Transvaaler. Die Nächte sind dagegen in Transvaal auch im Sommer empfindlich kalt. Als klimatisches Land für Tuberkulose dürfte Transvaal sehr zu empfehlen sein und kaum von einem andern, auch von dem deshalb viel gerühmten Vrystaat nicht, übertroffen werden. Dieses schöne Land scheint wie geschaffen, um einen grossen Einwandererstrom aufzunehmen; und es lag daher nahe, dass in einem Land wie Deutschland, welches alljährlich viele Tausende seiner Bewohner durch Auswanderung verliert, schon frühzeitig die Frage diskutiert wurde, ob es sich empfehle, den deutschen Non dererstrom nach Transvaal zu lenken. Die Zahl der Deutschen in Transvaal ist schon heute nicht gering, und sie würden es selbstverständlich mit Freude begrüssen, wenn die schon bestehenden deutschen Niederlassungen durch neue Ansiedler aus Deutschland vermehrt würden. Gegenüber der starken Propaganda zu gunsten Transvaals, welche vor noch nicht langer Zeit in Deutschland sich bemerkbar machte, ist, Vorsicht und ein sorefältiges Prüfen der jetzigen Verhältnisse doppelt geboten. Eines steht übrigens unbestreitbar fest: die grosse Mehrzahl der jetzt bereits im Lande ansässigen Deutschen lebt in sehr guten Verhältnissen. Fast alle haben mit ganz geringen „Mitteln angefangen, aber Männer und Frauen haben Heissig gearbeitet, wobei namentlich die Em- ‚sigkeit der letzteren das Staunen der Dauern erregte, und die Früchte ihrer Mühen sind nicht ausgeblieben. Das deutlichste Anzeichen von Wohlhabenheit ist die Thatsache, dass zwei deutsche Gemeinden, welche in den Distrikten Utrecht und Wakkerstroonmı ziemlich nahe beieinander entstanden, aus eigenen Mitteln deutsche Schullshrer und Pfarrer angestellt haben, um ihren Kindern ihre Nationalität zu erhalten. Schon die Umgegend und das Aussehen dieser Dörfer verraten das Vorhandensein emsiger und wohlhabender Ansiedler: die Strassen sind in gutem Zustand, die Häuser freundlich und sauber, und jeder Ansiedler hat seinen echt deutschen Bauernhof, an den sich Garten und Ställe anschliessen. Ein nicht minder freundliches Bild bieten die einsam gelegenen Farmen der deutschen Ansiedler, die sich. auch scharf von denen der Bauern unterscheiden. (Roskoschny, Südafrika.) — Die Geschichte Transvaals weist gar manches mit Blut beschriebene Blatt auf. Die Misswirtschaft und Ungerechtigkeit der englischen Beamten, die blutigen Bedrückungen, welche die holländischen Kolonisten zu erdulden hatten, und der dadurch erzeugte Hass gegen die Engländer waren die Ursache der Gründung der Transvaal-Republik, welche seitdem trotz aller Bemühungen Enelands, diesen Stachel im Fleische seiner Kolonieen unschädlich zu machen, seine Selbständigkeit sich gewahrt hat. Die zur Verzweiflung .getriebenen Bauern verliessen schliesslich in Zügen von vielen Tausenden mit Weib und Kind und aller beweglichen Habe ihre bisherigen Wohnsitze und zogen nach Norden, wo sie die Republik am: Oranje gründeten. Ein Teil zog weiter in das. jetzige Transvaalgebijet, trieb den dort herrschenden Häuptling Moselekatse unter schweren Kämpfen über den Limpopo und nahm sein Land in Besitz. Während der Oranje-Freistaat schon bald darauf nach der sogen. Boomplats-Schlacht seine Selbständigkeit verlör, behaupteten die Bauern in Transvaal ihre Unabhängigkeit. Es bestanden dort zwei Republiken, da die Anhänger des von den Engländern für vogelfrei erklärten Pretorius in Potschefstroom ihren Hauptplatz hatten, während die Anhänger Potgieters sich um Lydenburg und Zoutpansberg niederliessen. Die Engländer liessen sie dort unbehelligt und singen sogar noch einen Schritt weiter, und erkannten ‚, die Unabhängigkeit der beiden Republiken ausdrücklich an, indem sie gleichzeitig die Proklamation, welche einen Preis auf Pretorius’ Kopf setzte, zurückzogen. Der am 7. Januar 1841 in Zandrivier unter- - zeichnete Vertrag, welcher danach der Sandriver-Vertrag heisst, sicherte den Bauern das Recht, „ihre eigenen Angelegenheiten zu verwalten und eine eigene Regierung zu haben‘, unter dem Versprechen, dass die englische Regierung sich nie in ihre Angelegenheiten mischen werde. Am 12. März 1352 kam eine Versöhnung zwischen Pretorius und Poteieter zustande, aber die beiden Republiken blieben doch nach wie vor getrennt. Potgieter und Pretorius starben beide im Jahre 1853, worauf die Potschefstroomer Pretorius’ Sohn, Martinus Wessel, die Zoutpansberger ebenfalls Potgieters ältesten Sohn zum