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ErdkundeAfrika Hand-Lexikon 1885

Galla (auch Gala geschrieben), grosses nomadisierendes Volk im nördlichen Afrika, südlich von Abessinien (sie selbst nennen sich Orma, Oroma oder Ilmorma). Die Grenze ihrer Wohnsitze lassen sich nicht genau bestimmen; sie stossen im Norden an Abessinien, in welches Land viele G.-Stämme vorgedrungen sind; im Nordosten an das den Südrand des Roten Meeres und der Bab-el-Mandel-Strasse bildende Land der Afer oder Danakil; im Osten an das Land der Somal, von denen sie bis heute durch den Unterlauf des Djub geschieden werden; im Süden an die Suaheli der Zangebar-Küste und an das Alpengebiet des Kenia und Kilima-Ndjaro; im Südwesten reichen sie hinunter bis zum Victoria-Nyanza und bis an die südliche Spitze des Luta-Nsigeh oder Albert-Nyanza; im Westen treffen sie mit den nigritischen Völkerschaften im Flussthale des Weissen Nils zusammen; im Nordwesten 'endlich treffen sie auf die Fundj und reichen heran bis Fasoglo. Das Land der G. liest zwischen dem 13.'n. Br. und dem 4. südl. Br., und dehnt sich von etwa dem 31.° bis etwa zum 41. östl. L. Sie zerfallen in eine sehr grosse Anzahl von Stämmen: l) An der Südgrenze von Schoa und in Gurague wohnen die Abedjo, Adai, Soddo, Abbo, Sebau, Djidda, Affala, Golan (oder Ghelan), "Metta, Maitscha, Bedjo, Ferrer, Rogghi, Endote und Uwret-Cherfa. Mehrere dieser Stämme sind beträchtlich stark, besonders die Mella, Maitscha und Sodda, und zerfallen in mehr oder weniger zahlreiche Teil- oder Unterstämme, die Maitscha allein (nach Krapf) z. B. in deren zwölf. 2) Weiter südlich v. Guraguehausen ca. zwanzig bis dreissig Stämme, von denen uns, freilich auch meist nur dem Namen nach, die folgenden bekannt sind: Wato, Maroko, Laki, Lani, Damo, Endegan, Woda. Mai, Masso, Lellon, Imer, Fullo, Baloso, Falandoso, Mirrer, Woberi, Djambitschu, Sululta, Finfinni, Adaberga, Alaba, Kulla, Worata, Limmu. 3) Im Westen von Enarea oder Inarya: die Goma, Buno, Djimma und Mantscho. 4) In nördlicher Richtung, nach dem Abai zu, im Becken der Dedhesa: die Wasa, Wascheti, Walaga, Limmu, Gudro (Guderu), Horro, Djomma, Djami und Wambera. 5) Die nördl. von Schoa, im Innern Abessiniens, wohnhaften Galla werden unter der allgemeinen Benennung Wollo begriffen. Sie zerfallen in sieben Hauptstämme: Warra-Haimano, Warra-Kallo,Lagga-Ghora, Tehiladere, Boranna oder Borani, Laggambo und Charso, Lagga-Hidda; die wieder in zahlreiche Teilstimme geschieden werden und sich über Schoa, Beghaumeder, Amhara, Godjam, Damot und Angot erstrecken. 6) Im Osten, an der Grenze des Landes der Afar oder Danakil, hausen die Tschorroe, Logana, Burra, Ana und Raja; südlich von ihnen, nach dem Hawasch (oder Hawasi) zu: die Arusi (oder Arrusi), Ittu-Scherscher oder Ittu-Tscherker, die Karaju, Maroko und Bugama. 7) In der Umgegend von Härär hausen die Ala oder Alla (im Süden), die Noli oder Nolli (im Norden), die Babuli, die Djarsa oder Garsi (im Norden), die Biro, die Barsub (im Nordosten), die Bartera, Guti und Ghirri (im Osten). In den noch unerforschten Gebieten im Innern und Süden von Härär werden die Amahara, Konso, Uburra (oder Arbere), die Rendile, Korai und Liban genannt. 