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Sport & SpielAppetit-Lexikon 1894

Tomate, Gold⸗ oder Liebesapfel, in Oesterreich Paradiesapfel, im Volksmund Paradeis, heißt die apfelförmige, stark gerippte, im reifen Zustand glänzend roth oder gelb gefärbte Beere der Tomatenstaude, eines einjährigen Nachtschattengewächses, das wahrscheinlich eine Culturform der in Südamerika wildwachsenden Kirschtomate mit kleiner, kugelrunder Frucht darstellt und schon vor der Ankunft der Europäer in Peru, vielleicht auch in Mexico eifrig angebaut wurde. Die Pflanze kam im 16. Jahrhundert durch die Spanier und Portugiesen nach Europa und gelangte durch die letzteren frühzeitig nach den Molukken, sowie um 1760 nach Barbados. In Süddeutschland wurde sie zu Ende des 16. Jahrhunderts vereinzelt als seltene Zierpflanze gepflegt, in Oesterreich aber war sie noch 1682 unbekannt; hier fand ihr Anbau erst seit 1820 allgemeinen Eingang. Auch Paris lernte den Liebesapfel erst seit 1789 durch die Südfranzosen kennen, die die Revolution nach der Hauptstadt führte, und in Norddeutschland hat die Tomatencultur bisher nur an ganz vereinzelten Punkten (z. B. um Berlin) Fuß gefaßt — freilich aus dem sehr zureichenden Grunde, weil die norddeutschen Paradiesäpfel nie den fein weinsäuerlichen Geschmack der Früchte des Südens besitzen, der indessen nicht auf einem Gehalt an Weinsäure, sondern an Citronensäure beruht. Der Liebesapfel liefert eine anerkannt feine Suppenwürze, namentlich aber unübertreffliche Saucen. „Durch Tomatensauee wird das mittelmäßigste Fleisch zu einem wahren Leckerbissen“, behauptet Grimod, und jedenfalls steht sest, daß unter allen Handelssaucen die Soya von Tokio und die Paradeissauce von Bozen den Preis verdienen. Aber auch als Gemüse, d. h. mit Fleischgehäcksel gefüllt, mit Parmesankäse bestreut und mit Buttersauee servirt, leistet die Tomate Vorzügliches. In Anerkennung all' dieser Verdienste legt man sie in Essig und sogar im Wasser ein, oder man dünstet sie, drückt sie durch das Sieb und dörrt dann die Masse, in Tafeln geformt, an der Luft, oder man stellt mit oder ohne Zucker eine Marmelade daraus her, das sogenannte Paradeismark, das in guter Qualität unter Anderem aus der Conservenfabrik von Ig. Eisler & Co. in Inzersdorf bei Wien hervorgeht. In Spanien verspeist man die Tomate sogar roh, indem man sie in horizontaler Richtung in der Mitte zerschneidet und dann beide Hälften mit Salz bestreut; desgleichen stellt man einen frischen Salat daraus her. Schnöde Verleumdung dagegen ist die Behauptung, daß sie den Fidschi-Insulanern die Sauce zu ihrem Menschenbraten und Menschensuppenfleisch liefere. Diese Schande lastet vielmehr auf der Borodina- oder Kannibalen-Tomate, einem strauchartigen, echten Nachtschattengewächs, dessen rothe Beeren allerdings zu dem angegebenen Zweck Verwendung finden, und das daher auf den Fidschi-Inseln bei jeder Bure (Opferstätte) regelrecht angebaut wird.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 549Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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