Kabylie, Landschaft im nordöstlichen Algerien, in den Provinzen Alsier und Constantine, welche ihren Namen nach den sie bewohnenden Berberstämmen führt. Die Kabylen sind die Ureinwohner der K., die später (ausgangs des 11. Jahrh.) durch Araber besetzt wurde. Die Araber, welche vorzugsweise Hirtenvolk sind, verbreiteten sich über die Ebenen, während die Eingeborenen Zuflucht in den gebirgigen Distrikten (im Massiv der Trara-Berge, im Uaransenis, auf dem :Dahra, den Babor-Bergen, im Innern der Provinz Constantine, auf dem Amur-Gebirge, im Aures und :Djurdjura) Zuflucht suchten, und sich dort unabhängig von den Arabern, wie auch vor den Türken zu bewahren vermochten. Man unterscheidet zwischen der Grossen und der Kleinen Kabylie. Die erstere (auch „Kabylie des Djurdjura* genannt) bildet ein Dreieck zwischen den Küstenpunkten Dellys und Djidjelli, und dem Orte Setif im Innern des Landes. Die Kleine Kabylie grenzt im Osten an die Grosse Kabylie und begreift den Landstrich von Djidjelli bis Philippeville. Das Land ist, dem Gebirgscharakter entsprechend, teilweise rauh und wild, fast überall schwer zugänglich, dabei aber in den Thälern gut angebaut und von ausserordentlicher Fruchtbarkeit. .Die Kabylen oder Berber bilden nächst den Arabern die zahlreichste einheimische Bevölkerung von Algerien. Sie zerfallen in etwa 120 Stämme, die in etwa 1400 Dörfern wohnen, 450-500 000 Köpfe zählen (120000 Gewehre) und zu verschiedenen Gruppen vereinigt sind, deren wichtigsten sind: 1) die Iguchdal oder Guechtula in der Lanäschaft Bordj-Boghni, am Nordhange des Djurdjura, im Becken des Ued-Bukdura oder Bu-kadura; — 2) die Dedka im Südwesten des Fort National, im Becken des Ued-Beni-Aissa; — 35) die Igawawen oder Zwawa (woher das französ. „zouave“ stammt) im obern Becken des Sebau (hier Bu-Behir genannt), in die Ait-Bethrun und die Ait-Menguellat zerfallend; — 4) die Ait-Iraten (oder Beni-Raten) auf dem Hochplateau, in den Thalschluchten um das Fort National; — 5) die Ait-Aissi (Beni-Aissi) im Thalbeeken des Sebau; — 6) die Ma’atka oberhalb vou Tizi-Ouzou; — 7) die Flissa zwischen Palestro, dem Isser und dem Sebau; — 8) die Isser am Unterlaufe des nördlichen Isser und — 9) die Uagennun im Südosten von Dellys, zwischen dem Sebau u. dem Mittelmeer Die Kabylen sind Gebirgsbewohner, haben sich jedoch, wie derim Auresgebirge wohnende Stamm Schauja(d.ih. Hirt), zum Teil auch über die anliegen- ‚den Ebenen verbreitet, ja sie fehlen selbst nicht in den Oasen, so inder Beni-Mzab. Die Kabylen bekennen sich zum Islam, haben feste Wohnsitze, treiben neben Ackerbau und Viehzucht auch eine gewisse Industrie (Weberei, Waffen und Pulver, Eisen- und Bleibergwerke im Atlas, Wassermühlen, Töpfereifabriken, Ölbereitung) und besitzen als charakteristischen Zug einen starken Handelsgeist. Ihre Kleidung, Nahrung und ganze Lebensart ist. sehr einfach; doch haben sie den grösseren Orten steinerne Wohngebäude. Eine glühende Freiheitsliebe geht durch das ganze Volk, Die Verfassung der Kabylen ist demokratisch. Die verschiedenen Stämme stehen, ausser wenn eine gemeinsame Gefahr sie vereinigt, in keiner Verbindung unter sich. Jeder einzelne Stamm teilt sich in soviel Bezirke, als er Thäler oder Berge besetzt hält, deren jeder wieder sich seinen Scheik, jedoch nur höchstens auf 6 Monate und nur mit militärischer Machtvollkommenheit, wählt. Civilstreitigkeiten entscheidet der in jedem Dorfevorhandene Amine. Die höchste, permanente Gewalt steht bei der Zavia, der kirchlichen, von Marabuts gebildeten Gemeinde, welche auch für alle Fälle letzte Instanz ist. Gesetze beschliesst die Djemma, die allgemeine Versammlung des Ortes, worin jeder stimmfähig ist, welcher eine Flinte besitzt, also auch Knaben, Steuern (!