FeedHirsch-Thränen
PflanzenreichRitter-Exercitien-Lexicon 1742

Hirsch-Thränen, Jst ein Gewächse, welches in den Augen-Winckeln der alten Haupt-Hirsche wächset, und anfänglich so weich als Wachs oder Hartz, mit der Zeit aber, wie ein Horn oder Stein, so hart wird. Der Geruch davon ist erstlich widerwärtig, nachgehends aber wohlriechender. Wo sie aus den Augen-Winckeln hervor ragen, scheinen sie rund, glatt und gläntzend, gelblich und mit schwartzen Aederlein durchzogen. Wenn nun dieses Gewächse durch die Lufft erhartet, den Hirschen am Sehen verhindert, reibt er sich an die Bäume und Sträucher, und streifft oder stößt es ab, da es bisweilen von den Jägern gefunden, und als eine Hertz-stärckende Schweiß-treibende und allen gifftigen und Pestilentialischen Seuchen widerstehende Artzney hoch gehalten wird. Wiewol es Leute giebt, die diesen Thränen wenig oder gar keine Tugend zuschreiben, hingegen aber den Stein, welcher wie der Orientalische Bezoar, in dem Magen oder Gedärme gefunden wird, für weit besser und sicherer zu gebrauchen halten.

Valentin Trichter, Curiöses Reit- Jagd- Fecht- Tantz- oder Ritter-Exercitien-LexiconLeipzig: Gleditsch 1742 · Sp. 1084–1085Text: Deutsches Textarchiv · CC BY-SA 4.0

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