FeedGeflügel
TierreichAppetit-Lexikon 1894

Geflügel ist eigentlich Alles, was Flügel hat — mit Einschluß der Windmühle und des Pegasus. Da aber diesen und andern luftigen Wesen alle culinarische Bedeutung abgeht, so versteht man auf Grund stillschweigender Uebereinkunft unter Geflügel nur die eßbaren Vögel, und zwar vorzugsweise die zahmen oder das Federvieh, während die wilden in der Regel als Federwild bezeichnet werden. Das letztere, das Federwild, unterscheidet sich vom erstern durch vollern und kräftigern Geschmack, der auf einem größern Stickstoffgehalte des Fleisches beruht, steht aber andererseits dem Federvieh an Zartheit und Weichheit der Muskelfaser nach, so daß es in den meisten Fällen erst durch die sogenannte „Mortification“, d. h. durch die beginnende Fäulniß, kaubar und verdaubar wird. Vom Säugethierfleische unterscheidet sich das Geflügelfleisch im Allgemeinen durch den geringern Gehalt an Fett und Salzen, ist aber eben in Folge dessen leichter verdaulich als jenes und wird aus diesem Grunde für den Krankentisch bevorzugt. Der geringere Nährwerth des Geflügels gegenüber dem Schlachtfleische ist eine rein platonische Wahrheit, an die sich niemand zu kehren braucht, da es ja doch selbst dem entschiedensten Vogelfanatiker niemals einfallen wird, sich ausschließlich von Amseln oder Enten erhalten zu wollen. Vielmehr darf das, was der Berliner der Gans nachsagt, mit vollem Rechte vom Geflügel im Allgemeinen behauptet werden, nämlich: „Jutes jebratnes Jeflügel is' ne jute Jabe Jottes“.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 191Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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