Tunis (das Tunes des Altertums), die Hauptstadt des gleichnamigen islamitischen Staates in Nordafrika, an der Mittelmeerküste, im Hintergrunde einer kleinen Bai (Boghaz), deren Zugang Goletta heisst, und an dem flachen Salzsee El Bahira gelegen; neben Alexandrien die bedeutendste Handelsstadt der nordafrikanischen Küste (sie vermittelt den Austausch zwischen den Fabrikerzeugnissen des Abendlandes mit den Produkten Innerafrikas: Datteln, Olivenöl, Goldstaub, Elfenbein, und Wachs); 620 km östl. von Algier, im 360 44‘ n. Br. und 8% östl. L. gelegen; ca. Juden und 15000 Christen). Die Stadt, im Innern eng und schmutzig, mit krummen Strassen und einer von Karl V. erbauten Zitadelle, ist Sitz der europäischen Konsuln, besitzt ein französisches und ein italienisches Postamt (Briefe aus Deutschland treffen in Tunis 7 Tage, in Sfaks 11 Tage nach dem Aufgabetage ein), schöne Moscheeen, eine maurische Schule, mehrere christliche Kirchen und eine jüdische Synagoge; viele Fabriken (Wollen-, Leder-, Stickerei- und Parfümerie-Industrie) und schöne reiche Bazars. Die Residenz des Bey liegt in einem ausserhalb der Stadt auf einer sandigen Ebene gelegenen Kastell, dem sogenannten Bardo. Das Klima der Stadt ist gesund, trotzdem sie von zwei Seiten mit Brakwässern und Sümpfen umgeben ist. — Tunis ist Ausgangspunkt von verschiedenen Karawanenstrassen: aus Fezzan, Ghadames und der algerischen Sahara; Anlaufstation der englischen Dampfer von Malta aus und Endstation der Dampferlinien Marseille - Ajaccio - Tunis (Fahrtdauer 2!/; Tage), Genua-Tunis (3 Tage) und Neapel-Palermo-Tunis (2 Tage) mit den Zweiglinien Tunis - Susa-Monastier - Media - Sfaks und 'Tunis-Tripolis. Auch ist T. mit Goletta-Barde (60 km) durch Eisenbahn verbunden, die bis an die französisckalgerische Grenze weitergebaut werden soll. — Das Gebiet von Tunis ist das alte karthagische Gebiet. (Über die Lage des alten Karthago vergl. man den Artikel Karthago.) Nach der Zerstörung der an der Mündung des Flusses Katada gelegenen Stadt Tunes im 3. punischen Kriege siedelte sich die Bevölkerung derselben weiter westlich an der Stelle des heutigen Tunis an. Mit dem übrigen Nord-Afrika kam später auch T. unter die Herrschaft der Kalifen, in deren Namen dort ein Statthalter residierte. Im Jahre 1270 landete Ludwig der Heilige von Frankreich an der tunesischen Küste und schlug die ihm entgegengesandten Truppen, aber nach seinem T'ode schloss Philipp der Kühne Frieden. Ein zweiter Kriegszug nach Tunis wurde 1509 von Kardinal Ximenez unternommen, der die bedeutendsten Seestädte u. festen Plätze eroberte und Algier u. T. zu Spanien tributpflichtigen Staaten machte, Alsspäter Mulein Hassan, der Herrscher von Tunis, durch seinen Bruder Al-Raschid mit Hilfe Cheireddin Barbarossas vertrieben wurde, gewährte ihm Kaiser Karl V. Schutz, landete 1535 mit 30 000 Mann bei T., schlug Barbarossa und eroberte Goletta, wo 20000 Christensklaven befreit wurden. Mulein-Hassan erhielt sein Land als Lehen wieder, doch behielt der Kaiser Goletta. Im Jahre 1570 wurde Tunis durch die Türken unterworfen, welche es nach der Schlacht bei Lepanto (1572) an Juan d’Austria verloren, aber schon 2 Jahre später zurückeroberten. Der türkische Admiral Sinan, der die Stadt erobert hatte, wurde Statthalter des Sultans. Nach seinem Tode (1576) begann eine zügellose Soldatenherrschaft. Die Soldaten übertrugen die Herrschaft an einen von ihnen gewählten Dey, ermordeten aber einen jeden schon nach kurzer Zeit. Der Bey Morat bemächtigte sich. inmitten dieser Wirren der Herrschaft, ohne jedoch den Dey vollständig zu verdrängen, liess sich zum Pascha ausrufen und lenkte fortan die Wahl des Dey nach -seinem Willen, indem er gleichzeitig seiner Familie die Erblichkeit der erlangten Würde sicherte. Seine Söhne