Erbsen werden schon so lange von der Menschheit gepflanzt und gegessen, daß selbst die gründlichsten Gelehrten sich nicht mehr zu erinnern wissen, ob man dabei mit der Gartenerbse oder mit der Felderbse den Anfang gemacht hat. Die weniger empfindliche, gröbere, graue Felderbse ist freilich als Wildling in Italien zu Hause, aber in den Steingräbern Ungarns und den Pfahlbauten der Schweiz hat sich nur die zartere, heller gefärbte und wohlschmeckendere Gartenerbse gefunden, und auch die griechischen und römischen Autoren gedenken immer nur dieser Art, für deren Heimat man das westliche Asien ansehen möchte — freilich mehr aus lieber alter Gewohnheit denn aus irgend einem nennenswerthen Grunde, da sich bisher außer der Felderbse noch nirgends auch nur die Spur einer Mutterpflanze der Gartenerbse hat auftreiben lassen. Wie dem aber auch sei: die Erbse ist die Königin der Hülsenfrüchte. Schon die Griechen und Römer — den Aegyptern und Hebräern war sie fremd — zogen sie der Bohne und der Linse vor, und in der Klosterküche des Mittelalters erfreute sie sich hoher Schätzung. Für die Popularität der Erbsen aber spricht besonders der Umstand, daß man gleichzeitig ein äußerst lockeres Zwischengericht aus gestoßenen Mandeln mit Honig und Gewürzen „Heidnische“ oder „Böhmische Erbsen“ nannte, während man heute unter „Böhmischen Erbsen“ den schlichten Erbsenbrei mit gerösteter Zwiebel versteht. Dieser Erbsenbrei hat in mehr oder minder schmackhafter Form von jeher in der Volksernährung eine wichtige Rolle gespielt und nimmt noch heute neben dem Kartoffelbrei in Nord- und Mitteleuropa die erste Stelle unter den Musgerichten ein. „Zum Erbsenbrei rutscht man, wenn man nicht gehen kann“, sagt der Litthauer. Oesterreich ißt demgemäß den weitaus größten Theil seiner Erbsen selber (in der Wiener Großmarkthalle allein kommen im Jahre rund 1350 g zum Verkauf!), und Deutschland ist trotz beträchtlicher eigener Production gezwungen, im Durchschnitt jährlich 500 000 g zumeist aus Rußland einzuführen. Bildet doch der Erbsenbrei mit dem Sauerkraut zusammen eine äußerst pikante Grundlage für das Pökelfleisch und in dieser Form unter dem klassischen Namen „Lehm mit Stroh“ ein norddeutsches Nationalessen, das jedem mundet, aber freilich nicht jedem bekommt, da es wie alle Hülsenfruchtgerichte einen handfesten Magen erfordert. Auffällig und schwer zu erklären scheint bei dieser althergebrachten Beliebtheit der dürren Erbse die Thatsache, daß man bis in's 17. Jahrhundert hinein kein Wort von den grünen Erbsen hört, während doch grüne Bohnen schon in einem Klosterkochbuch des 14. Jahrhunderts vorkommen. Diese Enthaltsamkeit unserer würdigen Vorfahren hatte indessen ihre sehr triftige Ursache: nach einer beiläufigen Aeußerung des kursächsischen Leibarztes Joh. Näve vom Jahre 1564 schmeckten nämlich die grünen Erbsen des 16. Jahrhunderts roh — wie roher Spargel! Es fehlte ihnen also gerade das, was wir an der grünen Erbse am höchsten schätzen, die milde Süße und eben deshalb konnte von einem Grünerbsen-Gemüse erst seit etwa 1610 die Rede sein, d. h. seitdem unter den Händen der Holländer aus der gewöhnlichen Gartenerbse zunächst die Stiefel-Zuckererbse und 1659 aus dem Garten des ehrsamen Jan Babel Adriaans im Haag auch die Zwerg-Zuckererbse hervorgegangen war. Diese beiden delicaten Sorten verbreiteten sich im Fluge über ganz Europa — sogar nach England, das bis dahin grüne Erbsen nur als Frauenzimmer-Leckerei gekannt und aus Holland bezogen hatte, und nach der Türkei, wo seit jener Zeit der Insel Chios die Verpflichtung