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PflanzenreichAppetit-Lexikon 1894

Maulbeeren, die fleischigen, zuckersaftigen, weißen oder schwarzen Früchte des Maulbeerbaums, stehen im Stickstoff- und Wassergehalt den Aepfeln gleich, sind aber reicher an Zucker und freier Säure und daher von ausgeprägtem Beerenobstgeschmack. Man genießt sie entweder roh oder in Compotform, kocht sie auch in Zucker ein und bereitet daraus Maulbeersaft und Maulbeersyrup, der wie der Himbeersaft verwendet wird. Im Ganzen spielt jedoch die Maulbeere nur in Südeuropa eine bedeutendere, in Mittel- und Nordeuropa dagegen eine ziemlich untergeordnete Rolle. Die europäische Küche bevorzugt übrigens sowohl des Geschmacks wie der Größe wegen die schwarze Art, während in Persien gerade das Umgekehrte der Fall ist, d. h. die weiße Art größer und wohlschmeckender und daher höher geschätzt wird. Beide Arten stammen aus Asien, aber während der schwarze Maulbeerbaum in Nordpersien heimisch ist, schon um 400 v. Chr. in ganz Kleinasien und Griechenland (doch nicht in Palästinal) bekannt war, um 50 n. Chr. nach Rom und unter Karl dem Großen nach Deutschland kam — stammt der weiße Maulbeerbaum, die Nahrungspflanze der Seidenraupe, aus China und Nordindien und gelangte erst 510 n. Chr. nach Constantinopel und etwa zwanzig Jahre später nach dem Peloponnes, der nun der Hauptsitz der abendländischen Seideproduction und Maulbeercultur wurde und davon den Namen „Morea“ erhalten haben soll. Nach Sicilien kam der weiße Maulbeerbaum erst nach 1148, nach Frankreich erst um 1290 durch den Kreuzfahrer Guipape de Saint-Auban d'Allan, nach Toscana nicht vor 1340. Amerika erhielt ihn um 1530 durch Cortez, und gleichzeitig wurde er von Augsburg nach Württemberg (Reutlingen) verpflanzt. In Oesterreich wurde er noch 1680 durchaus für einen Fremdling angesehen, während der schwarze Maulbeerbaum für eingebürgert galt. In Niederösterreich ist er erst seit etwa 1850 in größerem Umfange angepflanzt und zur nämlichen Zeit durch Marschall v. Biberstein in Südrußland eingeführt worden.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 338Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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