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PflanzenreichAppetit-Lexikon 1894

Obst ist das Eßbare, was im Gegensatz zu den eßbaren Wurzeln, Kräutern und Kräutertheilen hoch oben oder zu oberst wächst, also die genießbaren Baum⸗ und Hochstrauchfrüchte. Dieser Deutung des Wortes entsprechend wird in der Küche das sogenannte Beerenobst (mit Ausnahme der Maulbeere und der Feige), weil an niedrigem Gesträuch wachsend, nicht zum eigentlichen Obst gerechnet, wohl aber das sogenannte Schalenobst, obgleich dasselbe einen vom eigentlichen Obste ziemlich abweichenden Charakter hat und fast nur beim Nachtisch mit demselben zusammentrifft. Außerdem schließt der Begriff alle sogenannten Südfrüchte und exotischen Früchte aus, soweit dieselben nicht auch in Mitteleuropa gedeihen und gezogen werden. Die heimischen Obstfrüchte aber theilt man der bequemern Uebersicht wegen in vier Klassen, nämlich: Kernobst, bei welchem das eßbare Fruchtfleisch ein holziges Kerngehäuse mit mehreren Samen umschließt: Aepfel, Birnen, Mispeln und Quitten; Steinobst, bei dem das eßbare Fruchtfleisch eine steinharte Kernkapsel (Stein) mit nur einem oder zwei Samen umgibt: Aprikosen, Kirschen, Pfirsiche und Pflaumen; Schalenobst, bei welchem nur der Kern eßbar, die Fruchtschale dagegen, welche die Kernkapsel umgibt, ungenießbar ist: Kastanien, Mandeln, Nüsse und Haselnüsse; Beerenobst, bei welchem die zahlreichen kleinen Kerne entweder im eßbaren Fruchtfleisch vertheilt liegen (echte Beere: Ribisel) oder nur oberflächlich in dasselbe eingesenkt sind (unechte Beere: Erdbeere), vgl. Beerenobst. Alle Obstfrüchte stimmen in dem Punkte überein, daß sie roh ebenso gut oder noch besser schmecken als gekocht oder sonstwie zubereitet. Dagegen unterscheidet sich das Schalenobst durch den Mangel an Obstsäure sehr wesentlich von den drei andern Klassen, die es zwar bei seinem geringern Wassergehalt an Nährwerth übertrifft, an Vollmundigkeit und an Aroma aber bei weitem nicht erreicht. Die gedachten drei Klassen aber gleichen sich darin, daß sie bei hohem Wassergehalt (78- 90%%) reich an Zucker, Säuren, Salzen und vor Allem an jenen flüchtigen Essenzen sind, die den wunderbar ansprechenden und wunderbar mannigfaltigen Obstgeruch erzeugen, auf dem vielleicht noch mehr als auf der Säure die vielfältige, bei keiner Klasse von Nahrungsmitteln wiederkehrende Verschiedenheit der vom Obst gewährten Geschmacksempfindungen und Geschmacksgenüsse beruht. Unter diesem Gesichtspunkte ist das Obst recht eigentlich das Confect der Natur oder natürliches Confeet und mit gutem Grunde nimmt es auf der Tafel seine Stellung neben dem wahren Confecte, den Canditen und dem parfümirten Zuckergebäck ein. Von einem eigentlichen Nährwerthe kann beim Obste kaum die Rede sein: wer 4 kg Birnen im Magen hat, ist noch um kein Haar besser genährt als der fromme Schweppermann, der bekanntlich nach geschlagener Schlacht zwei Eier zudictirt erhielt. Vom Obst allein wird daher Wien trotz des beträchtlichen jährlichen Consums von rund 20 Millionen Kilogramm frischer und ½ Million Kilogramm gedörrter Baumfrüchte gewiß nicht fett. An Verdaulichkeit freilich läßt das Obst nichts zu wünschen übrig, im Gegentheil es beeilt sich namentlich im Sommer mit der Erledigung dieser Angelegenheit bisweilen dermaßen, daß der beste Mensch dadurch in die schändlichste Verlegenheit und größte Verzweiflung gestürzt werden kann.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 379Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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