Mursuk (Dendal), die wichtigste der zu. Tripolis gehörigen Oasen, zugleich die Hauptstadt von Fezzan (s. d.); ca. 770 km südlich von Tripolis, 1050 km südl. von Audjilah, 650 km südöstl. von Ghadames und 1400 km nördlich von Kuka; nach Vogel im 25.% 55° 16” nördl. Br. und 11.0 50° 6° östl.. L., nach Beurmann im 25.0 54.18“ n. Br. und 110 50° 3 östl. L. gelegen; wird durch eine Hauptstrasse in nahezu zwei gleiche Hälften geteilt, deren jede unregelmässige, enge, winkelige Gassen enthält, die aus Lehmhäusern bestehen. Den Kern des Ortes bilden der „Palast“ des türkischen Pascha und die Kasernen der türkischen Garnison. M. ist von kclossalen Erdmauern umgeben, besitzt.eine Citadelle und wird an der ganzen Nord- und Südseite von salzigen Wassertümpeln und Salz- 'sümpfen begrenzt, in welchen merkwürdigerweise einige Süsswasserquellen entspringen. Die Einwohnerschaft (ca. 5000 Seelen) besteht aus Arabern, Berbern und Sudanesen. M. war früher ein bedeutender Sklavenmarktplatz, jetzt beschränkt es sich auf starken Durchzugshandel zwischen dem Sudan und der Mittelmeerküste. M. ist oft von europäischen Reisenden besucht worden: Hornemann 1799 (vergl. sein: „Journal from Cairo to Mourzouk“ [Lond. 1802]); Richardson, Barth und Overweg 1850; Ed. Vogel 1853; Duveyrier 1860; von Beurmann 1862 (vergl. seine „Reise von Bengasi nach Mursuk und von Mursuk nach Wau“ in „Petermanns Mitth.“, Ergänzungshefte Nr. S—10, 1862-63); 1866 weilte Rohlfs fünf Monate lang in M. und übersetzte hier eine handschriftliche Geschichte von Fezzan, fasste auch eine ausführliche Beschreibung Fezzans und seiner Oasen hier ab; 1869 traf Nachtigal mit Alexine Tinne in M. zusammen; und andere mehr. GerhardRohlfs „Quer durch Afrika* (1. 159 £.) giebt von Mursuk die folgende Schilderung: Die Stadt Mursuk ist nach Duveyrier von den Uled-Mohammed gegründet. Sie liegt im 149: 10°08tl. Lv. Gr. u. 2505922 nördl. Br., nach den von mir angestellten und von Dr. Hann berechneten Messungen, die ziemlich genau mit den Angaben anderer Reisenden übereinstimmen, 1650 englische Fuss über dem Meere, in einer Hofra (Einsenkung), die zwar nicht tief, deren Boden aber doch von sumpfiger Beschaffenheit ist.‘ Daher kommt es, dass gerade die Hauptstadt des Landes ein sehr ungesundes, namentlich für Fremde gefährliches Klima hat, aus welchem Grunde sie auch, wie Hornemann anführt, schon. unter den ‚alten Sultanen während der Sommermonate von den Weissen verlassen wurde. Die Stadt bildet ein (nach Barth zwei englische Meilen umfassendes) Viereck, dessen Nord- und Südseite etwas länger sind als die West- und Ostseite. Sie ist von stellenweise geborstenen, aus an der Sonne getrocknetem Lehm errichteten Mauern umgeben, die eine Höhe von 20—30‘ "haben, an der Basis 10‘, oben aber nur 2° dick sind und von 30 zu 30 Schritt von viereckigen Türmen flankiert werden. An den Ecken der Ostseite befinden sich Bastionen, mit einigen Geschützen besetzt. Eine breite Strasse, echt negerisch Dendal genannt, führt in ziemlich gerader Richtung von Westen nach Osten durch die Stadt. In ihr steht gleich an dem stets von einem Doppelposten bewachten Thore das Zollhaus, zu meiner Zeit unbenutzt, da ausser für Sklaven kein Zoll für ein- und durchgehende Waren erhoben wurde. Die Strasse weiter verfolgend, gelangt man rechts an dieHauptwache und daneben an die Wohnung des Kaimmakan, des Gouverneurs der Festung. Schräg gegenüber, auf der linken Seite steht das ehemalige englische Konsulatsgebäude, das jetzt der Katib el-mel, der Finanzdirektor, bewohnte. Von da an hat die Strasse zu beiden Seiten nur kleine Hanut (Buden aus Holz oder Thon) — es ist der Bazar von Mursuk, — bis sie auf einen freien Platz mündet, dessen nordwestliche Seite die Kasbah (Schloss) und die Kischlah (Kaserne) einnehmen. Die Kasbah, ehemals Residenz der Sultane von Fesan, war seitdem die Amtswohnung des türkischen Kaimmakam gewesen, von Halim - Bei aber verlassen worden, angeblich weil Djennun (Geister) darin hausten, in Wahrheit weil der Wind überall durch die unverwahrten Thür- und Fensteröffnungen pfeift. Trotz des Verfalls, in welchen die türkische Regierung den Palast geraten liess, imponiert er jedoch äusserlich noch durch seine Masse, denn die Mauern sind mindestens 80 Fuss hoch und manche wohl 20 Fuss dick. Das Innere freilich machte mir den