
Sahara, der riesige Sandgürtel, der sich südlich von den nordafrikanischen Hochländern vom Atlantischen Ozean bis zu den das Nilthal einfassenden Hügeln hinzieht, mehr als 600 Meilen lang und stellenweise bis 200 Meilen breit. Die Sahara umfasst einen Raum von mehr als 120.000 Q.-Meilen, und dazu schreitet: ihre schreckliche Avantgarde, die Heersäule des Flugsandes, immer weiter vorwärts, verzehrt die vom Atlas kommenden Bäche, erreicht an einigen Stellen den Niger und Senegal und bedeckt oder verkleinert die Kulturstellen. Die Araber nennen sie ein Meer ohne Wasser. „Sie ist in der That ein. Sandozean, welcher seine mit Salz reichlich durchdrungenen Sandwellen und Sandströme, seine Klippen und Inseln oder Oasen hat. Oft sieht der Wanderer nichts über sich und um sich als Himmel und Sand, und bedarf des Kompasses oder des leitenden Polarsternes wie auf der Seefahrt.“ Das eigentliche Flugsandmeer ist die westliche Hälfte der Sahara, die Sahel (Ebene). Die von Osten nach Westen durch die Sahara streichenden Passatwinde haben im östlichen Teil der Wüste auf weiten Strecken den Boden völlig rein gefegt und allen Flugsand in den westlichen Teil getragen. Dort findet man auch an der Küste jene Sanddünen, welche bis 400 Fuss Höhe ‘(bei Kap Bojador) erreichen, die höchsten Dünen der Welt, und das Meer selbst vermag sich des Ein- ‘dringlings nicht zu erwehren, der es Schritt um Schritt zurückdrängt und ‚seinen Boden erhöht. Der Meeresboden ist durch den zugewehten -Flugsand schon so sehr gestiegen, dass man vom Ufer aus eine Stunde weit ins Meer hineinwaten kann. Beim Bergen der Strandgüter sieht man oft ‘Scharen von Arabern weitab vom Lande beschäftigt, und gestrandete Güter giebt es dort oft zu bergen, denn der Flugsand hat durch eine 'Sandbank von grosser Ausdehnung, die er geschaffen hat, diese Küste zu einer der gefährlichsten ganz Afrikas gemacht. Nicht bloss am Lande und im Wasser bemerkt man die Thätigkeit des Flugsandes. Als feiner weisser Staubnebel erfüllt er die Luft, so dass der geblendete Schiffer die Sandbank nicht bemerkt. In diesem westlichen Teil der Sahara vermag sich "auch keine Vegetation zu entfalten. Dem Glutwind, der über den Boden hinstreicht, können nur wenige Gewächse widerstehen. Da erblickt man höchstens hier und da die Stachelbüsche der Mimosen und. Akazien, einige Disteln und spärlichen Thymian. Auch die Tierwelt meidet die Sahel, in der sie keine Nahrung findet. Antilopen und Strausse haben in ihr keine bleibenden Wohnsitze, sie eilen im Fluge hindurch, wenn sie einmal hinein versprengt werden, und auch der Löwe haust nur in den Gebüschen am Saume der Sahel. Vipern, Skorpione und Ameisen sind die einzigen Vertreter der Tierwelt, und auch die Fliegen, welche den Karawanen auf ihrem Wüstenzuge folgen, finden bald den Tod. In den über das Sandmeer zerstreuten Oasen findet man zwar Tauben und Sperlinge, aber sonst ist die Vogelwelt nur durch Raubvögel vertreten, welche gierig nach -der seltenen Beute ausspähen. — östliche Saharahälfte, die eigentlice Saharah oder Libysche Wüste, besteht teils aus festem Kalk- u. Thonboden, teils aus mit Eisen vermischtem schwarzen Sandstein (vielfach für Basalt gehalten), und dazwischen tft ‘man mit scharfkantigen Kieseln bedeckte Flächen,auf welchen derMarsch sehr beschwerlich ist. und deren weisse Farbe überdies das Auge blende, sowie Schneefeldern gleichende grosse Salzflächen, die Überbleibsel von See becken, die einst mit Salzwasser ge füllt waren. Flugsand ist hier m Verhältnis zur Sahel nur wenig vorhanden, aber die Flüsse, welche nach einem Gewitterregen durch die tiefen Spalten im Boden dahinrauschen, werden doch bald vom Sand aufgesaugt und verschwinden eben so rasch wie sie entstanden. Trotzdem ist hier die Vegetation nicht so dürftig wie in der Sahel. Man trifft grosse Strecken, welche