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Sagen & MythenAfrika Hand-Lexikon 1885

Barth, Heinrich, einer der hervorragendsten wissenschaftlichen Reisenden aller Zeiten, geboren 16. Febr. 1521 zu Hamburg, studierte seit Herbst ’39 in Berlin, hauptsächlich unter Karl Ritters Leitung, Sprachwissenschaft und Altertumskunde, reiste nach Ablauf seines ersten Studienjahres nach Italien und Sizilien, 1544 nach Beendigung seines Studiums nach London, wo er die arabische Sprache erlernte, und trat 1845 seine erste Reise an. Über Paris, Marseille, MadridundGibraltar ging er nach Tanger, suchte aber vergeblich in das Innere Marokkos zu dringen. Besser gelang ihm dies in Algerien, besonders aber in Tunesien sowie im Innern von Tripolitana und Marmarica. 1846 kehrte er über Tunis und Malta zurück, wo er seine Sammlungen niederlegte, und trat dann seine zweite Reise an, die ihn von Tunis über Gabb nach Tripoli, durch die Sandwüste am Südrand der Grossen Syrte über Benghasi durch das alte Marmarica in das Nilthal führte. In der Nähe der ägyptischen Grenze wurde er von Räubern überfallen, seiner Tagebücher und Skizzen beraubt und schwer verwundet. Nur mit Mühe rettete er sein Leben. In Ägypten angelangt, fuhr er den Nil hinauf bis zum zweiten Wasserfall von Wadi Halfa, und unternahm eine Wüstenreise von Assuan nach Berenike und Kosseir. Über Asien, die Türkei und Griechenland kehrte er nach Berlin zurück, an dessen Universität er sich als Privatdozent habilitierte und vornehmlich über Geographie Nordafrikas Vorlesungen hielt. Durch Bunsen und Petermann aufgefordert, sich der Untersuchungsexpedition anzuschliessen, welche die britische Regierung durch Richardson nach dem Innern von Nordafrika ausführen lassen wollte, begab er sich Mitte November in Begleitung von Adolf Overweg nach kurzem Aufenthalt in London über Paris und Marseille nach Philippeville in Algerien, wo er 11. Dezbr. landete. Ende ’49 langten die Reisenden in Tunis an und machten von da aus, nach einem längern Aufenthalt, zu Lande die Reise über Susa, Sfax und Dscherbin nach Tripoli. Uber diese dritte grosse Afrikareise B.sgiebt Embacher, „Reisen und Entdeckungen‘, die folgenden Daten: „Nach einigen Ausflügen, die beide Reisende (Barth und Overweg) von Tripoli aus nach den interessanteren Teilen des Landes, namentlich den Gharianbergen, unternommen, waren endlich sowohl die Mitglieder der Expedition als die Instrumente vollständig angekommen, und am 23. März ’50 begann die Reise nach Mursuk und von ns durch die Sahara nach Tahir, wo in Tin-Tellust ein längerer Aufenthalt genommen wurde. von hier machte B. einen Ausflug nach dem seit anderthalb Jahrhunderten von keinem Europäer betretenen Agades im Land Air und schloss mit dem dortigen Fürsten einen Handelsvertrag ab. In Damergu, einer Grenzstadt der Tuareg gegen "Bor nu, trennten sich am 11. Tan 1851 die Reisenden; und B. wandte sich südwestlich nach dem Land Haussa, um Kaschna und *Kano im Reiche Sokota zu erreichen. Richardson starb schon 3. März zu Ungurutua, 5—6 Tagereisen von Kuka. B. Tettete die Tagebücher desselben und sandte sie nach London. Er selbst traf mit Overweg am 5. Mai in Kuka, der Hauptstadt von Bornu, wieder zusammen. Während Overweg nun in Kuka blieb, wandte sich B. nach Adamaua, entdöckte auf dem Weg nach Yola 18. Juni den Benuöfluss, von welchem er nachwies, dass er nicht, wie man bis dahin Telfach annahm, aus dem Tschad-See komme, sodann sach einen Nebenfluss desselben, den Farö, und langte 22, Juli wieder in Kuka an. Von dort unternahm er im Verein mit Overweg eine Reise nach Kanem und vom 95. Nov. ’51 bis Ende Januar ’52 nach dem Reich Musgo im Süden Kukas. Von da zurückgekehrt, reiste B. nach Baghirmi im Südosten des Tschad-Sees und verweilte längere Zeit in dessen Hauptstadt Masenja, wo er eine grosse kartographische Arbeit über die Negerländer und einen ausführlichen Bericht über Geschichte, (reographie und Archäologie Baghirmis, Wadais und der benachbarten Landschaften verfasste, zugleich auch saghirmi- und Wadaisprachen nebst einigen minder reichhaltigen von acht in jenen Gegenden geredeten Sprachen anfertigte. Gleichzeitig stellte er sorgfältige Untersuchungen über den grossen, von Süden kommenden Zufluss des Tschad-Sees, den Schari- oder Asufluss, an. Nachdem auch Overweg am 27. September '52 bei Maduari am Tschad gestorben war, reiste B., nachdem er Överwegs Papiere nach London gesendet hatte, über Kano und Kaschna nach Sokoto, dessen mächtiger Herrscher Aliun ihn freundlich aufnahm. Auf seiner fernern Reise entdeckte B. noch