Erdbeeren, in Württemberg Breßlinge, in Bayern Rothbeeren, die saftreichen und würzigen Scheinbeeren des über ganz Europa, Nordamerika und Westasien verbreiteten Erdbeerstrauchs, bilden roh mit Zucker ein so schätzbares und geschätztes Dessertobst und geben mit Milch oder Wein einen so wunderbar aromatischen Kühltrank, daß man nur schwer begreift, wie die Griechen diese Gottesgabe völlig übersehen und die Römer den Anbau derselben unversucht lassen konnten. Die Erdbeereultur ging nämlich unstreitig erst von den Mauren und von Spanien aus, wo sie noch heute in Valencia und Granada im Großen betrieben und die Frucht theils mit Zucker und Milch, theils mit süßem Rothwein (Alicante, Benicarlo und Malaga) oder auch mit herbem Wein und Orangensaft in großen Mengen verbraucht wird. Von Spanien aus gelangte die Garten-Erdbeere im 15. Jahrhundert nach dem Languedoe und der Provence, bürgerte sich zur Zeit Symphorien Champiers (gest. 1539) im mittlern Frankreich ein und wurde schon 1570 auch am Niederrhein gezogen. Nach der Türkei kam sie von Wien aus zuerst im Jahre 1681, nachdem England ihr schon seit 1629 in der virginischen oder Himbeer-Erdbeere aus Canada eine Coneurrentin zugesellt hatte, zu der 1715 noch die von Frezier aus Chile mitgebrachte Chili- oder Riesen-Erdbeere und 1767 die aus Cayenne stammende Ananas-Erdbeere kamen. Aus der Kreuzung dieser vier verschiedenen Arten sind die 400 Spielarten hervorgegangen, die zur Zeit in den europäischen Gärten gezogen werden und nicht selten durch die Größe ihrer Früchte gerechtes Staunen erregen. So entschieden aber diese Erzeugnisse der Cultur den Markt beherrschen, so wenig haben sie doch die wilde Walderdbeere völlig zu verdrängen vermocht, weil ihnen bei alledem das „gewisse Etwas“, der frische, würzige Waldgeruch des Wild—- lings abgeht. Dieses Duftes wegen verdient die Walderdbeere, ohnehin die Seligkeit der Jugend, die sie selber einheimsen darf, stets und unbedingt den Vorzug, wenn es sich um die Bereitung einer Bowle handelt. Als Dessertobst dagegen ist sie zu unscheinbar, zu wenig ausgiebig — wenigstens für jeden Esser, der nicht die Gabe besitzt, schon am bloßen Duft genug zu haben. Hier sind vielmehr die großen, delieaten Gartenfrüchte an ihrer Stelle, deren Saftfülle dem Geschmacke ersetzt, was etwa der Geruch entbehren muß. Auch bei der Crôme⸗, Marmeladen- und Compot⸗-Bereitung verdienen die großen Früchte den Vorzug, sowohl der größern Ergiebigkeit wie des mindern Zuckerbedarfs wegen. Auch wird es der feinsten Zunge nie gelingen, etwa zwischen einer Thüringer Walderdbeer-Marmelade und dem Elsaßer Ananas-Erdbeer-Compot von Theodor Etti in Wien einen wesentlichen Unterschied festzustellen, denn beide Präparate schmecken einfach köstlich, und darüber hinaus gibt es eben nichts.