FeedKramsvögel
TierreichAppetit-Lexikon 1894

Kramsvögel, in veralteter Schreibweise Krammetsvögel, in Ungarn und Steiermark Kranewitter oder Kronewetter, in der Schweiz Reckholdervögel, sonst auch im Gegensatz zu den Kleinvögeln Großvögel, heißen. die in Europa vorübergehend oder dauernd seßhaften Angehörigen der Familie Drossel, insoferne sie die Krams-, Krammets⸗, Kranewets- oder Wachholderbeere zu ihren Leibgerichten zählen. Es sind dies, und zwar in der Reihenfolge, in welcher sie im Herbste streichen: die Ringamsel, von 26 em Leibeslänge, delicatem Geschmack und großer Fettfülle, aber ziemlicher Seltenheit, die Zippe oder Singdrossel, von 22 em Länge und schmackhaftem, in Weinländern sogar vorzüglichem Wildpret, der Zahl nach der zweithäufigste unter allen Kramsvögeln, sodann die Rothdrossel, auch Wein-, Blut- oder Buntdrossel, in einigen Gegenden auch Böhmle oder Böheimer, der delicateste und zum Glück auch gewöhnlichste der ganzen Sippe, 22 em lang und bezaubernd fett, endlich die Wachholderdrossel oder der Ziemer, von 26 cm Länge, der wahre und eigentliche Kramsvogel, dessen Fleisch gerade im Herbst durch die von ihm bevorzugte Nahrung einen wunderbar würzigen Geschmack annimmt. Außerdem aber zählt man hierher noch die Misteldrossel von 26 em. Länge und die gemeine oder Schwarzamsel von nur 15 em Länge, deren Fleisch jedoch an Saftfülle dem Wildpret der vier erstgenannten bedeutend nachsteht und die auch weit weniger häufig in den mit Vogelbeeren geköderten Dohnen oder Schneißen (Bügelschlingen) gefangen werden, die Misteldrossel, weil sie sich nicht viel aus den Vogelbeeren macht, und die Schwarzamsel, weil sie als deutscher Standvogel viel zu gewitzigt ist, um nicht den Mann im grünen Rock jeder Schandthat für fähig zu halten. Beim Verkaufe unterscheidet man überdies noch zwischen den größeren Ganzvögeln, nämlich Ringamsel, Wachholderdrossel und Misteldrossel, von denen nur 2 Stück, und den kleinern Halbvögeln, Zippe und Rothdrossel, von denen je 4 Stück auf den „Klub“ oder das Gebund gerechnet werden; die Schwarzamsel wird je nach der Gegend bald als Ganzvogel, bald als Halbvogel gehandelt, werthet aber bei Kennern stets am niedrigsten. Ueber die eulinarische Tüchtigkeit der Familie Turdus waren schon die Römer vollständig im Klaren. Unter den Vögeln gebührt, wie ich meine, der leckeren Drossel, unter den Säugern jedoch dem Hasen die Palme des Ruhmes — singt Martial, und noch anderthalb Jahrtausende später war Kaiser Ferdinand J. so sehr von dieser Wahrheit durchdrungen, daß zur Kramsvogelzeit täglich gebratene Ziemer auf die Tafel kommen mußten, obgleich er in seinem letzten Lebensjahre „gar selten davon aß“. Wien verleugnet also dies erhabene Vorbild, indem es jährlich — Kleinvögel, Krammetsvögel, Wachteln und Lerchen zusammen genommen — kaum noch 40000 Stück verzehrt, während Paris sich alljährlich mindestens eine Viertelmillion Grives et merles im Preise von 0250 45 Mark per Stück zu Gemüthe zieht. In Oesterreich gehört auch der Kramsvogelfang gar nicht mehr zur eigentlichen Jagd, während er im Königreich Preußen im Durchschnitt jährlich 1½ Million Leckerbissen auf die Tafel liefert. Denn der Kramsvogel ist ein entschiedener Leckerbissen, une vraie bouchée du roi, namentlich wenn er gebraten auftritt, aber auch dann noch, wenn er als Purée in der Suppe erscheint. Da nämlich die Drosseln selber Feinschmecker und deshalb vorzugsweise Beerenfresser und zudem in der Wahl der Beeren äußerst gewissenhaft sind, so stellt ihr Fleisch eigentlich nur eine ins Animalische übersetzte Beerenobstmarmelade erster Güte dar.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 288Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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