zwei grosse, bis dahin nicht einmal dem Namen nach bekannt gewesene Reiche: Gando und Hamd-Allahi, erreichte unter mannigfachen Gefahren am 12. Juni ’93 Say, einen wichtigen Handelsplatz am Niger, überschritt daselbst den Niger, durchwanderte die noch von keinem Europäer besuchten Landschaften Gurma, LibthakoundDalla, gelangte amd. September nach Kabara, dem- Hafenort der „Königin der Wüste“, und betrat am 7. September Timbuktu selbst, wo er trotz Krankheit und körperlicher Negerländern anfertiste und astronomische Beobachtungen anstellte, durch welche die Lage des Ortes, früher ein Gegenstand vielen Streites unter den Geographen, festgestellt worden ist. Bei seinem Einzug im Timbuktu galt er der grossen Menge als ein Abgesandter des Sultans in Stambul und erst allmählich wurde es bekannt, dass er ein Christ sei. Dieser Umstand und die politischen Verwickelungen jener Negerreiche setzten ihn beständigen Lebensgefahren aus, und nur dem Schutze seines Gastfreunds, des Scheikh El Bakay, seiner Geistesgegenwart und Unerschrockenheit, so- wie dem Aberglauben seiner Feinde, die ihn für unverwundbar hielten, verdankte er seine Rettung. Nach einem siebenmonatlichen Aufenthalte verliess B. am 8. April 1854 die Wüstenstadt, musste aber noch einmal dahin zurückkehren und konnte erst am 8. Mai die Heimreise wieder antreten. In Garo oder Gogo, der einstigen glänzenden Hauptstadt des Sonhraireiches, wo er zwölf Tage verweilte, schloss er mit den angesehensten Tuaregfürsten als Abgesandter Englands feierliche Verträge ab, laut deren sie die Befahrung des Nigers durch enelische Schiffe. gestatteten. Am 30. August kam er wieder nach Wurno, wo er die Herstellung seiner Gesundheit abwartete, verliess die Stadt am 5. Oktober, durchschritt in Gewaltmärschen die Provinz Zanfara, wo die Eingeborenen in vollem Aufstand gegen die Fellah-Eroberer begriffen waren, und erreichte am 18. Oktober die Handelsstadt Kano, wo er vergeblich Reisemittel und Geld anzutrefien hoffte. In Sinder waren seine Vorräte und sein Gepäck mit Beschlag belegt worden, da man das Gerücht von seinem Tode ausgesprengt hatte. Bei Bundi, zwischen Kano und Kuka, traf er am 1. Dezember mit dem ihm nachgesandten Reisenden Vogel zusammen. Während letzterer nach Sinder ging, eilte B. nach Kuka, wo er am 12. Dezember, vom Scheikh Omar feierlich eingeholt, eintraf. Am 28. Dezbr. kehrte auch Vogel dorthin zurück. Am 5. Mai 1855 trat B. mit einer Begleitung von 6 Mann, 2 Pferden und 12 Kamelen den gefahrvollen Weg durch die Wüste an, erreichte am 8. Juni Bilma und schon am 20. Juni Mursuk, nachdem er 8 Kamele und ein Pferd verloren hatte, durchschritt kühn die aufständische Statthalterschaft Tripoli und gelangte, nachdem er einer kurzen Gefangenschaft glücklich entgangen, am 21. Angust nach Tripoli. Am 8. September 1855 betrat er zu Marseille wieder den europäischen Boden, den erbeinahe sechs Jahre zuvor verlassen hatte.“ B. empfing von der Londoner und von der Pariser geographischen Gesellschaft die grosse goldene Medaille und wurde in Oxford zum Ehrendoktor ernannt. In Berlin erhielt er, nachdem er 1858 wieder eine wichtige Reise nach Kleinasien unternommen, die Professur seines Lehrers Ritter, dessen Andenken er durch die Gründung der „Ritterstiftung“ wach erhielt. 1860 bereiste er noch Spanien und die Pyrenäen, 1862 die östliche Türkei, 1864 Italien, Dalmatien und Montenegro. Er starb, zu rüh für die Wissenschaft, am 25.Novbhr. 1869 zu Berlin. Die grossen Verdienste B.s um die Erforschung Afrikas sind durch diejenigen der neueren Forscher, besonders Stanleys, in den Hintergrund gedrängtworden. Zweifellos aber geh ührt dem deutschen Forscher, welcher vor drei Jahrzehnten schon den Niger, überschritt und den Benu& salı, nicht minder eine erste Palme, als dem kühnen englischen Heros der Afrikaforschung, Stanley. Petermann hat berechnet, dass B. auf seiner grossen dritten Reise nicht weniger als 12000 englische Meilen, also nahezu 20000km zurückgelegt hat (während Bruces Reisen nur 2200, Mungo Parks nur 1500 engl. Meilen betragen haben). Von B.s Werken sind hier zu nennen: „Wanderungen durch die Küstenländer des Mittelmeeres 1845 —47* (1849); „Reisen und Entdeckungen in Nord- und Üentralafrika 1849 55° (1857); „Das Becken des Mittelmeers*“ (1860); „Sammlung centralafrikanischer Vokabularien* (1861- 63).

Afrika Hand-Lexikon. Ein Nachschlagebuch für JedermannVon Paul Heichen, Leipzig: Gressner & Schramm 1885 · Bd. 1, S. 204Scan: Staats- und Universitätsbibliothek Bremen · gemeinfrei

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