8) Im äussersten Süden des Galla-Landes hausen die Kamba, Baratrara, Dana oder Tana, die Wakuafi, Masai, Borani und Kossikawa. Die Masai und Wakuafi, zwei gefürchtete Küstenstämme im Westen und Nordwesten vom Suaheli-Lande, leben zwar auf beständigem Kriegsfusse mit den Gallas, gehören aber doch ihrem Typus und ihrer Sprache nach zu ilınen; sie nennen sich selbst Orloikob oder lloikob. Das gesamte weite Landgebiet der G. ist noch so gut wie unbekannt. Es wird als gebirgig, gut bewässert und ungemein fruchtbar geschildert. Die Pflanzen- und Tierwelt entspricht derjenigen Abessiniens und des Sennar. Das Klima soll auch in den südlichen Strichen dem Fremden nicht ungesund sein. Die &. nennen als ihre Heimat die Schneeberge Kilima-Ndjaro und Kenia, zu denen sie noch heute wallfahren sollen; Barth nahm an, dass sie von hier aus im Beginn des 16. Jahrh. hervorbrachen, um die ganz Ost- und Inner-Afrika erschütternden Eroberungszüge zu unternehmen. Sie nehmen unter den Völkern Afrikas einen hervorragenden Platz ein, sind überhaupt — nach den Berichten und Schilderungen der Forschungsreisenden — die Repräsentanten einer der schönsten Menschenrassen. Sie sind von mittlerer Grösse; ihr Körper ist schlank, kräftig und wohl proportioniert; ihr Haar ist glatt und lang, wird «von den Männern kurz geschoren, von den Weibern in zierlichen Flechten getragen, ihre Hautfarbe ist durchschnittlich’das ein wenig ins Rötlich spielende, gesättigte Vandyk-Braun. Die Kleidung ist meist die in Abessinien übliche Schama; sie schmücken sich mit Perlen, mit kupfernen und eisernen Halsbändern, mit weissen Seemuscheln und Messineplättchen, an den Armen tragen sie Ringe von Kupfer, Eisen und Elfenbein. Als Waffen dienen ihnen die Lanze, ein Schild von Büffel- oder Nashornhaut und ein grosses, gegen die Spitze hinscharf gekrümmteszweischneidiges Messer; der nördliche G. ist beritten. Sie wohnen in Strohhäusern .mit kegelförmigem Dach, die sie mit steinernem Schutzwall umgeben; im Süden meist in festen Dörfern oder temporären Hirtenlasern. Die nördlichen G. treiben Ackerbau (Weizen, Gerste, Hafer, Tef etc.), Bienen- und Viehzucht, die südlichen nur Viehzucht. Die Rinder gehören der Zebu-Rasse an; die Pferde sind wohlgebaut und werden im ganzen Sudan gern gekauft; das Schaf ist zumeist das fettsteissige. Die G. sind zum Teil fanatische Mohammedaner, zum Teil gewaltsam getaufte abessinische Christen, zum weitaus grössern Teil aber noch Heiden, die eine Art höchstens Wesen (Waka) anbeten, unter welchem zwei Untergötter: der männliche Oglia, welchem im Juni und Juli Kühe und Schafe geopfert werden, und die weibliche Atetie, welcher als Göttin der Fruchtbarkeit im September unter Feigenbäumen, die deshalb als heilig gelten, geopfert wird. Auch Priester (lubu) und Zauberer (kalidscha), die auch als Ärzte wirken, sind bei den G. vertreten. Die Sprache der G. ist von den ‘Missionären Krapf („Vocabulary of the Gallalanguage*“ ; 1842) u. Tutschek („Dietionnary of the Galla language“, 1544—45;, „Grammar of the Galla language“, 1845) bearbeitet worden.

Afrika Hand-Lexikon. Ein Nachschlagebuch für JedermannVon Paul Heichen, Leipzig: Gressner & Schramm 1885 · Bd. 1, S. 459Scan: Staats- und Universitätsbibliothek Bremen · gemeinfrei

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