und Enkel behaupteten sich in derselben, aber 1707 wurde T.. von Algier abhängig. Als der Bey von T. mit mehreren europäischen Staaten Verträge schloss, in denen er sich verpflichtete, der Seeräuberei Einhalt zu thun, und auch den Tribut an Algier nicht mehr zahlte, wurde die Stadt 1757 von den Algierern erstürmt und das alte Abhängigkeitsverhältnis wieder hergestellt. Die Seeräuberei nahm trotzdem immer mehr ab, und nur wenn der Dey mit irgend einem europäischen Staate in Streit war, kam sie wieder inFlor. Alsin diesem Jahrhundert die Franzosen Algier besetzten, erhielt T. unangenehme Nachbarschaft und sah sich bald darauf zur Zahlung von 800000 Frances und zur Abschaffung der Seeräuberei und Sklaverei - gezwungen. Sidi Mustapha, der 1835 die Regierung übernahm, war ein energischer Mann. Er erhöhte nach und nach sein Heer auf 25000 Mann, wodurch er in Kollision mit der Pforte geriet, welche schliesslich in einem Ultima- ‚tum verlangte, dass er sein Heer auf 15060 Mann vermindern solle. Das Einschreiten der Grossmächte verhinderte Blutvergiessen und zwang den Bey zur Nachgiebigkeit. Achmed Bey wurde später von der Pforte als Herrscher - für Lebenszeit bestätigt, und sie behielt sich blos das Recht vor, seinen Nachfolger zu ernennen, wenn er kinderlos sterben sollte. Er gab jedoch den Plan, sich von der Pforte unabhängiger zu machen, nicht auf, bemühte sich unablässig, europäische Einrichtungen in seinem Lande einzuführen, zu welchem Zweck er eine Reise nach Frankreich unternahm. Im Krymkrieg. sandte er der Pforte ein Hilfskorps von 10000 Mann. Unter seinem Nachfolger veranlassten blutige Judenverfolgungen in. T. eine Flottendemonstration Frankreichs, Englands und Österreichs, ohne dass der Fanatismus der allen Reformen abgeneisten Bevölkerung dadurch vermindert wurde, Erst unter Sidi Sadok, welcher 1859 zur Regierung gelangte, wurde 1860 der 1856, welcher von dem Schutz und den Freiheiten der Nichtmohammedaner im türkischen Reich handelte, verkündet. In den 60er Jahren hatte der Bey wiederholt Aufstände der Gebirgsbevölkerung niederzuschlagen, welche über die drückenden Steuern empört war. Frankreich, das schon lange T. mit begehrenden Blicken betrachtete, nahm im J. 1885 Raubzüge der Krumirs auf algerisches Gebiet zum Vorwand, seine Macht auch über T. auszudehnen. Der Widerstand der Krumirs wurde gebrochen, und der Bey unterzeichnete einen Vertrag, in welchem er das französische Protektorat anerkannte. Der Golf von Tunis ist ein zwischen Kap Farina und Kap Bon sich nach Nordosten Öfinender Meerbusen, welcher durch den Vorsprung der Felsenhalbinsel, auf welcher Karthagos Ruinen liegen, in zwei Buchten geteilt wird. Die südliche ist die Bai von Tunis im engern Sinne, die nördlichere, zwischen Karthago und Kap Farina, ist seit zwei Jahrtausenden vom Schwemmland des Medscherda, des grössten tunesischen Flusses, so vollständig ausgefüllt worden, dass er heute kaum mehr den Namen eines Busens verdient. DerSee von Tunisliegt unmittelbar westlich von den alten Häfen Karthagos. Er wird von einer schmalen Nehrung vom Meere geschieden, auf welcher la Goletta, die Hafenstadt von Tunis, gebaut ist. Hier bildet die Nehrung eine schmale Öffnung, durch welche flachgehende Boote über den seichten See (die den Boden deckende Schlammschicht beginnt schon !/;—1l m unter dem Wasserspiegel) hinüber bis Tunis gelangen können. „Mit einem ganz schwach konkaven Bogen zieht der flache Strandsaum heute, wie eine zwischen zwei festen Stützpunkten nicht allzu lose gespannte Kette, von einem Vorgebirge zum andern. Im äussersten Norden und im äussersten Süden dieses Neulandes liegen, durch schmale Nehrungen von der See geschieden, zwei seichte Lagunen, der See von Porto Farino, und an der karthagischen Halbinsel die Sebkha