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Handwerk & GewerbeAppetit-Lexikon 1894

Malvasier, ursprünglich ein feuriger, goldgelber Süßwein Griechenlands und der griechischen Inseln, der nach dem Exporthafen Malvasia di Napoli (jetzt Monemvasia) an der Ostküste Lakoniens, wenn nicht nach dem Dorfe Malevisi bei Candia auf der Insel Kreta hieß, denn Kreta war im Mittelalter der Hauptproducent dieses edlen Tropfens, exportirte noch zu Ende des 16. Jahrhunderts 200 000 Faß in einem einzigen Jahre und baute noch um 1820 echten Malvasier aus der Siriki⸗, Sirichi- oder Siritschi-Traube bei Malevisi, bei Melidoni und beim Kloster Arkadi. Jetzt ist dieser eigentliche Malvasier, der im Mittelalter zu den Weinen ersten Ranges zählte und von unsern frommen, biedern Vorfahren mit geradezu grenzenloser Unverschämtheit nachgemacht wurde, völlig aus dem Handel verschwunden und eine ganze Reihe anderer Malvasiersorten an seine Stelle getreten. Griechenland liefert deren vier: den weißen, halbsüßen Achaios oder Achaja-Malvasier von Patras, den rothen, feurigen Malvasia-Nectar (Ausbruch) ebendaher, den dunkelbraunen, eigenartigen Monemvasia aus Lakonien und den weißen, kräftigen Argos-Malvasier gleichfalls aus dem Peloponnes. Dazu kommen noch von den Inseln der goldfarbene, äußerst zarte Gran Malvasia di Cephalonia und der tiefrothe, an Burgunder erinnernde Misistra-Malvasier, der aber nicht bei Misistra oder Mistra (dem alten Sparta), sondern auf der Insel Santorin. wächst. Diese sechs Sorten sind in guter Qualität von den Griechenweinhandlungen J. F. Menzer in Neckargemünd und H. Chardon in Coblenz a. Rh. zu beziehen und vollauf im Stande, uns über den Verlust des alten kretischen Weines zu trösten. — Italien erzeugt an Malvasiern in Piemont den weitberühmten und wirklich guten weißen Canelli, auf Sicilien den feurigen, röthlich schillernden Catania und vor Allem auf den Liparen den weißen Malvasia di Lipari und den rothen Malvasia di Stromboli, beides geschätzte und vorzügliche Liqueurweine von feinem Parfüm und angenehm süßem Nachgeschmack. Bis gegen 1850 war auch der Malvasia di Sorso von Sardinien beliebt, der in Riesenflaschen von mehr als 25 Liter Inhalt versendet wurde, ist aber seitdem vollständig aus dem Handel verschwunden. — In Spanien wird Malvasier an nicht wenigen. Orten (Malaga, Xeres u. s. w.), doch nur in geringer Quantität erzeugt. Selbst der berühmte ambrafarbige Malvasia de Sitjes aus Catalonien ist für das Ausland nur ein Buchwein, der niemals auf den Brettern der Tafel erscheint. Eine umso großartigere Rolle spielen dagegen die Malvasiere der atlantischen Inseln, der Canarien-Sect und der Madeira-Malvasier oder Malmsey, die schon zu Ausgang des Mittelalters dem griechischen Malvasier Concurrenz machten und ihn seit dem 17. Jahrhundert vollständig ersetzt haben. — Frankreich liefert den im Süden sehr gesuchten Malvoisie de Roquevaire, der aber kein Malvasier, sondern ein rother Muscateller ist und nur von seiner Aehnlichkeit mit dem Malvasier den Namen führt. — Oesterreich endlich bringt in Dalmatien verschiedene Malvasiere hervor, von denen namentlich der weißgelbe, etwas herbe Malvasia di Ragusa weiter bekannt ist. — Alle Malvasiere sind gute Dessert- und Liqueurweine, wer aber mit Genuß darin kneipen will, muß sie mit kohlensaurem Wasser mischen — andernfalls möchten ihm am nächsten Morgen sämmtliche Haare zu Berge stehen und das grimmigste graue Elend aus allen Poren sehen.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 329Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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