obliegt, ihre ersten grünen Erbsen alljährlich nach Constantinopel zu senden. In Oesterreich war schon um 1680 nicht blos die Stiefel-Zuckererbse in fast allen Küchengärten zu finden, sondern man verstand auch bereits die Kunst, sich durch monatweis aufeinander folgende Aussaaten den ganzen Sommer über frische Schoten zur Verfügung zu halten. In Norddeutschland erließ Herzog Georg Wilhelm von Braunschweig-Celle 1679 eine Verordnung, die dem eine Belohnung von einem Thaler zusicherte, der den ersten Korb voll grüner Erbsen auf den Markt brächte. Den größten Enthusiasmus aber erregte die grüne Erbse in Frankreich, d. h. in Paris, wo selbst der haushälterische Colbert um 1670 ein einziges Gericht mit 50 Livres (etwa 180 Mark heutigen Geldwerthes) bezahlte, wo nach dem Berichte der Frau v. Maintenon vornehme Damen, nachdem sie an der königlichen Tafel reichlich zu Abend gegessen, zu Hause vor dem Schlafengehen noch ein Tellerchen grüne Erbsen verzehrten, wo Frau v. Pompadour später sogar die Hilfe des Polizei-Präsidenten Sartines anrief, um Ludwig XV. die ersten grünen Erbsen vorsetzen zu können, und wo unter dem sparsamern Ludwig XVI. dies kostbare Erstlingsgericht den Generalpächtern überlassen blieb, die es dem glücklichen Züchter mit 800 Livres (etwa 1200 Mark) zu bezahlen pflegten. Das war theuer — aber diese Herren hatten das Geld dazu, und sie ehrten damit nicht nur sich, sondern auch den Gartenbau und vor Allem das um diesen Preis erworbene Gemüse. Und welches Gemüse wäre solcher Ehre würdiger? Die grünen Erbsen sind die Maiblumen der Tafel, das schönste Sinnbild des Lenzes, das sich überhaupt denken läßt — namentlich wenn gebratene junge Tauben, gedämpfte Entenbrüste, vergoldete Lammeotelettes oder auch nur gesottene Stockfischschnitten auf diesem weichen, zarten Rasen vor das Antlitz des entzückten Gastes treten. In solchem erhabenen Momente bleibt dem Kenner nur der einzige Wunsch: der Gaumen möchte echte Waldmeisterbowle zu diesem Gericht vertragen und so des Maimonds ganz Wonne in einem einzigen Genusse schmecken können! ... Uebrigens ist die grüne Erbse nichts weniger als anspruchsvoll: sie verträgt sich mit allem Gethier im Luftkreis und auf Erden, sie verschwistert sich in der Suppe ohne Schmollen mit allem gleichzeitigen Gemüse des Küchengartens und läßt sich in hundert verschiedene Verbindungen ein und bleibt doch immer, was sie ist — das Nec plus ultra aller Hülsenfruchtgerichte. Nur als Conserve steht sie entschieden gegen die grüne Bohne zurück, denn in diesem Zustande fehlt ihr feinster Reiz, die reine Jugendfrische, Ia beauté du diable, wie der Franzose es nennt, die sich eben auf keine Weise conserviren läßt, beim Menschen nicht und auch nicht beim Gemüse. Namentlich erinnern die im Schatten an der Luft getrockneten und ehemals hochberühmten Russischen grünen Erbsen fast nur durch die Farbe an ihren Ursprung und sind unter allen Umständen nur ein schwacher Nothbehelf, während die Suppenmehle, wie z. B. die Grünerbsen mit Grünzeug von Jul. Maggi & Co. zu Kempthal in der Schweiz, im Geschmack doch wenigstens einen Anklang an die wahre grüne Erbse zeigen. Von weit größerm Werthe sind in jeder Hinsicht die Gelberbsen-Präparate, die in den verschiedensten Formen und der verschiedensten Zusammensetzung von fast allen Conservefabriken (Knorr in Heilbronn, Richard Wagner in Wien, Dennerlein & Co. in Berlin, Ferd. Flörken in Mayon etc.) geliefert werden und mit Recht einen immer größern Raum nicht blos in der guten Küche, sondern auch allmählich in der Volksernährung einzunehmen beginnen.