als Weideplätze dienen können, obwohl sie nur spärliches Futter liefern, und Oasen sind hier auch weniger selten als in der westlichen Hälfte. — In der Richtung von West nach Ost liegen . folgende Oasen in der Sahara: beim Hafenort -Arguin die Oase gleichen Namens; Ludamar, die Oase der Ulad-Amer, mit den Handelsplätzen Kemmu und Dscharra; die Oase El-Aravan, deren ‘gleichnamiger Hauptort der Stapelplatz des Salzhandels ist (3000 Einw.); Portendik mit grossen Akazienwäldern in denen Gummi gewonnen wird, en englischer Küstenplatz; ausserdem noch einige kleinere, von Arabern bewohnte Oasen zwischen dem Atlantischen Ozean und der grossen, von Norden her nach Timbuktu führenden Handelsstrasse, deren Bevölkerung sich hauptsächlich mit der Salzgewinnung beschäftigt und grosse Massen Salz nach dem Sudan liefert; östlich von der Handelsstrasse nach Timbuktu die von Araber- und Berberstäimmen bewohnten, nominell Marokko unterthanen Oasen: Tafilet; die Oasen in der nach, Südsüdost sich ziehenden Wüstenstrecke Ued Gehr und Ued Ssaura, deren Hauptstadt Karsas ist, von wo ein lebhafter Handel mit Tuat u. Tlemcem stattfindet; die am untern Ssaura gelegenen Oasen von Tuat, ein dicht bevölkertes Gebiet, in welchem sich grosse Palmenpflanzungen befinden und das viel Gerste, Weizen und Baumwolle erzeugt, bewohnt von stark mit Negerblut gemischten Arabern und Berbern, deren grösster Platz das 6000 Einw. zählende Tamantit ist; die Oase Tidikelt, deren ziemlich in der Mitte zwischen Timbuktu, Mogador, Tanger, Algier und Tripolis gelegener Hauptort Ain-Salah ein wichtiges Handelszentrum ist. An diese nominell dem Kaiser von Marokko unterthanen Oasen reihen sich südlich mehrere von Tuaregs (s. d.) bewohnte, Air, Asben und Ghat. Das ganze Gebiet ist (nach Duveyrier) eine Zentralerhebung, der westlichen Sahara. In ihm befindet sich das Bergland Hogar (Ahaggar) mit dem bis zu 8000 Fuss aufsteigenden Tahat, das Tafili-Plateau, die mächtigen Bergzüge von Air, welche bis 6000 Fuss Höhe erreichen, und das Bergland Adagh. In dem Bergland Air liegt die alte Stadt Agades (1460 gegründet), welche einst 50 000 Einw. zählte und einen Umfang von 31/, engl. Meilen hatte, während ihre Einwohnerzahl jetzt auf etwa 7ULO herabgesunken ist. Der Hauptort von Ghat ist Rhet, wo alljährlich ein grosser Markt abgehalten wird. Am Nordrand der Sahel liegt die Oase Ghadames oder Rhadames, zur Regentschaft Tripolis gehörig, von Arabern und Berbern bewohnt, Zentralpunkt des Handels zwischen Tripolis und Innerafrika. — Südlich von Tripolis liegt die grösste Oase der Wüste, Fezzan, „eigentlich ein zu einem Ganzen vereinigter Archipel einzelner Oasen, das Land der alten Garamanten, das von Bergketten umschlossen und durchzogen ist und im Kleinen die Formen der Wüste in sich wiederholt“ (s. Fezzan). Sobald man die Südgrenze von Fezzan überschritten hat, kommt man in schauer- ‘liche Einöden, in denen man 15 Tagereisen weit nichts sieht als Sand und Himmel. Endlich erreicht man die Oase von Jad, die erste der von den Tebu (s. d.) bewohnten Oasen. Die orösste Tebu-Oase bildet das Sultanat Kauar (s. d.) mit den Ortschaften Aschnumna und Bilma. Von den Tebu wird auch noch nordöstlich von der Scheidewand, welche sich, die Sahara in zwei ungleiche Teile teilend, von Tripolis zum Tsad-See hinzieht, die Oase Tibesti (s. d.) oder Tu bewohnt. Von Tripolis abhängig ist noch die Oase Audjila (s. d.), südlich von Barka. Drei Tagereisen westlich von derselben liest die kleine Oase Merondeh. — Unter ägyptischer Herrschaft steht die folgende Oasenreihe, welche sich yarallel dem Nilthal von Norden nach Siiden zieht: Siwah. im Altertum berühmt als Oase des Jupiter Ammon, Wah-el-Bacherieh, die sog. kleine Oase, südlich von Fayum, Wah-el-Dakleh, Wah-el-Chardscheh, die sog. grosse Oase, an der Karawanenstrasse von Darfur