Bier, aus Gerste, Hopfen und Wasser bereitetes Getränk, dessen Erfindung dem Osiris in die Schuhe geschoben wird, obgleich gerade die Hauptsache, der Hopfenzusatz, einer spätern Zeit angehört. Soviel steht fest, daß die Aegypter schon 800 Jahre v. Chr. einen Gerstentrank bereiteten, und daß Pelusium am Nil das München oder Bier-Athen der antiken — Welt darstellte. Höchst wahrscheinlich aber war dieser ägyptische „Gerstenwein“ nur eine aus gegohrener Gerste gezogene Flüssigkeit von weinsäuerlichem Geschmack, die Plinius nicht ohne Grund als „abscheulichen Trank“ bezeichnet haben wird, namentlich wenn man ihr als Würze noch einen Eichenrindenabsud zuzusetzen beliebte, wie das die berühmten alten Deutschen thaten. Der Hopfen tritt freilich schon im Jahrhundert der Völkerwanderung als Culturpflanze auf, aber noch zur Zeit Karls des Großen wurde vorzugsweise, wenn nicht ausschließlich ungehopftes Bier gebraut. Erst 1079 wird der Hopfen ausdrücklich als Bierzuthat erwähnt und * des Hopfenbaues in Bayern und im Erzstift Magdeburg gedacht, und seit 1240 erscheint er als Handels- und Ausfuhrartikel. Wirkliches, d. h. gehopftes Bier wurde also erst seit dem elften Jahrhundert in Europa allgemeiner, und zwar scheint der Anstoß zur Herstellung desselben von den Niederlanden ausgegangen zu sein, die daher einen sagenhaften „König Gambrinus“ als Erfinder des Bieres feiern, der allerdings nicht, wie man bisweilen annimmt, identisch sein kann mit dem ritterlichen, prachtliebenden Herzog Johann I. (Jan primus!) von Brabant, dem Patron der Löwener Brauergilde (geb. 1250, gest. 3. Mai 1294). Durch den Hopfenzusatz haltbar geworden, wurde das Bier alsbald ein bedeutender Handelsartikel, und bis in's 17. Jahrhundert hinein wimmeln nun die deutschen „Stadt-Willküren“ und „Landesordnungen“ von Bestimmungen und Vorschriften betreffs der Bierbereitung. So gebot schon die „Brauordnung“ des Nürnberger Rathes vom Jahre 1290, nur Gerste zu verwenden, während umgekehrt die Augsburger „Brauordnung“ vom Jahre 1433 die ausschließliche Verwendung des Hafers anbefahl und diese Bestimmung sogar bis 1550 in Kraft erhielt. Namentlich seit dem 15. Jahrhundert nahm das Braugewerbe, das ursprünglich vielleicht ein Privilegium der Klöster gewesen war, in den deutschen Städten einen gewaltigen Aufschwung, und gewann die Bierausfuhr einen immer größern Umfang. Von den gangbaren Bieren des 14.—17. Jahrhunderts seien hier nur genannt: die Braunschweiger Mumme (der Name ist offenbar dem Naturlaute nachgebildet, mit dem Säuglinge die Muttermilch bezeichnen), die Goslarer Gose (nach dem Namen des Baches, der das Brauwasser lieferte), das Gardelegen'sche Garley (nach dem Namen seines Geburtsortes), die Zerbster Würze (wegen des trefflichen Geschmacks), der Dortmunder Adam, der Magdeburger Filz, der Breslauer Scheps, der Schweidnitzer Stier, das Eisleber Krabbelandiewand, die Bautzner Klotzm ilch, der Köpenicker Mord und Todschlag und die Kyritzer Fried' und Einigkeit, der Erfurter Schlunz, das Jenaer Menschenfett, der Hannover'sche Broyhan, der Merseburger Stürzebartel, der Bremer Hund, der Stader Kater und der Lübecker Israel, der Delitzer Kuhschwanz, das Teschener Masnoz, das Horner Plutzerl, der Wittenberger Kuckuck re. München, Wien, Pilsen, Kulmbach, Dresden, Berlin u. s. w. spielten damals noch keine Rolle unter den Bierstädten. Diese fiel ihnen erst im 19. Jahrhundert zu, und zwar übernahm zunächst Bayern, insbesondere München, die Führung, indem es seinem Lagerbier über die Grenzen des deutschen Bundes hinaus Anerkennung und Eingang verschaffte. Bald aber entstanden nun in anderen Theilen Deutschlands und sogar im Auslande — in Schweden z. B. wurde die erste bayrische Brauerei durch Fr. Rosenpont zu Stockholm am 10. November 1843 eröffnet — Lagerbierbrauereien, und seit etwa 1860 begann namentlich Oesterreich mit Bayern um die Palme zu ringen, ein Wettstreit, der durch den Sieg des Dreher'schen Bieres auf der Pariser Ausstellung vom Jahre 1867 zu Gunsten Oesterreichs ausgefallen ist. Bayern behauptet zwar in „echten“ Bieren immer noch den Vorrang und besitzt u. a. an der Sedlmayer'schen und der Löwenbräu-Brauerei in München wahrhaft großartige Etablissements, die bedeutendste Brauerei der Welt aber hat Oesterreich an dem Dreher'schen Etablissement zu Klein-Schwechat bei Wien aufzuweisen. Die Bierausfuhr Oesterreich-Ungarns belief sich 1890 auf 527 687 g, von denen 297 202 g allein nach Deutschland gingen. Wien selber verbrauchte im gedachten Jahre 1072 114 hl Bier, also rund 78·5 1 pro Kopf. Im Jahre 1893 wurden in den achtzehn Brauereien die in dem Brauherrenverein für Wien und Umgebung vereinigt sind, 3055 766 hl Bier erzeugt. Hiervon entfiel auf die Dreher'sche Brauerei in Klein-Schwechat der Löwenantheil mit 610 260 hl, auf die Brauerei von Ad. Ignaz Mautner & Sohn in St. Marx 462 060 hl, auf die Liesinger Actienbrauerei 336 300 hl, auf Hütteldorf 230 112 hl, auf die Kuffner'sche Brauerei in Ottakring 162 880 hl, auf die Nußdorfer Brauerei von Bachofen & Medinger 172 500 hl, auf die Brunner und Mödlinger Actienbrauerei 171.833 hl, auf die Meichl'sche Brauerei in Simmering 135 696 hl, auf die Schellenhofer Actienbrauerei 124 920 hl, auf die Dengler'sche Brauerei in Jedlesee 124 680 hl, auf die Brauerei St. Georg in Jedlersdorf 104 932 hl, auf die Kuffner'sche Brauerei in Ober-Döbling 102 600 hl, auf die Brauerei der Kuffner'schen Erben in Hernals 65 070 hl. Es ist dies jedenfalls ein gutes Zeichen für das Wiener Bier, das mit jedem Jahre mehr von der Coneurrenz bedrängt wird und das sich trotzdem in der Provinz, wie im Auslande der größten Werthschätzung erfreut. Die Bierproduction Deutschlands im Jahre 1892 betrug rund 55 Millionen Hektoliter, wovon 52 170 000 hl, d. h. 105:5 U pro Kopf, im Lande selber getrunken wurden. Die bedeutendsten Bierorte sind zur Zeit: in Bayern die Städte München (Hof⸗, Franeiscaner⸗, Augustiner-, Löwen-, Spaten⸗ und Hackerbräu, Pschorr, Zacherl u. s. w.), Nürnberg, Kulmbach, Erlangen, Augsburg, Regensburg, Kitzingen, Waldsassen, Farrnbach, Hof etc., deren vollmundige Exportbiere mit Recht in großem Ansehen stehen; — in Niederösterreich die Ortschaften Schwechat, Liesing und Hütteldorf, deren Produet sich durch milden Geschmack und Kohlensäuregehalt auszeichnet; — in Böhmen die Städte Prag (Stadt⸗, Land- und Kreuzherrenbier, Nußler, Bubner, Königssaaler etc.), Pilsen, Pilsenetz, Eger, Görkau, Saaz u. s. w., deren Trank wegen seiner Leichtigkeit und goldhellen Farbe beliebt ist;: — in Sachsen die Städte Dresden (Waldschlößchen, Feldschlößchen, Felsenkeller etc.), Leipzig, Chemnitz, Plauen, Plohn u. a., deren Producte zu den anerkannt „süffigen Stoffen“ gehören; — in Preußen Berlin, dessen „kühle Blonde“ (Weißbier) sich eines makellosen Rufes erfreut und im Verein mit der treuverbundenen „Strippe“ (Gläschen Kümmelliqueur) fortwährend neue Eroberungen macht; ferner Merseburg, Hannover, Stettin, Spandau, Dortmund, Neustadt-Magdeburg u. s. w. An allgemeinen Bezeichnungen für gewisse Bierarten sind folgende im Schwange: Bockbier, der volksthümliche Name der starken oder Doppelbiere, die in Folge vollständigerer Vergährung einen stärkern Alkoholgehalt haben und leicht berauschen. Es gehören zu dieser Klasse: der Bock, das Münchener Salvatorbier, der deutsche Porter, das englische Brown Stout u. e. a. Braunbier, im Gegensatz zum lichten und zum Weißbier, heißt alles mit stark gebräuntem Malz und reichlichem Hopfen bereitete Bier, vor allem das „echte Bayrische“, namentlich das Kulmbacher; auch sind die Nürnberger und Bamberger Versandtbiere hierher zu rechnen. Die Braunbiere stellen die Quintessenz der Braukunst dar, „denn das schwarzbraune Bier, das trink' ich so gern, und die schwarzbraunen Mädel, die küss' ich so gern“, d. h. es begeistert zu Liebe und Gesang. In Norddeutschland wird aber auch das schlichte Hausbier (im Gegensatz zum Lagerbier) als Braunbier bezeichnet. Dünnbier, Schmalbier, Kleinbier, Speise-, Fisch- oder Hausbier, auch Halbander und Kofent (conventum, d. h. Klosterbier, wie es an das Gesinde und die Armen aus⸗-— gegeben wurde) heißt der landläufige