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ErdkundeBrockhaus 1882

Mossul, Hauptstadt eines asiatisch-türk. Vilajets, am rechten Ufer des Tigris, 450 km nordnordwestlich von Bagdad, unter 36 19 nördl. Br. und 60 49“ östl. L. (von Ferro), den Ruinen der alten Königspaläste Ninives gegenüber. Die jetzige Stadt mag einen Teil dieses hochberühmten Herrschersitzes gebildet haben. Man hat in M., wohl mit Unrecht, das Mespila erkennen wollen, von dem Xenophon in der Geschichte des Rückzugs der Zehntausend spricht. Der heutige Name, für den sich bis jetzt in den Keilinschriften keine Analogie gefunden, ist arabisch und bedeutet Ankunfto oder (Zusammentreffen v. Die mohammed. Stadt verdankt ihr Aufblühen namentlich dem Seldschuken Malek-Schah (1073), der von hier aus das morsche Kalifenreich bekämpfte. Unter Bedreddin (1222 —59) ward die Stadt das Haupt eines eigenen Staats, bis sie durch den Mongolen Hulagu-Khan erstört wurde. Tamerlan verschonte M. Später siel die Stadt den Türken und dann vorübergehend den Persern zu; aber seit der Mitte des 17. Jahrh. ist sie dem Sultan unterthan, dem sie Nadir-Schah 1743 nicht zu entreißen vermochte. Früher war M. eine blühende Fabrikstadt, ein bedeutender Stapelplatz für orient. Droguerie, arab. Kaffee und pers. Waren; namentlich waren die von ihm herkommenden Kupferwaren, Baumwoll⸗ und feinen Lederstoffe berühmt. So hat von M. der Musselin (‚. d.) den Namen, obgleich dieser Stoff jetzt nicht mehr dort verfertigt wird. Einzelne Färbereien bestehen heute noch. In neuerer Zeit hat der Handel sehr gelitten, seitdem die Verbindung Indiens mit Europa den Weg über Ägypten eingeschlagen hat. Doch bildet M. immer noch das Mittelglied des Verkehrs zwischen Westasien, Nordpersien und Armenien. Heute noch sind sein Hauptartikel Galläpfel, für welche sich einige europ. Häuser dort niedergelassen haben. Die Stadt ist von einer alten, stellenweise zerfallenen Mauer umgeben; die Straßen sind krumm, eng, doch verhältnismäßig reinlich. Die Häuser bestehen nach altassyr. Weise aus Erde, seltener aus Backsteinen, und sind mit Kalt oder Gips überzogen, die Zimmer gewöhnlich mit einem luftigen Gewölbe aus Ziegel oder Erde gedeckt. Unter den 20 Moscheen ist keine bedeutend; die Stelle einer dem heil. Paulus geweihten Kirche nimmt jetzt die Hauptmoschee ein. Wie überall im Orient finden sich hier viele Gräber von Heiligen. Von den angeblich einstigen 200 oder selbst 400 Kirchen gibt es noch etwa 10, die zum Teil zerstört sind, und einige Klöster, darunter ein sehr reiches, von ital. und span. Mönchen bewohntes Dominikanerkloster. Auch findet sich hier eine amerik.⸗prot. Mission. Die große Mehrzahl der Mohammedaner sind Araber; Türken gibt es wenige, dagegen viele Kurden. Die Landessprache ist arabisch. Die Christen dieser einstigen Metropole des orient. Christentums teilen sich in Nestorianer, röm.⸗kath. Chaldäer, Armenier, Jakobiten, unirte Syrer. Die Katholiken stehen unter dem hier residierenden Patriarchen von Elkosch (angeblich Geburtsort des Propheten Nahum). Die Zahl der Juden, die M. noch immer Aschur nennen, mag sich n. belaufen; sie haben mehrere Synagogen. Außerdem leben hier viele Teufelsanbeter oder Jezidis. Über die Einwohnerzahl der Stadt schwanken die Nachrichten zwischen 30000 und 70000. Jenseit des hier 130 mbreiten Tigris, über den eine zum Teil zerstörte Steinbrücke und in einzelnen Jahreszeiten eine Schiffbrücke führen, liegen die Ruinen von Ninive (f. d.). Unweit der Stadt befinden sich auch die Ruinen anderer assyr. Städte, namentlich im Norden Tarbis (heute Shetif-Khan und Calach (Nimrud). Bei Elhemmam gibt es Schwefelquellen (20), an einigen Orten auch Schwefelminen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 893Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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