/uo der Herden, !/ıo der Früchte) werden nur für Ernährung der Armen, Verpflegung der Fremden und Erziehung der den Marabuts übergebenen Kinder verwendet. Seitdem sie von den Franzosen unterworfen worden sind, haben sich die Kabylen in bezug auf ihre Verfassung manchen Änderungen unterziehen müssen. Die Kabylen, welche sich von jeher völlig unabhängig zu erhalten gewusst hatten, waren schon kurze Zeit nach der Einnahme von Algier in Kämpfe mit den Franzosen verwickelt worden. Doch begannen die. planmässigen Expeditionen gegen sie erst mit dem Auftreten des Marschalls Bugeaud in Algerien, in zwei Feldzügen 1542 und 1345, welche gegen die Kabylenstämme westlich von Algier, südlich von der Küstenlinie zwischen Tenes und Scherschell gerichtet waren und nach langen und blutigen Kämpfen mit der Unterwerfung der dortigen Kabylen endeten, welche der Marschall durch Errichtung von Blockhäusern und militärischen Posten, sowie Anlegung von Strassen auf die Dauer zu sichern suchte Ein von Bugeaud gleichfalls beabsichtister Angriff auf Grosskabylien im Jahr 1844 wurde von Dellys aus unternommen, lieferte aber kein weiteres Resultat, als die Einschüchterung der Stämme, so blutig auch die Kämpfe, bes. in zwei Treffen im Thale von Taursha und um die Höhen des Uarez-Eddin (16. Mai), gewesen waren. Erst 1047 konnte Bugeaud sein Projekt wegen der Unterwerfung von Grosskabylien wieder aufnehmen. Diebeiden Angrifiskolonen, je S00V Mann stark, setzten sich von Aumale und Setif aus in Bewegung, schlugen am 1‘. Mai die beiden allein Widerstand leistenden Stämme, die Beni-Abbes und die Rebulas, und erzwangen die Unterwerfungen von allen Stämmen des Dschurdschuragebirges. Dass die meisten Scheikhs die ihnen angebotenen Belehnungsburnusse ausschlugen, liess ihre Unterwerfung freilich in zweifelhaftem Lichte erscheinen. Eine längere Zeit hindurch sahen sich hierauf die Kabylen im Dschurdschura-Gebirge nicht weiter beunruhigt, da Bugeaud von seiten der Kammern und der Regierung in Frankreich nicht unterstützt wurde. Erst 1851 wurde em neuer Zug gegen das bisher noch unabhängige Kleinkabylien durch den neuen Generalgouverneur Algeriens, General d’Hautpoul, unternommen; die Unternehmung hatte sich als notwendig erwiesen wegen der bestindigen Raubanfälle der Kabylen auf dem Ostabhange des Gebirges gegen Philippeville u. a. Orte der Kolonie, wodurch der Verkehr derselben bedeutend beeinträchtigt wurde. Aus dieseın Grunde und wegen der, bei dem Reichtum von Kleinkabylien an wertvollen Produkten von der Unterwerfung zu erwartenden Handelsvorteile hatte diesmal auch die französische Nationalversammlung ihre Einwilligung zu der Expedition gegeben. Dieselbe begann unter Leitung des Generals St.-Arnaud im Mai von der Stadt Milah im Süden von Kleinkabylien, aus; die Stärke des, durch imehrerearabische Scheikhs verstärkten Angriffsheeres bestand aus etwa Y500 Mann. Bei dem Engpasse von Menagel, wo sich gegen 4000 Kabylen fest verschanzt hatten, kam es am 11. Mai zum ersten Treffen, in welchem dieFranzosen Sieger blieben, worauf das Heer, obschon wunaufhörlich durch Angriffe aus den verschiedensten Hinterhalten beunruhigt, seinen Marsch auf Djidjeli nahm, in dessen Nähe St.