Eindruck eines riesigen, von labyrinthischen Gängen und engen Kammern durchsetzten Erdklumpens. Einigermassen ansehnliche Dimensionen hat nur der ehemalige Thronsaal, in dem die feierlichen Audienzen abgehalten wurden; alle übrigen Zimmer, auch die des Harem, sind klein und niedrig. Auf der einen Seite stösst an das Schloss die Kaserne, von den Türken gebaut und für dortige Verhältnisse geräumig genug, auf der andern Seite eine Djemma, in welcher die Sultane ihre Gebete zu verrichten pflegten. Östlich von dem Platze steht die Haupt-Djemma. Sonst giebt es fast nur einstöckige, aus Thonklumpen errichtete Häuser mit platten Dächern; die wenigen, die zwei Stockwerke haben, gehören fremden Kaufleuten aus Djalo, Sokna, Rhat, Kauar oder Rhadames. Der Dendal ist die breiteste Strasse, doch sind auch die andern ziemlich gerade und nicht ganz so schmal wie gewöhnlich in afrikanischen Städten. Im Osten der Stadt liegen die Kirchhöfe, auf deren einem sich das Grabmal des englischen Reisenden Ritchie befindet, der dem Klima von Mursuk zum Opfer fiel. Die Gräber der Fesaner machen sich, da kein Sarg dem einsinkenden Erdreich Widerstand leistet, durch muldenförmige Vertiefungen kennbar. Als Schmuck legen die Hinterlassenen Strausseneier darauf und allerhand anderm Thongeschirr. Auf einem Grabe bemerkte ich unter den Scherben ein defektes Porzellangefäss, dessen Bestimmung bei uns eine ganz andere ist, das aber hier vielleicht als Trinkschale gedient hat: auf einem andern, offenbar dem eines Reichen, ein paar gesprungene Weinflaschen. Die Grabstätten der ehemaligen Sultane sind durch nichts vor den übrigen Gräbern ausgezeichnet als durch etwas breitern Raum und durch grössere Haufen von Scherben und Strausseneiern. Mit Einschluss der Vorstädte, das heisst der ausserhalb der Mauern ringsum zerstreuten Hütten aus Palmzweigen, die meist von einem Gärtchen umgeben und von schlanken Palmen beschattet sind, zählt Mursuk nach meiner Schätzung etwa 8000 Einwohner. Auf die innere Stadt mögen davon 3000 kommen. Vogel giebt 2800 an, wohl nach derselben Quelle, die auch Barth benutzte. Duveyrier enthält sich jeder Schätzung. Richardson will nur 2000 annehmen, meint aber, die Einwohnerzahl der Stadt sei im Wachsen, während er die Bevölkerung des Landes in der Abnahme begriffen glaubt; seine Beobachtungen sind überhaupt sehr widersprechend, denn er schätzt die Bevölkerung von Fesan im ganzen nur auf 26000 Seelen, und sagt doch bei den einzelnen Ortschaften: „beträchtliche Bevölkerung“, „wohlbevölkert“, „alle ziemlich gut bevölkert“. Auch ich bin der Meinung, dass die Einwohnerzahl Mursuks gegenwärtig nicht ab-, sondern zunimmt. Soschlecht auch die türkische Regierung sein mag, so hat sie doch den unsichern Zuständen ein Ende gemacht, die unter den Sultanen in Fesan bestanden. Da zogen die Herrscher selbst plündernd und brandschatzend durchs Land, da bekriegten sich die Provinzen, ja die einzelnen Städte und Ortschaften untereinander in blutigen Fehden, da wetteiferten Tuareg und Tebu mit arabischen Nomadenhorden in Überfällen und Beraubungen der Karawanen. Jetzt ist doch Ruhe und Sicherheit des Eigentums hergestellt, und ich kann Richardson’s Ausspruch in seinem eben genannten Bericht: „Keine Thür hat Schloss und Riegel, die Fesaner stehlen niemals“, meinerseits Wort für Wort unterschreiben. Aus den vielen leerstehenden Häusern darf man nicht auf den Verfall der Stadt und das Zurückgehen der Bevölkerung schliessen. Durch starke Regenschauer werden die aus salzhaltigem Ton gekneteten Wände eines Hauses gelockert, die Insassen verlassen ihre den Einsturz drohende Wohnung, errichten sich aber sofort an einer andern Stelle ein neues Haus aus demselben unhaltbaren Material. Ganze Dörfer werden auf dıese Weise ver: lassen und andere dafür aufgebaut. In Mursuk hat die Landesregierung ihren Sitz, an deren Spitze ein Kaimmakam steht. In den ersten Zeiten nach der Eroberung des Reichs durch die Türken war die Macht des Kaimmakam von Fesan eine viel grössere, fast die eines Souveräns; er hatte Gewalt über Leben und Tod der Unterthanen sowie über Krieg und Frieden mit den umwohnenden Völkern. Seit Anfang der sechziger Jahre aber ist seine Macht auf die der andern türkischen Kaimmakame eingeschränkt, er wird von Konstantinopel aus mittelst eines Firman-ali angestellt.“