Präsidenten wählten. Indessen hatte England auch den. Oranje-Freistaat freigegeben, und Pretorius, dessen Bemühungen, eine Vereinigung mit Zoutpansberg zustande zu hringen, erfolglos geblieben, richtete nun sein Ausenmerk auf die neue Republik. Statt zur Vereinigung kam es aber infolge einer ihm in Bloemfontein zugefügten Beleidisung zum Kriege zwischen dem ÖOranje-Freistaat und Potschefstroom, der jedoch ohne Blutvergiessen beendet wurde. Pretorius schloss rasch Frieden, als er hörte, dass die Zoutpansberger ihm in .den Rücken fallen wollten. ‘Für diesen Verrat mussten aber die Zoutpansberger büssen, denn Pretorius wandte sich nun mit seiner ganzen Macht gegen sie, und da sie die Aussichtslosigkeit eines Widerstandes einsahen, kapitulierten sie. Die Republik Zoutpansberg wurde mit Potschefstroom vereinigt. Drei Jahre später ging auch eine dritte, von den Boeren in T'ransvaal gegründete kleine Republik, Lydenburg, in Potschefstroom auf, welches nun die Hauptstadt der neuen südafrikanischen Republik wurde. Boshoff, der Präsident des Oranje-Freistaats, war indessen unbeliebt geworden, man zwang ihn zur Abdankung und wählte zu seinem Nachfolger Pretorius, den Präsidenten des Transvaalstaates. Die Republiken blieben nur kurze Zeit vereinigt (siehe Seite 1030). Die Intriguen Englands führten zum Bürgerkrieg und zur Trennung, die nunmehr eine definitive blieb. In Transyaal blieb Pretorius Präsident bis zum 20. November 1871. In dem Streit wegen des Territoriums der Diamantenfelder, welcher zwischen Transvaal u. Oranje ausbrach, hatte der als Schiedsrichter angerufene Leutnant-Gouverneur von Natal, Keate, einen Schiedsspruch gefällt, welcher nach Ansicht der Transvaalbauern ihr Recht auf unerhörte Weise verletzte. Pretorius hatte den Urteilsspruch anerkannt, aber der Volkraad verweigerte die Ratifikation und erteilte Pretorius eine Rüge, infolge welcher er sein Amt niederlegte. Nach einem kurzen Interimspräsidium (Erasmus) wurde der ehemalige Pfarrer Thomas. Bürgers, ein durch sein schneidiges Auftreten gegen die Kapische Synode sehr populär gewordener Mann, zum Präsidenten gewählt. Den Urteilsspruch Keates vermochte zwar auch er nicht mehr rückgängig zu machen, aber er erwarb sich grosse Verdienste um den Freistaat durch die Verbesserung der Finanzlage (Einlösung der vielen in Umlauf gesetzten Banknoten) und durch grosse Verbesserungen in der Verwaltung und im Unterrichtswesen. Seine Bemühungen, in Europa eine Anleihe von 6 Millionen zum Bau einer Eisenbahn nach der Delagoa-Bai aufzunehmen, hatten günstigen Erfolg, aber die Engländer "benutzten seine 1!/,jährige Abwesenheit zu Wühlereien in Transvaal, durch welche seine Stellung erschüttert wurde. Der arglose Bürgers, der den Umschwung in der Gesinnung seiner Mitbürger nicht bemerkte, liess sich in diesem bedenkenerregenden Augenblick verleiten, dem Häuptling Sekukuni den Krieg zu erklären, dessen unglücklicher Verlauf (die Kaffern waren von den Engländern reichlich mit Waffen versehen worden) England die langersehnte Gelegenheit zur Einmischung bot. Sir Shepstone erschien als Bevollmüchtigter der englischen Regierung in Transvaal, angeblich um die Beschwerden gegen die Transvaalregierung zu prüfen, in Wirklichkeit aber, um im Verein mit einer für England gewonnenen Partei die Annexion vorzubereiten. Bürgers sah zu spät, dass er verraten war, und da er die Aussichtslosigkeit jedes Widerstandes einsah, legte er seine Würde nieder. Am 12. April 1877 erklärte Shepstone Transvaal für annektiert. Die Annexion war von keiner langen Dauer. Die Misswirtschaft der englischen Beamten führte schon Ende 1880 einen Aufstand herbei, die englischen Truppen wurden wiederholt geschlagen, besonders empfindlich am Madschuba- Berge, wo General Colley fiel, und dem darauf abgeschlossenen Waffenstillstand folgte bald.der Friedensschluss, durch welchen Transvaal seine Unabhängigkeit zurückerhielt. — Der Transvaal-Freistaat umfasst heute 5300 Q.-Meilen, aber auf diesem Gebiet, welches an Grösse dem Königreich Italien gleichkommt , wohnen nur etwa 800000 Menschen, der überwiegenden Mehrzahl nach Farbige, nur etwa 45000 Weisse. Die Bevölkerungszahl wäre längst eine bedeutend grössere, wenn englische Missgunst nicht so lange den Aufschwung der Republik gehindert hätte und auch jetzt noch durch parteiische Berichte über die Verhältnisse in Transvaal die Einwanderung nach demselben zu hindern suchte.