FeedTarantismus, Tarantula
TierreichRitter-Exercitien-Lexicon 1742

Tarantismus, Tarantula, Die Tantz-Kranckheit, ist eine stete Begierde zu tantzen, zu springen, und in einem Kreis herum zu lauffen, gantz ohne Vernunfft, oder als wenn man besessen wäre. Dieses aber rühret von dem Biß einer Spinnen her, Tarantula genannt, deren mehr als acht Arten, die an Farbe und Grösse von einander alle unterschieden sind, gezehlet werden. Jnsgemein aber sind sie so groß als eine Eichel, über den gantzen Leib haaricht, vorne an dem Mund haben sie krumme, und wie eine Zange gegen einander stehende Spitzen, mit welchen sie ihren Stich verrichten, und den Gifft mittheilen. Sie haben aber den Nahmen her von Tarento, einer Stadt in Apulien, weil sie etwan da am vergifftesten seyn, oder am meisten; wiewol ihrer auch in den Jnseln Sicilien und Corsica gefunden, und sonst auch Stellones benennet werden. Jhr Biß ist von gantz sonderbarer Wirckung, gleichet dem Stich einer Biene oder Wespe, und machet eine kleine rothe Blase, darum sich ein schwartzer oder gelber Ring zeiget, darauf verschiedene Zufälle folgen, als grosse Traurigkeit, Hertzens-Angst, Raserey. Die dagegen gebrauchte Cur ist, daß man ein wenig gestossenen Knoblauch mit Theriac auf den Biß leget, so gehet der Gifft nicht weiter, oder man tödtet gleich nach dem Stich die Tarantulam, und leget sie auf die Wunde. So man aber von diesen Mitteln eines verabsäumet, muß der Patient wohl etliche Jahr nach einander tantzen, und viel traurige Zufälle ausstehen, bis er endlich durch die Music curiret wird, und zwar durch einen gewissen Ton, der mit der Verwunderung, und ihrer daraus herkommenden Paßion eine sympathetische Uibereinstimmung und Gleichförmigkeit habe.

Valentin Trichter, Curiöses Reit- Jagd- Fecht- Tantz- oder Ritter-Exercitien-LexiconLeipzig: Gleditsch 1742 · Sp. 2191–2192Text: Deutsches Textarchiv · CC BY-SA 4.0

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