Fezzan (Fezan, Fessan), Landschaft im nördlichen Afrika, eine Dependenz des Muschir oder Gouverneur von Tripolitanien bildend. Seine Grenzen sind zum grossen Teile sehr unbestimmt und führen durch wüste Gebiete, in denen nur spärliche Thäler einer bestimmten Anzahl von Stämmen den Lebensunterhalt gewähren. Im Norden läuft die Grenze von F. einige km südlich von Suinet el-Alui und von Bir el-Gedafi&, zwei Brunnen an den Tripoli mit Sokna verbindenden Karawanen-Strassen, und zwischen den Brunnen von Bu-Ghila und Um-el-Kheil, auf der Strasse von Gheria El-Gharbiya nach Sokna. Im Osten erstreckt dieselbe sich, die Stadt Zella und das Dorf War umschliessend, bis etwa zum 15.0 30‘ östl. L. Im Süden geht dieselbe bis zum Berge Tigherandumma (20° 55° nördl. Br.), auf der Strasse von Bilma. Im Westen liegen die Quellen von Serdeles etwa 5 km entfernt. Das Land F. hat demnach eine Länge von 1180 km von Nord nach Süd gemessen und eine höchste Breite von 500 km von Ost nach West. Es grenzt im Norden an das Kaimakamlik Djebel, im Osten an die Ebenen des Littorales der Grossen Syrte und an die Hochebene der Libyschen Wüste. Im Süden wird es durch eine weite Wüstenstrecke von dem durch die 'Tibbu bewohnten Lande Kauar geschieden; im Westen stösst es an das Gebiet der Tuareg Azdjer. Die Hauptstadt von F. ist Mursuk, das etwa 770 km südlich von Tripoli, 1050 km südwestl. von Audschilah, 650 km südöstl. von Ghadames und 1400 km von Kuka entfernt ist. Sie liegt in 250 55‘ 16“ hat 580 Häuser mit 3500 Einw. F. ist im Grunde nur eine Gesamtheit von kleinen Oasen, die in drei Hauptgruppen zerfallen: ]) eine zentrale Gruppe, welche die wichtigste von allen ist und das eigentliche F. mit der Hauptstadt Mursuk bildet; in ihr liegen ferner die Orte: Djeıma, Traghen und Suia; 2) die nordöstliche Gruppe, Jofra genannt, mit dem Hauptorte Sokna; von ihr ressortieren die beiden kleineren Plätze Fogha und Zella; 3) die kleinste, die südliche Gruppe. Die Wadis oder grossen trocknen Thäler, welche das Land in verschiedenen Richtungen, im grossen und ganzen aber in west-Östlicher Richtung, durchschneiden, sind sehr zahlreich, einige derselben haben eine beträchtliche Ausdehnung. Unter ihnen sind zu nennen: das Wadi Otba, wenig unterhalb von Mursuk; das Wadi Aberdjudj (das von der Amsak-Kette in östl. Richtung streicht); das Wadi El-Gharbi und das Wadi Ech-Chergi (zwei Teile, der westliche und östliche, eines grossen, die ganze Breite des Landes, zwei Tagereisen nordwestlich und nördlich von Mursuk durchschneidenden Thales; in dem westlichen Teile dieses Thales lag die alte Hauptstadt Garama); ferner das Wadi Ech-Chiati, vier Tagereisen nördlich vom Wadi El-Gharki, das Wadi Heran, 3 Tagereisen oberhalb des Wadi Ech - Chiati, am Südfusse des grossen, das eigentliche F. im Norden bedeckenden Plateaus Hamada-el-Homrad. In nördl. Richtung von Tripoli, nach Überschreitung der 215—220 km breiten Hamada stösst man auf mehrere srosse, ausserhalb Fezzans gelegene Thäler, die von West nach Ost laufen und dem Mittelmeerbecken angehören: das Wadi Bei, das Wadi Zemzem und das Wadi Sofedjin (das letztere eins der in dieser Region Afrikas durch seine Grösse und seine Fruchtbarkeit bekanntesten). F. ist in seiner Gesamtheit ein Plateau -Land, dessen ziemlich ungleiche