nach Suez mit dem 2000 Einwohner zählenden Hauptort El Chardscheh, und einige kleine, dem nubischen Nilthal parallel sich hinziehende, bisher noch wenig erforschte Oasen. Die ägyptischen Oasen, die im Altertum als die Inseln der Seligen galten, waren im 4. u. 9. Jahrhundert Verbannungsorte für Ketzer und politische Verbrecher (in oasin relegare). Seitdem hat sie der Flugsand bedeutend verkleinert. In neuerer Zeit ist der Gedanke angeregt worden, nach und nach vom Wüstenrande her neue Strecken der Sahara zu Kulturzwecken zu gewinnen, indem man vom T'sad-See, Senegal u. s. w. Kanäle in die Wüste führt und die längs derselben entstehenden Pflanzungen durch Dämme gegen den Flugsand schützt — ein Projekt, dessen Durchführung wohl auf unüberwindliche Schwierigkeiten stossen würde; auf reellerem Boden steht ein anderer Plan: durch Anlage artesischer Brunnen neue Oasen zu schaffen, worauf der bekannte Ausspruch von Lamoricieres hinweist: „Afrika muss mit dem Bohrer, nicht mit dem Degen erobert werden.“ Die Franzosen haben bereits viele Bohrungen vorgenommen und eine Menge Quellen dem Sandboden entlockt. — „Einen weit verbreiteten Typus des orographischen Charakters der Bodenoberfläche bilden die sog. Charadschaf- Landschaften, bald grössere, bald kleinere Flächen bedeckende Labyrinthe von Felsblöcken der verschiedensten bizarrsten Form und Grösse. So ist z. B. die ganze Gegend zwischen Sella und Audjila in topographischer Hinsicht ein chaotisches Durcheinander. Die ganze Gegend besteht aus riesigen Zungen, die zwar nicht hoch, aber doch sehr ausgedehnt an Form sind und meist rechtwinklig abfallen. Durch diese Gegend zieht sich überdies eine Dünenkette, welche von Westen nach Osten verläuft und mindestens von Sella bis zur Ammons Oase (Siwah) reicht, Obwohl die Sandmassen keine regelmässigen Ketten bilden und keine grosse Breite besitzen, erreichen sie dennoch die ansehnliche relative Höhe von 100 Metern.“ Überhaupt erreichen nach den übereinstimmenden Berichten der Forschungsreisenden die Dünen, welche im westlichen Teil der Sahara am mannigfaltiosten und am meisten entwickelt sind, selbst im Libyschen Sandmeer bisher unbekannte Dimensionen. „So weit auch der Blick reichen mag, sieht das Auge nichts als Sandmassen, die in der ordnung ihrer Oberfläche einem vom Sturm gepeitschten,, mit berchohen, riesigen Wogen erfüllten Ozean gleichen, nur Haid dem wesentlichen Vnter schiede, dass im Meer selbst der heftigste Orkan, möge er Cyklone oder Maik een niemals Wogen von solcher Höhe zu erzeugen vermag, wie sie hier im ne Sarnen vorkommen. Bald sind es lange Ketten von parallel laufenden Dünen, welche den Wüstenplan durchkrönten und mit den dazwischen legenden Thälern einem riesig vergrösserten, frischgepflüsten Acker gleichen, bald aber wieder bunt durcheinander gewürfelte, bis 200 Meter hoch und auch höher angehäufte Dünenberge, zwischen welchen sich einzelne ns Thäler hinschiängeln. Zuweilen, wenn man nach Tickzackwindungen des Weges den Grat einer solchen Düne reicht hat, erblickt man zu seinen Füssen einen Schlund, dessen Ränder gerundet und glatt wie die eines Trichters sind und den man fast ganz umkreisen muss, um eine Passage zum nächsten Dünengrat zu finden. In der Tiefe des Abgrundes, vor dem man unwillkürlich zurückschreckt und vor dem selbst die sonst so phlegmatischen Kamele unter ängstlichem Brüllen zurückweichen, unterscheidet man eine einheitliche en von tiefschwarzer Färbung; sist. der. ursprüngliche Boden vch Sandstein, der durch die Wirbelstürme, die dia Trichter im Laufe der Jahrkander georaben, von der Sanddecke entblösst und bloss an der Oberfläche vom grellen Licht zersetzt erscheint, Ein andermal erblickt man eine Reihe von engen und tiefen 'Thälern, deren Sohle von zahllosen grossen Sandrigeln wie von Adern durchzogen ist, zwischen