dünne Haustrank, der durch Nachguß auf die fertige Würze hergestellt wird. Exportbier wird von vornherein malzreicher gebraut oder erhält besondere Zuthaten, das Bamberger z. B. Roussillon und Muscatblüthe, der Porter Portwein, das Export-Ale abgesottenen Hopfen und Salz re. Extraetbier nennt man schweres, süßes Bier, das aus concentrirter Würze ohne vollständige Vergährung erzeugt wird. Hierher gehören: Ale, Mumme, Süßbier, Weizenlager, die sogenannten Malzextracte u. s. w. Haferbier, in Schottland als oats-beer weit verbreitet und aus Hafer statt der Gerste hergestellt, ist ein guter Durststiller, aber wenig nährend und geisthaltig. Jungbier, auch grünes oder Kräusenbier („Kräuse“ heißt der Schaumkranz auf gährendem Bier) ist noch in der Gährung befindliches Bier, das nach bayrischer Sitte in kleiner Quantität dem Schankbier beim Abziehen aus den großen Fässern zugesetzt wird. Lagerbier, so geheißen, weil es im Keller auf Lagern hinreichend ausgegohren hat, ist wegen seiner Haltbarkeit die verbreitetste aller Bierarten, und das Wort Lager daher im Auslande geradezu zum Synonym für Bier überhaupt geworden. Märzenbier ist im März gebrautes Lagerbier. Weißbier wird aus schwach gedörrtem Malz und wenig Hopfen bereitet, hat daher eine helle, mattgelbe Farbe und wirkt mehr durststillend als nährend und anregend. Weizenbier, durch Nährgehalt ausgezeichnet, wird entweder rein aus Weizen hergestellt, wie z. B. das Kelheimer, oder es erhält einen Zusatz von Gerstenmalz, wie das Farrnbacher, Wernersgrüner, Nürnberger, Braunschweiger u. s. w. Würz⸗ oder Kräuterbiere, durch Zusatz von allerlei Kräutern, Gewürzen oder Arzneipflanzen erzeugt, darunter das vielgenannte, aber herzlich wenig gebrauchte englische spruce-beer (Fichtensprossenbier), gehören überhaupt nicht zu den „süffigen Stoffen“, sondern sind Arzneitränke. Gutes und gesundes Bier muß beim Einschenken vollkommen hell und durchsichtig und mehr oder weniger braun sein. Es muß Schaum auf dem Glase hinterlassen und dieser sich lange halten; zergeht er endlich, so müssen die Reste nicht am Innern des Glases hängen, sondern mitten im Glase auf dem Boden stehen. Ferner darf es nicht blähen, muß schnell durch die Harnwege abgehen, keine Kopfschmerzen oder andere Unannehmlichkeiten nach mäßigem Genuß verursachen, wenig offenbare Säure haben und, wenn es gehopft ist, etwas bitter schmecken. Der Nährwerth des Bieres ist im Hinblick auf die achtunggebietenden Bäuche zahlreicher Zecher vielfach überschätzt worden, weil man außer Acht ließ, daß diese beneideten Bierbauchbesitzer ebenso wackere Esser wie Trinker sind und also das Sprichwort zu Schanden machen: „Wo ein Brauhaus steht, kann kein Backhaus stehen“. Als an sich nahrhaft kann das Bier bei seinem geringen Gehalt an Zucker, Stärke und Eiweiß kaum betrachtet werden, dürfte vielmehr in dieser Hinsicht sogar dem Obste nachzusetzen sein. Aber der Alkohol, das Hopfenbitter und (namentlich in den österreichischen und böhmischen Bieren) die Kohlensäure befördern die Absonderung des Magensaftes, beschleunigen dadurch die Verdauung und regen mittelbar zu verstärkter Speisenzufuhr und zur Fettbildung an. Sein größter Wert als Getränk liegt jedoch in anderer Richtung. Das Bier ist vorzugsweise der Stoff, der den Menschen zum Menschen gesellt, es ist die wahre Mutter der Gemüthlichkeit und des „höheren Blödsinns“ in Worten und Werken! Der Weinzecher und der Branntweinbruder sind sich mit ihrem Glase selbst genug, der Biertrinker dagegen muß Gesellschaft haben, wenn er rechten Genuß beim Trunk empfinden soll. Der Wein macht witzig, aber Witzköpfe sind oft recht bedenkliche Nachbarn, das Bier dagegen macht für Witz empfänglich, und wer Spaß versteht, mit dem ist gut auszukommen. Daher konnte auch nur in Bierländern sich ein wirklicher Kneipcomment entwickeln, der keineswegs eine Wissenschaft des Trinkens an sich, sondern ausschließlich die Wissenschaft des geselligen Trinkens ist. Alle Bierwissenschaft und Bierweisheit aber gipfelt in dem alten, frommen Spruch: Hopfen und Malz, Gott erhalt's!