Höhe zwischen 200 und 750 m variiert und in welchem sich sowohl einzelne Kegel als ganze Berggruppen erheben. Fünf Tagereisen von der Küste erhebt sich das Gharian - Gebirge; hinter ihm erstreckt sich eine wellige, bald mit Oliven und Dattelpalmen bestandene, häufiger aber nackte und dürre Ebene, mit breiten Einsenkungen, innerhalb deren sich die für zahlreiche Herden Futter gewährenden Wadis erstrecken. Diese Ebene führt zu der El-Mudar mta-El-Hamada („Nordhang der Hamada*) die den Beginn des en teaus (der Hamada El-Homra oder „roten Hochebene“, im Gegensatz zum Djebel Es-Soda, dem „schwarzen Gebirge“) bezeichnet. Es ist eine ungeheure Ausdehnung von ansteigenden Ebenen, eine steinige, kalkichte, unbewohnte Wüste, ohne Wasser, ohne Vegetation, beinahe auch ohne alles tierische Leben. Die mittlere Höhe dieser Ebenen beträgt 425 bis 445 m. Ein jäher Abstieg im Wadi El-Gharbi bezeichnet im Süden, ähnlich wie im Norden, die Grenze der Hamada; aber das Niveau ist verhältnismässig das gleiche, das zentrale F. befindet sich fast in der gleichen Höhe wie dieHamada(Mursuk liest 559 m, Djerma 485 m, 'Traghen 592 m, Zuila 539 m, Fosha 539 m hoch). Was die Gesamtheit ‘des Plateaus anbetrifft, von welchem die Hamada nur der zugleich höchste und geschlossenste Teil ist, so ist die Abböschung besonders im Westen, in der Richtung von Ghat, sehr stark. Im Norden ist der Anstieg weit mehr langgestreckt; im Süden zeigt er die schwächste Stelle und im Osten tritt der basaltische Djebel es-Soda(736 m), der sich weiter östlich unter dem Namen Harudj fortsetzt, an seine Stelle. Das letztere Gebirge ist ein vulkanischer Berestock im nordöstl. Winkel von F. (zwischen 26!/,° und 28!/5" nördl. Br.); er teilt sich in den Harudj-el- Assuad („schwarzer Harudj“) und den Harudj-el-Abiad („weisser Harudj‘). Das Klima von F. ist im Sommer heiss; die Hitze ist, wenn der Südwind sich aufnimmt, erdrückend, selbst für Eingeborene; sie steigt bis zu 44 und mehr Grad. Die Ernten reifen im Monat Mai. Regen fällt selten und wenig ausgiebig. Häufise Orkane erschüttern die Luft und wirbeln gefährliche Drehwinde auf. im Winter führt der Nordwind eine beissende Kälte herbei, wenn auch der Schnee, infolge der Trockenheit der Luft, eine unbekannte Erscheinung ist. Der Boden ist in vielen Strichen mit einem rötlichen Staube bedeckt, welcher die Kalk- und Lehmlager in ziemlich dichten Schichten bedeckt. Er ist im allgemeinen trocken; aber auf gewissen Punkten, hauptsächlich im Bette der Wadis und in anderen Depressionen stösst man auf ziemlich ergiebige Quellen, welche das Land streckenweise gut bewässern und eine reiche Vegetation erzeugen. Dort, wo der Boden bebaubar ist, wird Sorgho, Hirse, Gerste und etwas Weizen geerntet. Die erste Stelle unter den Erzeugnissen des Landes nehmen die Datteln ein; sie bilden eine Hauptnahrung der Bevölkerung und einen wichtigen Handelsartikel. Rindvieh wird eigentlich nur in dem Wadi Ech-Chiäti gezogen; das gemeinste Haustier ist die Ziege; das Kamel dient als das Lasttier, ist aber gleich dem Pferd und dem Esel nicht zahlreich vorhanden und steht hoch im Preise. Die Hammel sind braun und fettschwänzig; sie bilden für den Fezzaner wie für den Araber einen gesuchten Leckerbissen. Von wilden Tieren sind der Strauss, die Gazelle, das