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Sport & SpielAppetit-Lexikon 1894

Rheingauer, das unvergleichliche Product jenes gesegneten Landstrichs zwischen Biberich und Lorch, wo die Luft frei, das Wasser frisch und der Wein froh macht, zählt zwar nicht zu den gefeierten Weltweinen, wohl aber zu den gefeiertsten Weinen der Welt. Mag auch sein trockener, säuerlich pikanter Geschmack dem Südländer nicht behagen, sein wundervolles Bouquet ist unerreicht und an Haltbarkeit wird er von keinem andern Weine übertroffen. Die bessern Sorten, mit einer einzigen Ausnahme goldig blinkende, weiße Gewächse, gehören durchweg zu den schweren Weinen. Der Rheingauer ist eine grundehrliche Haut: er wirft den Zecher unter die Bank, aber er martert ihn nicht mit nachfolgendem Haarweh. Daher das Sprichwort: „Rheingauer Gut macht eher arm als krank“, das sich schon im Aufruhr— Jahre 1525 bewährte, indem die Bauern die gewaltige Zeche, die sie damals in Johannisberger Stiftswein gemacht hatten, nachmals mit schwerem Gelde bezahlen mußten. Dieser Johannisberger ist der Fürst unter den Hochgewächsen des Rheingaues, und von ihm wie vom Markobrunner und Gräfenberger, desgleichen vom rothen Aßmannshäuser und vom edlen, nur durch Adoption hierher gehörigen Hochheimer ist bereits in besondern Artikeln die Rede gewesen. Dem Johannisberger am nächsten steht der Steinberger vom Steinberge zwischen Kiedrich und Hallgarten, dessen beste Marken, der Rosengarten, das Zehntstück und der goldene Becher, zwar weniger bouquetreich sind als der Princeps, ihn aber an Kraft und Feuer nicht selten übertreffen. Die dritte Stelle nimmt seit einigen dreißig Jahren der Rauenthaler ein, der zwar schon 1840 einen Namen hatte, aber erst seit 1863 zu rechter Würdigung gelangte; die vorzüglichsten Lagen Rauenthals (an der Straße von Walluf nach Schwalbach) sind der Gehran, der Wieshell, Rothenberg, Baiken, Hühnerberg. Pfaffenberg, Geierstein u. a. m. Weit älter ist der Ruf des milden, duftigen Rüdesheimers, dessen Marke „Berg“ aus Orleans-Rebsatz schon Karl der Große angepflanzt haben soll; an den Berg schließen sich als ebenbürtig die Marken Hinterhaus und Rottland, dann Bischofsberg, Schloßberg, Engerweg, Wilgert, Wüst, Platz und Kiesel. An letzter Stelle endlich ist noch der Geisenheimer zu nennen, gleich dem Rauenthaler eine neuere Größe, die erst durch die verbesserte Cultur geschaffen worden und am besten auf dem Rothenberg, in guter Qualität aber auch auf dem Morschberg, Lickerstein, Klauserweg, Kapellengarten und Kosakenberg gedeiht. Dann folgen die Gewächse zweiten und dritten Ranges, voran die zweiten Lagen von Johannisberg, Geisenheim und Rüdesheim, dann der Hatten heimer, der Winkeler, der Kiedricher, der Oestricher, der Hallgartener, der Vollradsberger, Eltviller, Erbacher, Schiersteiner, Eibinger, Wallufer, Mittelheimer u. s. w. Auch diese Sorten zeichnen sich durch Blume und Feinheit aus; es sind „singende Weine“, die das Herz zur Fröhlichkeit, den Mund zum Sange stimmen und daher an der Tafel wie am Zechtische immerdar willkommen sind.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 452Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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