Möhre, Mohrrübe, Gelbrübe, Gelbwurzel oder Carotte, in Oesterreich Möra oder gelbe Ruaben, in Schwaben rundweg Rübe und in Niedersachsen Wurzel, die ebenso am Kap, in Australien, Ostindien und Nordamerika wie in Europa bekannte Doldenpflanze, stammt von der über unsern ganzen Erdtheil verbreiteten wilden oder Wiesenmöhre mit weißlicher, holziger, verästelter Wurzel und ist trotz mehr als zweitausendjähriger Cultur so wenig in ihrem Wesen verändert, daß sie, sich selber überlassen, schon nach wenigen Generationen in die Wildlingsform zurückschlägt. Spuren ihrer culinarischen Verwendung haben sich in den Schweizer Pfahlbauten gefunden, die Griechen des 4. Säculums v. Chr. kannten bereits den Möhrenbau, und aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. wissen wir durch das Apicianische Kochbuch, daß die Römer sie in Oel gesotten mit römischem Kümmel oder in Wasser gesotten mit Salz, Oel und Essig aßen. Zu keiner Zeit aber ist die Möhre in Südeuropa auch nur annähernd von der Bedeutung gewesen, die sie vom frühesten Mittelalter ab für das gemäßigte Europa, namentlich für Deutschland und, seit der Zeit Heinrichs VIII. (gest. 1547), auch für England hatte. Die Möhre war das Seitenstück zum Weißkohl, Kraut und Rüben das gewöhnlichste Gericht des gemeinen Mannes und so mit dem Volksleben verwachsen, daß zwar das Gericht seit dem endgiltigen Siege der Kartoffel zu Ende des 18. Jahrhunderts aus der Volksküche verschwunden, der Name aber mit veränderter Bedeutung lebendig geblieben ist. In Süddeutschland führten sogar einzelne Gegenden, wie z. B. der Strich um die Dörfer Ornbau und Lellenfeld in Franken, den Titel „Kraut⸗ und Rübenland“ mit demselben Stolze, mit dem andere Bezirke sich „goldene Auen“ oder (in Norddeutschland) „Börden“ nennen. Auch in Wien nahm man noch im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts solchen Antheil an der „Möra“, daß man die grellrothe, stattliche Feldmöhre das „Männlein“, die lichtrothe oder gelbliche, zarte Frühmöhre oder eigentliche Carotte dagegen das „Weiberl“ nannte. Der Kartoffel gelang es, diese Vorherrschaft der Gelbrübe zu brechen, weil der süßliche Geschmack namentlich der größern Wurzel nicht jedem Gaumen angenehm ist, noch immer aber spielt die Rübe eine hervorragende Rolle in der Volksernährung. Im Vereine mit dem Kohl kommt sie freilich selbst in der ländlichen Küche kaum noch vor, als Gemüse aber mit eingeschnittenen Kartoffelstücken gelangt sie noch heute in manchen Gegenden wöchentlich mindestens einmal auf den Tisch. Auf der guten Tafel indessen darf sie sich in dieser Gestalt nur zeigen, wenn sie noch ganz und gar im Lenze ihres Lebens steht und höchstens 15 g wiegt — dann wird ihr aber auch nicht selten die Ehre erwiesen, mit den grünen Erbsen in einen Topf gethan oder doch gleichzeitig und neben denselben servirt zu werden. Von der ältern Wurzel macht die feine Küche nur in der Gelbrüben-Suppe Gebrauch. Ihres Zuckergehalts halber (durchschnittlich 674) wird die ältere Möhre in der Regel für besonders nahrhaft angesehen, bei dem hohen Wassergehalte aber von rund 8574 und bei ihrer nichts weniger als hervorragenden Verdaulichkeit kann von einem besondern Nährwerthe der Gelbwurzel keine Rede sein. Auch der gemeine Mann wendet sich daher, je mehr er andere Nahrungsmittel kennen lernt, um so entschiedener von ihr ab.