Mähnenschaf, die Hyäne, der Schakal und der Fuchs die häu-Die Bevölkerung, über deren Stärke nichts Bestimmtes bekannt ist, teilt sich in Nomaden und Sesshafte; die letzteren bewohnen in Städten und Dörfern die Oasen; die ersteren durchschweifen mit ihren Herden die zwischen den Oasen liegenden Landstrecken; sie sind in der Hauptsache Araber und bilden drei grosse Stammgruppen in dem eigentlichen oder zentralen F.: die Riah (zwischen Sokna und dem Harudj), weiter westlich die Hotman und Megarha (in der Gegend des Wadi Ech-Chiati, in den Dünen von Edeyen und auf den Hamadas). Die westlich von Mursuk schweifenden Kel-Tinalkum sind Tuaregs, d.h. Berbern; im Südwesten sind Tuareg-Azdjer vertreten. Mehrere Stämme im Norden, wie die Guntarar im Wadi Sofedjin, die Ulad Bu-Sef, die Urfilla u. Ss. w. sind arabisierte Berbern. Der ursprüngliche Stock der eingeborenen Bevölkerung ist sicher negerisch, und die eigentlichen Fezzanier sind, nach ihrem Teint, ihrem Typus und ihren Überlieferungen zu schliessen, nahe Verwandte der Kanuri und der Tibbu. Die herrschende Sprache ist jetzt das Arabisch, das von den sub-äthiopischen Negern ebenso gesprochen wird wie von den Arabern. Das in mehrere Dialekte gespaltene Berberisch wird von den Bewohnern Soknas und Foghas, wie auch von den Tuareg, die sämtlich weisse Berbern sind, gesprochen. Hornemann gab die Stärke der fezzanischen Bevölkerung auf 70000, Richardson auf 26 000, Vogel auf 54.600, Rohlfs endlich auf 200.000 Köpfe an; Nachtigal schätzt sie auf 33.000 , die in 90 Städten oder Weilern wohnen, wozu noch !/—!/s Nomaden kommen, so dass die Gesamtbevölkerung sich (nach Nachtigal) auf etwa 50000 stellt. Die Bevölkerung ist ausserordentlich stark gemischt: ausser den eigentlicheu Fezzaniern trifft man im Süden Tibbus von Tibesti, im Südwesten Tuaregs, im Norden und Osten Berberdörfer, dann sesshafte Araber, nomadische Araber und nomadische Berbern, Sklaven aus Bornu, Sklaven aus den Haussaländern und anderen Gebieten Zentralafrikas. Die verbreitetste Sprache ist das Kanuri, das von Bornu-Negern hereingeführt worden ist, sodann das ‚durch die Haussa - Neger hereingebrachte Haussa. Der zur Rasse der Tuareg gehörige Teil der Bevölkerung spricht Tuareg; der zu den Tibbu oder Tebu gehörige Teil das Tebu oder Teda. In Sokna, Waddan, Temissa wird eine Mundart des Berberischen, auch Arabisch gesprochen. Die Industrie ist mF. fast gleich Null. Sie beschränkt sich eigentlich auf die Erzeugung von groben Geweben aus Wolle und Baumwolle, von Flechtarbeiten aus Dattelblättern. Die Reichen erhalten ihre Stoffe aus Tripoli und Kairo. Die sehr niedrigen Häuser sind in Wirklichkeit nichts anderes als Hütten aus Lehm oder rohen Ziegeln. Man zählt in F. etwa hundert Ortschaften, von denen ausser Mursuk noch sieben den Titel einer Stadt führen: Suila, Sebha, Sokna, Traghen, Zella, Tessaua, Tekertiba. Die Mehrzahl dieser Ortschaften liegen in den nördlichen und südlichen Strichen des Landes. Nach Nachtigall hat Sokna 2500, Semmu 1200, Sirkhen 00, Temenhint 600, Sebha 2500, Gatron 100), Tedjerri 800 Einw. F. ist als eine von Tripoli abhängige Provinz (kaimakamlik) in 7 Distrikte oder Mudirien eingeteilt Wadi Ech-Chergi, Wadi El-Gharbi (mit Wadi Otba), Suila, Chiati, Chergiyeh, Hofra, Jofra (mit Sokna).