Feige, die süße und gesunde Scheinfrucht des Feigenbaums, dessen Heimat das ganze Mittelmeergebiet bis hinaus zu den Canarien sein dürfte, dessen Cultur aber zweifelsohne im Orient ihren Anfang nahm. Von Kleinasien aus verbreitete sich der veredelte zahme Feigenbaum nach Persien, nach Indien und im 8. Jahrhundert unserer Zeitrechnung auch nach China, während Griechenland, Italien, Spanien und die ganze afrikanische Nordküste ihn von Syrien her, und zwar zumeist durch die Phönieier und Karthager empfingen. Dem nördlichen Frankreich soll er durch Julius Apostata (gest. 363 n. Chr.) zugeführt sein, und in Deutschland versuchte ihn Karl der Große einzubürgern, freilich mit geringem Erfolg, denn die eismontanen Feigen sind alles andere, nur nicht genießbar. In Amerika (Mexico) siedelte ihn 1560 Antonio Ribera an, und wird er jetzt auch in den Südstaaten der Union und in Chili gezogen. Die getrocknete Frucht erscheint schon im 11. Jahrhundert als Handelsartikel, der in Deutschland guten Absatz fand, und dessen Bedeutung von Jahrhundert zu Jahrhundert gewachsen ist. Im Haushaltbuch des Nürnberger Patriciers Anton Tucher (gest. 1524) kommen schon Jahr für Jahr 75—100 Körbe Feigen (jeder zu etwa 2½ kg!l) als Neujahrsgeschenke vor und tritt auch bereits der spanische Feigenkäse auf, jenes wunderbar leckere Confect aus besten Feigen, feinstem Gewürz und süßen Mandeln, Nüssen und Pistazien, das namentlich die Nönnchen nach seinem wahren Werth zu schätzen wußten, und um das der „herzenliebe und getreue Vater Tucher“ von den kleinen Leckermäulern gar beweglich angebettelt wurde. Der zahme Feigenbaum liefert jährlich zwei Ernten, im Juni oder Juli die großen, saftreichen Frühfeigen, die höchst aromatisch und schmackhaft, aber wenig haltbar sind, und im September oder Oetober die kleinern und weniger würzhaftern, aber süßern Spätfeigen, die für den Handel an der Sonne getrocknet oder auch künstlich gedörrt werden, im letztern Fall jedoch das ohnehin geringe Obstaroma vollständig einbüßen. Die reichlich 50 Spielarten des Baumes (in Spanien allein werden 39 Varietäten cultivirt) unterscheiden sich namentlich durch die Größe, die Gestalt und die Farbe der Frucht, welche letztere fast durch alle Abstufungen von Hellgelb bis Blauschwarz wechselt. Schwarze Feigen kommen indessen kaum zum Versandt, vielmehr bevorzugt man allgemein die mehr oder weniger gelbbraunen Früchte mit gelbem oder röthlichem, musartig durchscheinendem Fleisch, die durch den beim Trocknen ausgetretenen Traubenzucker wie mit einer Mehlkruste überzogen erscheinen. Unter den zahlreichen Handelssorten gilt als vornehmste und ist ihrer Größe und ihres saubern Aeußern wegen thatsächlich die beste Tafelfrucht die in Schachteln verpackte, runde, honigsüße Smyrna-Feige aus Anatolien (Smyrna, Aidin, Nazli-Bazar und namentlich Stanköi, dessen jährliche Feigenernte 12 000 —15 000 d beträgt). Dieser Sorte, die ihrer Verpackung wegen „Trommelfeige“ heißt, sind im Geschmack ebenbürtig, aber an Größe nachstehend die sogenannten „Korbfeigen“ von Malta und Süditalien, sowie die länglichen Genueser und die kleinen Marseiller Feigen aus dem südlichen Frankreich. Die zweite Sorte bilden die rosenkranzartig auf Binsenhalme gereihten, platt gequetschten „Kranzfeigen“ aus dem Orient, dem griechischen Archipel, Italien und Spanien, unter denen wiederum die griechischen Kalamat-Feigen (von der Hafenstadt Kalamata in Messenien) besonders geschätzt werden. Die dritte Sorte endlich stellen die in Fässer eingelegten „Faßfeigen“ dar, die von allen Feigenländern geliefert werden, und unter denen die kleinen, aber wenig haltbaren Dalmatiner und Istrianer, so lange sie frisch sind, ihres Wohlgeschmacks wegen eine bevorzugte Stellung einnehmen. In den beiden genannten Provinzen werden jährlich zwischen 40 000 —50 000 9 der köstlichen Frucht erzeugt, womit aber höchstens der vierte Theil des Jahresbedarfs der österreichischungarischen Monarchie gedeckt erscheint, der sich auf mindestens 200 000 d beläuft, während das deutsche Reich sich mit durchschnittlich 35 000 g jährlich begnügt. Wien steht auch des großen Feigenconsums wegen beim gesammten Auslande im Verdacht, seinen unübertrefflichen Mocca mittelst Feigen-Kaffees (aus gerösteten und gemahlenen Feigen) zu bereiten, und dieser fromme Glaube hat dem genannten Kaffeezusatz eine großartige Popularität in Deutschland zugezogen, natürlich ohne daß der deutsche Kaffee deshalb besser, geschweige dem Wiener ebenbürtig geworden wäre. Mit weit größerm Rechte wird die Feige, täglich zu 15—30 Stück genommen, als Hustenmittel gerühmt, denn erfahrungsmäßig steht fest, daß der Husten zarter Frauen und artiger Kinder regelmäßig stärker wird, sobald das beliebte Medicament in der Hausapotheke zu fehlen beginnt. Am besten jedoch mundet die Feige nach einem soliden Mahle zum Dessertwein, etwa Cipro oder Malaga, nur hat man sich dabei möglichst in den Schranken der Bescheidenheit zu halten, wenn auch nicht jeder eine kleine Unmäßigkeit gleich so theuer zu büßen hat 11³ wie der Cardinal Pompeo Colonna, den 1532 eine Feigenorgie thatsächlich um's Leben brachte.