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PflanzenreichAppetit-Lexikon 1894

Senf heißt der Same zweier nahverwandter Gewächse, des Senfkohls, dessen rundliche, dunkelbraunrothe Samenkörner als schwarzer Senf, und des gemeinen Senfkrauts, dessen kugelrunde, gelbliche Samen als weißer Senf bezeichnet werden. Beide Pflanzen kommen in Nordafrika, Süd⸗ und Mitteleuropa und im gemäßigten Westasien wild vor, als Ackergewächs aber behauptet in Oesterreich, Südeuropa, Frankreich und England der Senfkohl und dagegen in Deutschland der gemeine Senf den Vorrang, während in Holland beide einander das Gleichgewicht halten. Gerieben und mit Wasser angerührt, gibt der weiße Senf einen Brei von scharfem Geschmack, aber ohne Geruch, während der aus dem scharzem Senf bereitete Brei ebenso scharf riecht wie schmeckt. Diese Schärfe beruht auf dem Dasein eines flüchtigen Oels, von dem der schwarze Senf rund 1.3%, der weiße aber nur 08% enthält. Fein zermahlen geben die Senfkörner das Senfmehl, aus welchem, indem man Mehl beider Senfarten zusammenmengt und mit Weinessig (früher Weinmost) nebst andern Zuthaten versetzt, der Mostrich oder Möstrich bereitet wird, der indessen in Oesterreich und Oberdeutschland ebenfalls kurzweg „Senf“ heißt. Ueber Mostrichfabrication und Mostrichhandel zu Ausgang des 17. Jahrhunderts bemerkt der Freiherr v. Hohberg: „In Oesterreich wird des Senfmehls von schwarzem und weißem zusammengemischt, mit süßen gesottenen und klein zerschnittenen Limoni-Schalen zu einer dicklichen Consistenz gesotten und, wenn er zu dick werden will, mit süßem Most wieder angemacht; theils machen ihn auch nur mit Essig oder gemeinem guten Wein mit oder ohne Zucker an und behalten ihn also zum Gebrauch. Sonst aber wird er in Oesterreich in kleine, eine halbe oder ganze Maß haltende Fäßlein eingemacht und also weit verführt und aufgekauft von den Kaufleuten, die ohnedies ihren Wein daselbst einkaufen.“ Und weiterhin heißt es: „An andern Orten wird das Senfmehl mit Essig oder Wein zu einem Teig verrührt, daraus Zelten formirt und aufgedörrt, die man dann mit süßem Wein zu einer Salson abtreiben kann“ — das war also schon eine Trockenconserve, eine Art Senftafeln, an deren Stelle jetzt das mit Weizenmehl versetzte englische Senfpulver getreten ist. Uebrigens hat jedes Land seine eigenen Zuthaten und daher auch seinen eigenen Mostrich. Im Far West der Union hält man sich an den Ackersenf, in Griechenland und Spanien verwendet man Raukesamen; in England hilft man mit Paprika, Weizenmehl und Kochsalz nach; in Frankreich würzt man mit Feinkräutern, Zimmt, Ingwer, Knoblauch, Zwiebeln, Thymian und Estragon, am Rhein mit Rheinwein, Zucker, Zimmt und Gewürznelken; im Brandenburgischen mit Zucker, Nelken und Piment etc. etc. Kurzum, fast jeder Mostrichmacher arbeitet nach einem besondern Recept, und die Mostriche sind dann auch nicht selten danach, d. h. zum Haarausraufen und Gallespeien. Um so verdienter ist daher der ausgebreitete Ruf guter Mostrichfirmen, wie Brüder Breza in Krems, F. S. Rombach in Mainz, Louit Freres & Comp. in Bordeaux, Crosse & Blackwell in London u. a. m. Zur Geschichte des Mostrichs verdient noch angeführt zu werden, daß sich schon bei Columella (um 50 n. Chr.) eine Vorschrift zur Bereitung guten Tafelsenfs und später bei Palladius (um 350 n. Chr.) eine zweite findet, das Senfpräparat mithin zu den klassischen Würzen gehört. Die Aerzte freilich sind ihm niemals grün gewesen. Sie anerkennen seine verdauungsfördernde Thätigkeit und geben zu, daß die Senfsäure den angenehmen Dingen hienieden beizuzählen sei — aber er arbeitet ihnen zu kräftig, reizt die Schleimhäute des Magens allzu sehr, und so wird ihm dann von dieser Seite ein vernichtendes Urtheil gesprochen. „Unter den Magenfeinden spielt der Senf eine Hauptrolle“, heißt es bei Wiel. Zum Glück indessen gibt es Magen genug, die es noch mit diesem Feind aufnehmen können.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 510Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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