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TierreichAppetit-Lexikon 1894

Lerchen darf ein jeder fangen, Fette Lerchen, die sind frei! Stilvolle alte Jungfern und lyrische Vogelgelehrte, vor deren Augen ein Hungerkranker mit dem Tode ringen könnte, ohne daß sie ihm mit einer einzigen kleinen gebratenen Leipziger Lerche beispringen würden, beklagen das natürlich von ganzem Herzen und aus voller Feder. Nüchterne Naturforscher dagegen wissen sehr wohl, daß die famose „Ausrottung der lieblichen Sänger und nützlichen Insectenfeinde“ eine ebenso billige wie schwungvolle Redensart ist, mit der man wohl den profanum vulgus und diesen oder jenen gemüthlichen oder sentimental beanlagten Feinschmecker ins Bockshorn jagen, niemals aber dem rechnenden und wägenden Gastrosophen imponiren kann. Denn wer Ohren zu hören hat, der höre: so wenig der Dohnenstrich bisher zu einer merkbaren Verminderung der Drosseln, so wenig hat der Lerchenstrich zu einer nachweisbaren Abnahme der Lerchen geführt! Der Mensch fängt und verzehrt also nur den Ueberschuß an diesen Vogelarten, dessen die Natur sich sonst auf andern, nicht minder gewaltsamen Wegen entledigen würde, und so ist das Lerchenessen nicht ein Verbrechen an der Natur, sondern ein Verdienst und eine Pflicht. Allerdings eine süße und angenehme Pflicht, denn eine ausgebeinte, feiste, schmucke Lerche ist allerdings nur ein Bissen, aber ein Bissen von wunderbarer Saftfülle und geradezu köstlichem Wohlgeschmack, der den ganzen Schmeckapparat bis in die feinsten Fibern hinein in namenloses Entzücken versetzt. Was die Personalien der Lerche anlangt, so gehört sie zum großen und hochachtbaren Geschlecht der Sperlingsvögel, heißt bei den Gelehrten Alauda arvensis L. oder Feldlerche, besitzt bei 18 em Länge eine staunenswerthe Anlage zum Fettwerden, bewohnt im Sommer ganz Europa und Mittelasien, zieht aber im Winter regelmäßig nach Süden und bis nach Afrika hinüber und wird bei dieser Gelegenheit im mittlern Deutschland, namentlich im anhaltischen Amte Gröbzig, in den preußischen Regierungsbezirken Halle an der Saale und Merseburg und im sächsischen Kreise Leipzig, in ziemlicher Anzahl gefangen und in Schachteln verpackt über Leipzig, als Leipziger Lerche in den Handel gebracht. Der Lerchenstrich fällt hier in die Mitte des Oetober, und schon im 17. Jahrhundert (1666) war der Ruhm der Leipziger Lerchen eine ausgemachte Sache, beruht aber sicher nicht auf dem Knoblauchfraß der Thierchen, sondern auf dem einfachen Umstande, daß die genannten Distriete einen sehr ausgedehnten und intensiven Getreidebau und zum Theile sogar einigen Weinbau besitzen, so daß die streichenden Vögelreichliche und gute Nahrung finden. Die Pariser Mauviettes sind übrigens ihren Leipziger Schwestern vollkommen ebenbürtig und werden mit 3½ Franes per Dutzend bezahlt, während die englischen, holländischen, spanischen und italienischen Lerchen nur 2—3 Franes per Dutzend kosten: da nämlich Paris im Durchschnitt jährlich 1300 000 Stück Lerchen verbraucht, Frankreich aber höchstens 250 000 Stück jährlich liefert, so muß der Rest aus dem Auslande bezogen werden. Daß schon die Römer gebratene und sogar gefüllte Lerchen aßen, ist so gut wie selbstverständlich. Die delicaten Lerchenpasteten jedoch kamen erst seit etwa 1740 in Aufnahme und wurden damals wie noch zu Anfang des 19. Jahrhunderts zu Pithiviers, der Safran-Metropole des Orléanais, am vorzüglichsten hergestellt. „Die Kruste derselben ist ausgezeichnet und ihr Würzgeschmack unübertrefflich!“ ruft Grimod begeistert aus. Das 19. Jahrhundert hat noch die Lerchen in Aspik hinzugefügt, eine Glanzschüssel des Gabelfrühstücks, die durch kleine Stückchen Gansleber und Trüffeln einen ganz eigenen Reiz empfängt und wahrhaft würdig ist, von Kennern mit Gewissenheit verspeist zu werden. Im Jahre 1839 hat übrigens der bekannte amerikanische Ornithologe John James Audubon (gest. 1851) den Versuch gemacht, die Lerche nach der Union zu verpflanzen, aber allem Anschein nach ohne Erfolg, wenigstens figuriren die Lerchen auf den bisher bekannten Speisezetteln der Amerikaner nicht.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 309Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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