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HimmelskundeAppetit-Lexikon 1894

Tokahyer, der wunderthätige Wein des Ungarlands, von dem geschrieben steht: „Golden schäumt er im Polkal, Hell wie Himmelskerzen, Wie der Liebe Götterstrahl Glüht im Menschenherzen“ — wird auf der Hegyallya gewonnen, einem vulcanischen Gebirgszug im Zempliner Comitat in Oberungarn, der die Rebpflanzungen von 21 Ortschaften auf seinem Rücken trägt. Das beste Product liefern darunter die drei Flecken Talya, Mad und Tarczal, wo die edelste Sorte, der Mezesmale (Honigstrahl), auf einer dem königlichen Hause gehörigen Strecke von kaum 200 mgedeiht, und die drei Dörfer Lißka, Kisfalud und Zsadäny. Tokay hat dem edlen Tranke nur als Marktort, nicht als Erzeugungsort den Namen gegeben. Der Wein der Hegyallya kommt in sechs Sorten vor, nämlich 1. Ordinari („Ordinärer“), aus jenen Trauben bereitet, aus denen die Trockenbeeren zur Gewinnung des Ausbruchs ausgebrochen wurden, ein Tischwein ohne Spur von Süße, der nur im Lande selber getrunken wird; 2. Szomorodner („Natürlicher“), aus Trauben mit sammt den Trockenbeeren bereitet, eine wenig süße, aber kräftige und bouquetreiche Sorte von eigenartig aromatischem Geschmack, daher ein bedeutender Ausfuhrartikel namentlich nach Rußland und Polen; 3. Ausbruch, im Auslande vorzugsweise als „Tokayer“ bezeichnet, wird aus einem Faß (128—135 )) gewöhnlichen Mosts unter Zusatz von 1—5 Butten (à 12 ]) Trockenbeeren hergestellt und je nach dem Maße des Zusatzes als einbuttiger, zweibuttiger etc. bezeichnet; 4. Forditäs, durch Aufguß gewöhnlichen Weins auf die bei der Ausbruchbereitung entstandenen Trockentraubentrester gewonnen, eine ziemlich aromatische und etwas süße Sorte; 5. Mäsläs, durch Zusatz gewöhnlichen Weins zu 12—18 Monate gelagertem Ausbruch bereitet, gewürzhaft und von äußerst lieblichem Geschmack; endlich 6. Essenz, der aus den Trockenbeeren, während sie in den Bottichen aufbewahrt werden, von selber ausfließende süße Saft, „das edelste, süßeste, duftigste und wohlschmeckendste, was es von Weinen in der Welt gibt“ (Hamm). Der Tokayer, d. h. der Ausbruch, ist wenigstens dem Namen nach aller Welt bekannt, denn mit Ausnahme des Madeira wird kein zweiter Wein mit solcher Unverschämtheit nachgeahmt, als das süße Product der Hegyallya, obgleich trotzdem Jeder, der eine gesunde Zunge und nur ein einzig Mal echten Tokayer gekostet hat, die Fälschung auf der Stelle herausschmeckt. Ebenso bekannt sind seine Vorzüge als Dessertwein und als Krankenwein, weniger aber scheint man zu wissen, welchen Werth er zur Winterszeit als Jagdbegleiter besitzt. Der Wiener Aristophanes Nestroy sagt: „eine Maß Wein macht wärmer, als drei Ellen Barchent“, ein Schluck Tokayer aber wärmt, wenn man gründlich durchgefroren ist, augenblicklich, ohne hinterher jene gefährliche Müdigkeit zu erzeugen, wie das die böse Gewohnheit des Cognacs und der Liqueure ist. Als bedeutende Tokayer-Firmen sind zu nennen: Dr. Julius Szab6 in Miskolcz, Franz A. Jälies & Co. in Budapest, J. Palugyay & Söhne in Preßburg und der kön. ung. Landes-Central-Musterkeller.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 548Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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