FeedGerste
AllerleiAppetit-Lexikon 1894

Gerste, neben Weizen, Dinkel, Hirse und Reis die älteste unserer Getreidepflanzen, wurde in zwei Spielarten, der zweizeiligen und der sechszeiligen Gerste bereits von Aegyptern und Hebräern wie von den Bewohnern der Schweizer Pfahlbauten und mindestens seit Christi Zeit auch von den Chinesen eultivirt, muß also seine wahrscheinliche Heimat im Osten und Süden des Kaspisees schon sehr frühzeitig verlassen haben. Die gegenwärtig am häufigsten gebaute vierzeilige Art wird zuerst von Theophrast (gest. 285 v. Chr.) genannt, stand aber bei den Griechen in geringerm Ansehen als die beiden ältern Sorten. Die jetzt in Südeuropa sehr beliebte vierte Varietät dagegen, die sogenannte Bartgerste, ist sicher erst in historischer Zeit aus der vierzeiligen hervorgegangen. Zur Zeit umfaßt das Wohngebiet der Gerste Asien und Nordamerika bis fast an den Polarkreis, Europa bis über den Polarkreis hinaus, Nordafrika und die Culturstrecken Australiens. Im Norden (Schottland, Scandinavien und Sibirien) wird sie vorzugsweise als Brotfrucht, im Süden (Indien, Nordafrika und Südeuropa) als Pferdefutter, in der Mitte aber als Bierfrucht verwendet, denn ohne Gerste kein Malz und ohne Malz kein Bier. Außerdem liefert sie, in der Schale mit 12 Theilen Wasser abgekocht, dann durchgeseiht und das Seih mit Zucker, Citronensaft und Himbeeressig versetzt, das als Kühltrank beliebte Gerstenwasser, ferner einfach enthülst die Gerstengrütze, enthülst und decantirt die Graupen, deren feinste Sorte als Perlgraupen oder Rollgerste bekannt sind, und endlich fein zermahlen das Gries, alles Dinge, auf die der Mensch nur im alleräußersten Nothfalle, d. h. wenn er an einer Nordpol-Expedition, einer Afrika-Durchquerung oder einem vollständigen Bankerott betheiligt ist, mit tiefem Seelenschmerz Verzicht thut. Dementsprechend ist auch der Gerstenbau in allen Culturländern ein sehr bedeutender: Oesterreich erzeugt im Durchschnitt 20 Millionen Hektoliter, Deutschland 22½ Millionen Metercentner Gerste jährlich.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 198Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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