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GeschichteAppetit-Lexikon 1894

Ananas, die Königin der Früchte, von der nicht mit Unrecht behauptet wird, sie vereine die Süße des Honigs mit dem Geschmack der Erdbeere, dem Dufte des Weins, dem Aroma der Pfirsich und der Saftigkeit der Melone. In Süd- und Centralamerika zu Hause, gelangte diese köstliche Beerenfrucht angeblich schon 1514, sicher aber vor 1535 nach Spanien, wo indessen die Anbauversuche fehlschlugen, so daß dies Land seine Ananas noch heute aus Westindien bezieht. Um so schneller und vollständiger bürgerte die Pflanze sich in Bengalen und auf den ostindischen Inseln ein, wohin sie 1594 von den Spaniern gebracht wurde, während die Portugiesen sie um die nämliche Zeit nach Guinea verpflanzten. Von Ostindien aus, wo sie jetzt sogar verwildert ist, gelangte sie einerseits nach China und andererseits durch den deutschen Gärtner Meister nach dem Kap der guten Hoffnung. In Europa wurden die ersten Früchte gegen Ende des 17. Jahrhunderts durch einen gewissen Lacour in Leyden gezogen, der die Ananaszucht später nach England verpflanzte, wohin die Frucht schon 1565 durch den Selavenhändler John Hawkins gelangt war, der Anbau der Pflanze aber erst seit 1719 in Schwung kam. Der erste deutsche Ananasbauer war der Arzt Dr. Kaltschmidt in Breslau, der seine Ernte 1702 als eeine Seltenheit an den Kaiserhof nach Wien schickte. In schneller Aufeinanderfolge kamen dann auch im Eberhart'schen Garten zu Frankfurt a. M., im Bose'schen Garten zu Leipzig und auf dem v Müunchhausen'schen Rittergut Schwöbber bei Hameln einzelne Ananas zur Reife, und nun breitete sich die Cultur der Pflanze allmählich immer weiter aus. Einen besondern Aufschwung nahm dieselbe seit dem Jahre 1830, wo man sie im Großen zu betreiben anfing, und gegenwärtig wetteifern Bamberg, Nürnberg, Planitz bei Zwickau, Görlitz, Leipzig und Potsdam nicht ohne Erfolg mit den berühmten Treibereien der britischen Inseln, welche letzteren allerdings den vorzüglichsten Markt für die Ananas bilden, so daß London z. B. 1855 neben den im Lande gezogenen noch 200 000 Früchte von den Bahama-Inseln verbrauchte. Oesterreich führte im Jahre 1890 insgesammt 87 d ein. Früher wurde von den etwa 60 verschiedenen Ananassorten hauptsächlich die weiße Ananas gezogen, da aber der scharfe Saft dieser Spielart, wenn nicht mit Wasser oder Wein ausgelaugt, nicht selten Blutungen des Zahnfleisches und andere Unannehmlichkeiten veranlaßte, so werden gegenwärtig der großfrüchtige Zuckerhut mit gelbem Fleische und die Reinettenananas oder Jajagna mit kleinerer, aber überaus würziger Frucht bevorzugt. Ananasschnitten roh mit Zucker zu einem Glas Rothwein oder Ananasbowle mit Champagner sind eine kleine Todsünde werth, wenn man sie durchaus nicht billiger haben kann. Auch für Ananas-⸗ gelse und Ananasgefrornes darf man sich ungescheut begeistern, und wer sein Geld in Ananasspalten von Baumer in Perchtoldsdorf anlegt, handelt entschieden gescheidter, als wer es der Coeur-Dame oder dem Pique-Buben opfert. Die bekannte Ananasessenz, die das ganze Aroma der Frucht wiedergibt, hat mit der Ananas nichts gemein, sondern besteht aus einer Lösung reinen Buttersäureäthers in 8—10 Gewichtstheilen Alkohol.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 8Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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