welchen die wenigen und seltenen Pflanzen kümmerlich emporspriessen, welche die in diesen trostlosen Gegenden einzig und allein sich aufhaltenden wilden Tiere, deren Spuren man im Sande ‘allenthalben verfolgen kann, zu ernähren vermögen. Diese Thäler sind von einer Reihe fast nadelförmig zugespitzter Kegel umrandet, die, in ihrer Anordnung den Zähnen einer Säge gleichend, vermuten lassen müssen, sie seien alle aus einem und demselben rötlich gelben Felsblock geschnitten, wenn nicht der Wind unablässig, ja unter den Augen des Reisenden, die bebeweglichen Kanten dieser Zähne verändern würde.“ (Chavanne, Afrika im Licht unserer Tage) — Die geologische Durchforschung der »%ahara ist noch eine sehr oberflächliche, denn die Forschungsreisenden, denen wir alle diesbezüglichen Angaben verdanken, hatten selten die hinlängliche Musse für die viele Zeit erfordernden geologischen Untersuchungen, Trotzdem ist es heute schon möglich, in orossen Zügen ein Bild des geologischen Baues der Sahara zu entwerfen. Je weiter aber die geologische Durchforschung derselben fortschreitet, desto klarer wird es, dass die Annahme, die grosse Wüste sei einst vom Meere bedeckt gewesen, immer unhaltbarer wird. „Die grosse Ausdehnung quaternärer Bildungen in der nördlichen Sahara, insbesondere im westlichen Teile (westlich vom Meridian von Tripolis), lässt sich in keiner Weise als Argument für eine posttertiäre maritime Überflutung der Sahara ausbeuten, denn konform den quaternären Bildungen in anderen Teilen der Erde, welche vorherrschend fluviatilen und lacustrinen Ursprungs sind, während marine Ablagerungen eine geringe Rolle spielen, enthalten die quaternären Ablagerungen in der Sahara fast ausschliesslich Süsswasserconchylien.* Dass die Libysche Wüste niemals durch ein Diluvialmeer bedeckt gewesen sein kann, hat bereits unwiderleglich Professor Zittel nachgewiesen, der dieselbe aus nubischem Sandstein entstehen lässt und die Hauptrolle bei ihrer Bildung dem Winde zuschreibt. Eine marine Überflutung in jüngerer geologischer Zeit erscheint nurin bezug auf die schmale Depressionsregion der nördlichenOasen 4 am Südrande des Cyrenäischen Plateaus annehmbar. Der Entstehungs- . prozess der Dünenlandschaften hat sich vielmehr wahrscheinlich auf fol- 1 gende Weise vollzogen: „Unter dem Einfluss der intensiven Insolation, der chemischen Dekompositionskraft des ungemein kräftigen Sonnenlichtes und endlich der grossen Temperaturschwankungen in der täglichen Peviode erleidet der nubische Sandstein, welcher auf grosse ‚Strecken‘ hin .die geologische Formation des Bodens der Sahara bildet, eine tiefgreifende Zersetzung; es bilden sich im Laufe der Zeit aus den verschiedenen Terrainformen an Ort und Stelle. Dünen von wechselnder Mächtigkeit. Ist die Zersetzung des festen Gesteins so weit vorgeschritten, dass der Wind an den einzelnen Teilchen seine Macht äussern kann, so wird in der Streichungsrichtung des Windes sich allmählich Körnchen an Körnchen n © dem erstbesten Hindernis, die feinen © Teilchen im Windschatten desselben ansammeln und den ersten Ansatz zur Bildung von Flugsanddünen geben. Der nächste Gebli oder Sa 3 mum wird die zersetzten Massen mn orösserer Quantität von dem soliden Kern wegfegen und allmählich die Flugsanddünen erhöhen und an UNE fang vergrössern. So wird das wechselnde Spiel in rhythmischer Reihenfolge sich fortsetzen und endlich zu Erzeugung von Dünen führen, die wie z. B. in der Areg-Region zwischen Wargla und Rhadames, eine Höhe von 2)0—220 Meter bei einem Umfange von 4—0 Kilometer an der Basis.erreichen.“ Die Annahme, dass die Sahara einst ein Meer war’ hat bekanntlich den Plan erzeugt, grössere Teile derselben wieder zu inundieren, aber, ganz abgesehen von der Ausführbarkeit eines solchen Unternehmens, würde der Nutzen desselben wohl nur ein sehr prekärer sein (S.