-Arnaud am 14. Mai sein Lager aufschlug. Am 19. Mai, als der General sich gegen Bougie in Bewegung setzte, erfolgte ein neues Zusammentreifen mit den in Masse auf den Bergeshöhen erscheinenden Kabylen, welche jedoch auch diesmal zurückgeworfen wurden. Ernster war derKampf am 2). Mai im Engpass Mta-el-Missia, welchen der Stamm der Beni-Amran besetzt hatte; erstnach wiederholten Angriffen wichen die Kabylen, setzten den Kampf hartnäckig auf der Flucht fort, wurden aber zuletzt übermannt. Am 21. Mai kündigten einige Stämme, die Beni-Amran und die Marabuts, ihre Unterwerfung an. Hierauf richtete St.-Arnaud seine Unternehmungen gegen die Stämme -im Westen von Djidjelli und erzwang so bis zum 16. Juni, meist jedoch nur nach sehr bluiigen Kämpfen, die Unterwerfung der Beni-Foughal, Beni-Rissa, Beni-Moad, Beni-Marmi u. a., worauf er sich vom 18. Juni an mit gleichem Erfolge gegen die Beni-Siar und Beni-Affa im Osten wandte und seinen Marsch bis Collo ausdehnte. Inzwischen hatten die Generale Bosquet und Camon den Sheriff Bu-Boghla (Barghela), welcher einige Stämme von Grosskabylien, in der Nähe von Bougie, zum Aufstande gereizt hatte, am 10. Juni völlig geschlagen, einen Teil seines Lagers erbeutet und hierdurch bewirkt, dass der Sheriff vertrieben und den Franzosen kein weiterer Widerstand entgegengesetzt wurde. Mitte Juli war der Feldzug als beendigt anzusehen; Kaum waren jedoch die französischen Truppen abgezogen, als sich auch die Kabylen von neuem erhoben und durch räuberische Einfälle in die Ebene den Verkehr fährdeten. Unter Leitung des Generalgouverneurs Randon wurde daher im Mai 1853 ein neuer Zug gegen die Kabylen im Süden von Djidjelli unternommen. Unter Bosquet und Mac Mahon drangen zwei Kolonnen vor, und es unterwarfen nach einigen siegreichen Gefechten sich 45 Scheikhs am Ufer des U&d-Agrioun, doch vermochte man die völlige Unterwerfung aller Stämme nicht zu erreichen. Als nun 1854 infolge des orientalischen Krieses Truppen aus Algerien nach der Türkei gezogen würden, erhoben sich ınehrere Stämme unter dem Sheriff Bu-Boghla abermals. Randon rückte daher in ihr Gebiet ein, schlug und unterwarf sie, ohne jedoch auch hiermit eine vollständige Obergewalt herbeiführen zu können. Erst nach Beendigung des orientalischen Krieges nahmen die Franzosen 1856 den Kampf wieder mit Energie auf. Doch trotz des siegreichen Vordringens der Generale Yussuf und Renault musste infolge der vorgerückten Jahreszeit der Kampf im Oktober abgebrochen werden, und es wurde 1857 eine neue Expedition nötig, welche unter Randon selbst nach mehreren siegreichen Treffen der Generäle Yussuf, Mac Mahon und Renault endlich die völlige Unterwerfung sämtlicher Kabylenstimme im Juli 1857 herbeiführte, Seit 1871, wo die Plätze Dellys, Bougie, Tizi- Ouzou, Dra -el- Mizan, Fort National eine regelrechte Belagerung durch die Kabylen zu bestehen, hatten, sind durch die Franzosen in der K. verschiedene Kolonieen gegründet worden: Tigzirt, Azeffun, Azazga, Freha, Yaouren, Mekla, Maillot (in derProvinz Algier), Tagmalt, Alibu, Irzer-Amokran, Sidi-Aich, Il Maten, El-Kseur, la Reunion (in der Provinz Constantine).