FeedScheide-Brief
Recht & StaatFrauenzimmer-Lexicon 1715

Scheide-Brief, War ein in dem Alten Testament durch Moses fast gezwungene Zulassung ausgefertigtes Document, worinnen ein Chemann, welcher sein Weib nicht länger haben wolte, mit beygefügten Ursachen, selbiges von sich ließ, und ihr darinnen Freyheit gab, einen andern zu heyrathen. Die Requisita eines solchen Scheide-Briefes waren, daß der Mann sich selbsten unterschrieben, oder auch selbigen deutlich und ohne Rasur gantz geschrieben, daß er solchen Brief mit seinem Ringe versiegelt, in Beyseyn zweyer Zeugen dem Weibe übergab, drey Vor-Eltern des Mannes und des Weibes darinnen benennete, und selbigen von Zeugen besiegeln ließ. Maimonides d. Divort. C. I. Eine Formul von dergleichen Scheide-Brief ist bey dem Seldeno in Uxor Ebr. Lib. III. c. 14. folgendes Inhalts zu finden Siehe da, hier ist der Scheide-Brief zwischen mir und dir, das Libell der Zertrennung, und das Instrument der Loßlassung; Nunmehro hast du Freyheit einen Mann wieder zu heyrathen, welchen du wilst. Die Juden haben aus solcher genöthigten Zulassung dieses Scheide-Briefes, welches bloß um des Hertzens Härtigkeit willen geschahe, Marc. X. v. 5. 6. einen solchen Mißbrauch gemacht, daß sie in die 30. Ursachen angeführet, warum ein Mann seiner Frau den Scheide-Brief geben könte, welches recht lächerlich zu lesen; Z. E. wenn sie mit einem Nachbar geredet: dem Manne das Essen versaltzet: wenn sie ihre gewisse Menses nicht hätte: wenn sie dem Mann etwas weg genaschet, das er selbsten essen wollen: wenn sie das eheliche Werck nicht zu gebührender Zeit treiben wolte: wenn sie mit einem ledigen Menschen spielete: wenn sie sich in einem öffentlichen Bade wüsche: wenn sie dem Mann nicht verstatten wolte, ein schönes Kleid zu tragen: wenn sie grob bäuerisch redete: wenn sie zu sehr schwitzte und nach Schweiß röche: wenn sie eine Wartze an der Stirn hätte, oder wenn eine Brust grösser als die andere wäre: wenn sie die Speise anbrennen ließ, oder auf öffentlicher Gasse das Kind stillte: wenn sie ihre Schuhe an den Ort setzte, wo des Mannes seine stehen solten, und andere dergleichen Possen mehr. Dergleichen Scheide-Briefe waren auch ehemahls bey denen alten Römern im Schwange, Carol. Sigon. l. 1. Antiquitat. Jur. Rom. c. 9. wie auch bey denen Griechen, Sca lig in Not. ad Euseb. n. 2015. Alexand. ab Alexand. Genial. Dier. l. 4. c. 8. und vermochten bey denen alten Völckern die Väter krafft ihrer väterlichen Gewalt die Töchter nach ihrem Belieben von den Männern zu scheiden, biß endlich Käyser Augustus und hernach M. Anton. Philosoph. ihnen Eingriff that. Huber. Digress. l. 1. c. 18. n. 1.

Gottlieb Siegmund Corvinus (Amaranthes), Nutzbares, galantes und curiöses Frauenzimmer-LexiconLeipzig: Gleditsch 1715 · Sp. 1707–1709Text: Deutsches Textarchiv · CC BY-SA 4.0

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