 jesuitische Missionäre den Boden Abessiniens. Dieselben hatten es 1603 bereits soweit gebracht, dass der Negus Soeinius zum katholischen Christentum übertrat und dass die, selbstverständlich dem niedern Begrifisvermögen des Volks angepasste neue Lehre rasche Verbreitung gewann. Gleichzeitig traten aber auch die hierarchischen Bestrebungen der Jesuitenväter kecker hervor. Sie wussten den Negus zur Lostrennung der abessinischen Kirche von der koptischen zu bewegen. Damit erbitterten sie die einheimische niedere Geistlichkeit!in so hohem Masse, dass ein wütender Aufruhr das Land durchtobte. Der Sohn des Socinius, Seghed Basilides, vermochte seine Gewalt nur durch entschiedene Abkehr von der neuen Lehre, durch Ausweisung und selbst Hinrichtung der Missionäre zu behaupten (seit 1632). Aber seine Herrschaft wurde mehr und mehr ein blosses Schattenregiment. Mohammedaner u. Gallastämme rissen ganze Landesteile an sich; andere machten sich unter ihrem Statthalter (Ras) vom Negus unabhängig. Unter diesen waren die Reiche von Tigr& (Nordost-A.) und Schoa (Südost-A.) die mächtigsten. Ausser ihnen bestand unter den alten Herrscher» das Reich Amhara (das mittlere und westliche A.). Dieser Zustand innerster Zerrüttung, der alle Naturvorzüge Abessiniens unwirksam machte, erhielt sich bis in die neueste Zeit. Ein kräftiger Anlauf zur Wiedergewinnung der Einheit war es, als sich 1853 Kasai, ein kühner Emporkömmling, zum Herrscher von Amhara aufwarf und mit gewaltiger Faust nicht nur Ubie, den Herrscher von Tigre, in der Schlacht bei Deraskye 1855 niederwarf, sondern auch 1856 den Fürsten von Schoa, Haila Malakot, zur Anerkennung seiner Oberherrschaft zwang. Das Regenerationswerk krönte Kasai durch Annahme des Negustitels unter dem Namen TheodorosI., wodurcher,unter Anknüpfung an eine der deutschen Kyfihäusersage ähnliche Tradition, seine Herrschatt war, bei allen hochstrebenden Plänen für die Macht seines Landes, ein Halbbarbar, „halb Held, halb Bestie.“ Hatte er sich einerseits wohlthätigen Reformen zugeneigt gezeigt, indem er protestantischen Missionären das Land eröffnete, so zeigte er sich anderseits als vollendeten Despoten, indem er, lediglich seiner Laune folgend, die Missionäre ins Gefängnis warf und den englischen Konsul dazu. zngland beantwortete dıesen bruch des Völkerrechts mit dem Kriege gegen