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ErdkundeAppetit-Lexikon 1894

Madeira, das feurige und süße Hochgewächs der gleichnamigen atlantischen Insel, ist der älteste unter jenen großen Welt⸗ und Luxusweinen, die echt oder nachgemacht in allen. Erdtheilen zu haben sind, denn schon im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts stand er auf der Höhe eines Ruhms, den. der Portwein erst seit Anfang des 18. Säculums, der Champagner erst seit 1815 und der Sherry erst seit 1840 erlangt haben. Das Weinfaß, in welchem der Herzog von Clarence am 18. Februar 1478 auf Befehl seines königlichen Bruders Eduard IV. von England ertränkt wurde, enthielt „Malvasier“, d. h. Madeira-Malvasier oder kurzweg Malmsey, wieman schon damals in England die beste Sorte des Madeira zu nennen geruhte. Diese beste Sorte ist ein höchst süßer, schmalziger, hochgeistiger Liqueurwein, der nur an der Südküste der Insel auf einem eng begrenzten Gebiet aus der griechischen Malvasiertraube gewonnen wird, die Dom Henrique el Navegador (gest. 1460) schon 1421 von-Candia nach dem zwei Jahre zuvor entdeckten Madeira verpflanzen ließ. Er ist im Handel um so seltener, da er sechs Jahre zum vollen Ausreifen braucht, und weil die besten Lagen der Krone Portugal gehören. Dem Malmsey gegenüber steht als der Wein des Handels der sogenannte trockene oder Dry-Madeira, ein mehr oder minder tief bernsteinfarbener Wein mit beinahe goldigem Schimmer, dessen Zucker sich größtentheils in Alkohol verwandelt hat, und der daher neben dem eigenthümlichen Würzgeschmack ein leises, äußerst angenehmes Stechen auf der Zunge und im Gaumen erzeugt. In der Jugend hat der Dry-Madeira eine gewisse Herbheit und Strenge, die ihn zum sofortigen Genusse ungeeignet macht: er erhält daher regelmäßig einen größern Spritzusatz, der seinen Alkoholgehalt auf 16—2074 steigert, und wird zwecks schnellerer Zeitigung in heizbare Magazine gelagert, oder man läßt ihn eine Spazierfahrt nach Westindien machen, wodurch er nicht nur an Milde, sondern auch an Handelswerth außerordentlich gewinnt, da dieser gereiste Madeira. oder Vino de roda zwei⸗, drei⸗ und sogar vierfach höher bezahlt wird als der ungereiste. In gastronomischer Hinsicht gehört der Dry-Madeira zu jenen Weinen, die nur gekostet nicht eigentlich getrunken sein wollen. Man nimmt ihn beim Frühstück als Magenstärkung, bei Tafel aus kleinen Liqueurkelchen als coup d'après unmittelbar nach der Suppe, um die Zunge zu wetzen, auf der Jagd, auf der Reise u. s. w. als coup de l'étrier und präsentirt ihn endlich in Gesellschaft mit Bisquit als kleine Erfrischung. Die anregende, belebende Wirkung eines Schlucks Madeira ist bekannt, und wenn der Portwein ihn vielleicht in dieser Hinsicht übertrifft, so wiegt er das durch die Schnelligkeit auf, mit der er wirkt, und die ihn bei plötzlichen Anwandlungen von Schwäche zu einem durch nichts übertroffenen Weck- und Belebungsmittel macht. Die vorzüglichsten Sorten des Dry-Madeira sind der Sereial und der Boal, die schändlichste, aber verbreitetste der sogenannte Elb-Madeira, der in Neustadt-⸗Magdeburg, Hamburg und Stettin gewerbsmäßig aus altem Weißwein mit Spritzusatz, Nußschalenextract und Candis erzeugt wird. In Frankreich verfertigt man eine gleich edle Sorte aus Cider mit Honig, und in Amerika hat man gar „echten“ Madeira aus einem Hopfenabsud mit Schwefelsäure, Honig und Jamaica-Rum hergestellt. Anlaß zu solchen teuflischen Nachahmungen war allerdings vorhanden, da die Weinproduction Madeiras, nachdem sie schon seit 1840 immer geringer geworden, seit 1852 in Folge der Verheerung durch den Traubenpilz vollständig stockte und erst seit 1858 ganz allmählich wieder gestiegen ist. Inzwischen hat nun der Canarien-Seet sich unter der Flagge des Madeira und der Sherry sich unter eigenem Namen eingebürgert, es wird daher dem Madeira schwer werden, das verlorene Terrain zurückzuerobern, selbst wenn die Insel ihn in Zukunft wieder in der alten Güte und Menge produciren sollte. Echter alter Madeira dürfte zur Zeit noch von der Weinfirma Lorenz Harms & Söhne in Lübeck zu erhalten sein, wird aber auch ein hübsch Stück Geld kosten. Von den Rothweinen der Insel kommt nur einer, der Tinto, rothe Madeira oder Insel-Burgunder auf den Markt, der in der Jugend mildem Burgunder gleicht, im Alter aber seine rothe Farbe verliert und einen (durch den Gehalt an Gerbstoff bedingten) herben Geschmack annimmt. Dieser rothe Madeira dürfte auf dem Continente kaum oder höchstens zu Apothekerpreisen zu haben sein, wie er denn thatsächlich von ärztlicher Seite als Mittel gegen Dysenterie in Vorschlag gebracht worden ist. Vgl. Marsala.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 319Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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