Ungarwein ist das echte Feuerwasser, denn so mannigfaltig an Geschmack und Gehalt die Sorten erscheinen und so reichlich alle Nuancen vom göttlichen Nektar der Hegyallya bis zur trostlosen Sauerkrautbrühe des Alföld vertreten sind, Eines ist allen allgemein: der südländisch feurige Charakter, der den Nordländer Anfangs allerdings befremdet, der ihn aber umso stärker fesselt, sobald Beide, der Wein und der 36* Mensch, erst mit einander vertraut geworden sind. Dies letztere Geschäft und die Qual der Wahl zu erleichtern, hat Stefan Molnär alle Ungarweine, weiße wie rothe, in fünf Klassen gegliedert, und Wilhelm Hamm hat diese Klassifiaction mit solcher Gründlichkeit ergänzt und durchgeführt, daß man an der Hand dieser beiden Kenner absolut nicht irren kann, sollte man auch nur wenig persönliche Bekanntschaften unter den braven Ungarn haben. Was zunächst die Weißweine anlangt, so stellen Molnär und Hamm in die erste Klasse derselben die „Ausbrüche“ und die eigentlichen Süßweine, darunter an erster Stelle natürlich den funkelnden Tokayer, dem sein eigenes Capitel gebührt und zweitens den im Auslande nicht minder bekannten Rußter Ausbruch von den Ufern des Neusiedler-Sees, den Rußt, Kismarton und Oedenburg in den Handel bringen, der aber dreifache Vorsichtsmaßregeln erfordert, wenn man nicht statt seiner ein elendes Rosinengebräu erwischen will. Die zweite Weißweinklasse bilden die sogenannten „Bratenweine“, darunter namentlich der Bodaesonyer, der Szent Gerry, der Fülöp, der Szent Békälla, der Köneskälla, der Halöp, Bäes, Abrahamsberger u. a. m. vom Plattensee, ferner der Somlauer, dessen schon in einem eigenen Artikel gedacht wurde, dazu der Villänyer mit seinen besten Sorten: Fünfkirchner, Szent Lörniczer, Szegnörder, Kisfaluder, Göresönyer, Nädasder, Pécsvärader u. s. w., dann der wunderbare, bouquetreiche Poganyvärer, der eigenartige Kis-Ezeller oder Klein-Somlauer von Säghegy aus dem Eisenburger Distriet, der Ofner und die besten Marken des Neszmélyer, der Erlauer, der Szent Peter, der Noszvajer, Szalöker, Debröer, Käpolnaer, Viszontaer, Teleker, Doröczer etc.;, endlich der Ermelleker, der Méneser und der Syrmier, die, ihrem Ruf entsprechend, schon besonders abgehandelt wurden. In die dritte, die Klasse der sogenannten „Sortenweine“, gehören hauptsächlich die Siebenbürger Gewächse herrschaftlichen Ursprungs, wie der Riesling des Barons Apor in Töfalva, der Baronin Kemény in Csombord, des Grafen Kocsärd Kun in Alyögy und des Grafen Teleky in Czelna, dann der Semillon des Grafen Mikö in Maros Szilväs und des Johann Paget in Gyeres, ferner der Leänyka, der Sauvignon, der Muskateller, Rözsamali und weiße Burgunder, ebenfalls aus Siebenbürgen, dazu der Czerjs von Pencz bei Waitzen und von Moör bei Stuhlweißenburg, der dem Lünel ähnelnde Weyrer vom Neusiedler-See, der Sarfehér von Neszmély, der aromatische Kovaesi von Diösd, der Bakator von Ermellek, der Muscateller von Badaesony am Plattensee und von Villäny, der Mustafer von Magyaräd u. a. m. Aus der reich vertretenen Klasse der „Tischweine“ sind als Matadore der Unghvärer und Szerednyer aus dem Ungher Comitat, der Magyaräder aus dem Arader Bezirk nnd der berühmte grasgrüne Vaäler aus dem Weißenburger Comitat zu nennen. Die fünfte Klasse der Weißweine endlich bilden die „Sandgartenweine“ des Niederlands, die mit Sauerbrunnen und Sodawasser genießbar gemacht werden müssen, und die man am besten weder nennt noch kennt. Aehnlich ist es um die „Schillerweine“ bestellt, welche die fünfte Klasse der ungarischen Rothweine bilden und in jeder Rothweingegend vorkommen — sobald die Trauben das Reifwerden versäumt haben. Von rothen „Tischweinen“ dagegen sind zu nennen die leichtern Sorten von Ofen, Visonta und Tolna, sowie der Graner und der Waitzener. In der dritten Klasse der Rothweine, der Klasse der „Sortenweine“, ragen hervor: der Carbenet und der Merlot von Gyéres und Gomass in Siebenbürgen, der Oporto von Söly, von Neszmély und Vär-Palota, der Saint-Laurent von Magyarbél bei Szempez, der Burgunder von Tétény, Ofen, Boglär und Kis-Tapolczäny und der Kadarka von Ménes und Erlau. Auf der Liste der rothen „Bratenweine“ stehen der Adelsberger und der Blocksberger von Ofen, dann der Meneser, der Erlauer, der Pauliser, der Szegßärder und Kakasder, der Villanyer und Sikloser obenan. Die rothen „Ausbrüche“ endlich sind in aufsteigender Linie: der Karlowitzer aus Syrmien, der Werschetzer, der Pomär aus der Ofener Gegend und als Krone aller der köstliche Meneser Ausbruch, der feinste rothe Dessertwein. Uebrigens hat es dem Ungarwein deutscherseits nie an Anerkennung gefehlt, wie das gut deutsche Sprichwort beweist: „Ungarwein macht die Frauen schön und die Männer wacker.“ Der kön. ung. Landes-Central-Musterkeller (Filiale in Wien), die Wein⸗ und Delicatessen-Handlung Eduard Sacher, Jos. Stiebitz („zum Kameel“) und Jos. Stifft & Söhne, sämmtlich in Wien, führen vorzügliche Sorten.