Schalet, wienerisch Scholet, das rechte Sabbath- und Nationalgericht der Juden und zweifelsohne identisch mit jenen „Fleischtöpfen Aegyptens“, nach denen die Kinder Israels während ihrer Wüstenpromenade eine so herzinnige Sehnsucht empfanden, und dem Heine und Bör ne begeisterte Worte spendeten, ist nach Saphir's durchdachten Worten nichts Anderes als eine Verbindung des Klassischen mit dem Romantischen. „Man nimmt“, sagt der Wiener Humorist, „klassische Graupen und romantische Erbsen, mischt sie unter einander, gibt dem Ganzen einen realen Durchmesser aus geselchtem Rindfleisch und bringt es Freitags in den „allgemeinen Ofen“ — natürlich mit mehrerem Fett und etwas Odeur de Knoblauch darunter. Bis Samstag Mittag läßt man dann die Romantik mit der Klassik amalgamiren, sie die Grundsätze des realen Selchfleisches einsaugen und so das Ganze zu einem eigenen System werden, zum wunderbaren Schalet ... . Das Schalet ist wie das Schicksal der Juden, nicht gekocht und nicht gebraten, nicht im Kochbuch bürgerberechtigt und nicht zünftig mit den andern Speisen — und dennoch nahrhaft und ausgiebig und ergreifend.“ So war es noch vor etwa vierzig Jahren um das Schalet bestellt, seitdem aber hat die Alles beleckende Cultur auch an ihm seine Macht erprobt. Es hat in einem der geistvollsten und gründlichsten deutschen Kochbücher, der „Schnellküche für Gesunde und Kranke“ von Frau v. Sz. (2. Aufl., Düsseldorf 1884), das Bürgerrecht erhalten; es ist aus dem Gemeindeofen in die Privatküche übergegangen; es hat das dürre Selchfleisch mit saftigem Rohfleisch nebst Markknochen und den überkräftigen Knoblauch mit der mildern Zwiebel vertauscht; es hat sich vor allen Dingen zur Aufnahme der mannhaften Grundsätze einer kräftigen Rauchwurst und der feinen Maximen eines Hutzel⸗ oder Kletzenkloßes aufgeschwungen und ist so zu einer anerkannt überlegenen Schüssel geworden, der zum völligen Eintritt in die hohe internationale Küche nur noch Eines fehlt: ein hübscher französischer Titel. Aber auch der wird sich finden, so gut er sich für das deutsche Sauerkraut gefunden hat, das den Franzosen nimmer munden wollte, bis ein findiger Kopf an die Stelle des schleppenden Chou en compöte und des scharfen Soureroute das verführerisch schmelzende Choucroute setzte.