Heinrich VIII., König von England und Irland, 1509 — 47, der Sohn des vorigen, geb. zu Greenwich 28. Juni 1491, war mit vorzüglichen geistigen und körperlichen Eigenschaften ausgestattet und erhielt eine gelehrte theol. enlaater Das von der Habsucht des Vaters geplagte Volk begrüßte seine Thronbesteigung mit Jubel. Er vermählte sich 7. Juni 1509 mit Katharina von Aragonien, der Witwe seines Bruders Arthur und der Mutterschwester Kaiser Karls V. und verband sich 1512 mit Maximilian I. gegen Ludwig XII. Obschon er 17. Aug. 1513 mit dem Kaiser die sog. Sporenschlacht bei Guinegate gewann, gewährte ihm doch der kostspielige Krieg keinen Vorteil. überdies von dem Eigennutz des Verbündeten empört, schloß er im Aug. 1514 mit Ludwig XII. nicht nur Frieden und gab ihm seine Schwester Maria zur Gemahlin, sondern mit Franz I. nachher Onita ein Schutzbündnis gegen Karl V. Auch S ottland, das in der Schlacht von Flodden 9. Sept. 1513 König Jakob IV. verloren, erhielt einen billigen Frieden. Nach Franz' I. Thronbesteigung schien das Bündnis H.8 mit Frankreich um so fester, als beide Könige bei der Bewerbung um die Kaiserkrone gegen Karl von Spanien durchgefallen waren. Doch H.s Günstling, der Kardinal und Kanzler Wolsey, wurde von Kaiser Karl V. durch Aussichten auf die Papstwürde gewonnen und 10 so auch seinen Herrn von Frankreich ab. Im Nov. 1521 kam zwischen dem aiser und dem Könige von England ein geheimer Vertrag zu Stande, nach welchem H. im Juni 1522 den Krieg gegen Frankreich eröffnete. Nachdem er den Schatz seines Vaters verschwendet, griff er zu Erpressungen, zwanz 1523 dem Parlament unter Androhung von Todesstrafen eine große Summe ab und regierte dann, über den Widerstand ergrimmt, sieben Jahre ohne Parlament. Unterdessen hatte Wolsey in Rücksicht der Papstwahl mehrfache Täuschung erfahren und suchte nun aus Rache den König von der Sache des Kaisers zu trennen. Zwar wurde das engl. Heer aus Frankreich nicht zurückgerufen, als aber Franz I. bei Pavia 1525 in des Kaisers Gefangenschaft geriet, ließ sich H. nicht mehr abhalten, mit dem franz. Hofe ein Freundschaftbündnis zu schließen. Die Feindseligkeiten gegen den Kaiser von engl. Seite begannen erst Anfang 1528 und endeten mit dem Frieden zu Cambray (5. Aug. 1529). Schon längst ging H. mit einer Scheidung von seiner Gemahlin, der Tante des Kaisers, um, und jetzt begann er die Ausführung dieses Plans. Er äußerte Gewissenszweifel über die unkanonische Verbindung mit der Witwe seines Bruders und erklärte sich mit der Dispensation des Papstes nicht beruhigt, da diese während seiner Minderjährigkeit erteilt worden sei. Der Hauptgrund für die Scheidung war aber wohl, daß der König seine reizlose Gemahlin, von der er nur eine Tochter besaß, nicht liebte und die schöne Anna Boleyn (s. d.) heiraten wollte. Der Papst Clemens VII. suchte dieser Angelegenheit aus Furcht vor dem Kaiser auszuweichen, schickte aber endlich den Kardinal Campeggio nach London, der mit Wolsey den Scheidungsprozeß führen sollte. Ehe jedoch der Spruch geschah, rief Clemens den Legaten 1529 zurück und lud den König vor sein eigenes Tribunal nach Rom. Wolsey erfuhr zuerst den Zorn H.s und wurde abgesetzt. H. hatte bisher als eifriger Katholik gegolten. Mit Feuer und Schwert war er nicht nur den Wicliffiten, sondern auch der Reformation Luthers entgegengetreten; ja seine Schriftstellerei gegen Luther hatte ihm sogar vom Papste Leo X. den Titel Detensor fidei eingetragen. Jetzt aber, als der Papst ihm den Ehedispens verweigerte, beschloß er, sich und sein Reich von dem päpstl. Stuhle, doch nur schrittweise, loszureißen. Die Aussicht auf die geistlichen Güter und die Erweite— rung der königl. Gewalt bestimmte hierbei den König ebenso sehr als seine Privatangelegenheiten. Im Jan. 1531 preßte er der Geistlichkeit eine große Geldsumme und das Bekenntnis ab, daß nach einem uralten Statut der König der Protektor und das Haupt der engl. Kirche sei; im nächsten Jahre 5. das Parlament die Annaten auf. Nachdem „das Freundschaftsbündnis mit Franz I. erneuert, vermählte er sich 14. Nov. 1532 mit Anna Boleyn und ließ im Mai 1533 durch ein geistliches Gericht die Scheidung von Katharina aussprechen. Das Parlament faßte zugleich ein Gesetz ab, nach welchem nur die Nachkommen zweiter Ehe successionsfähig waren, und alle Unterthanen mußten unter Androhung von Hochverratsstrafe dieses Erbfolgegesetz beschwören. Nur Thomas Morus und Bischof Fisher von Rochester widersetzten sich und bestiegen dafür 1535 das Schafott. Das Parlament von 1534 schaffte die päpstl. Gewalt völlig ab und übertrug dem Könige die Einkünfte, die Gerichtsbarkeit, das Reformationsrecht, die Ketzerverfolgung u. s. w. Schon 1536 machte H. von dieser neuen Gewalt Gebrauch, indem er die geringern Klöster aufheben und auf Cranmers Rat die Bibel übersetzen ließ. Der Prozeß und die Hinrichtung von Anna Boleyn (19. Mai 1536) und die Vermählung H.s am folgenden Tage mit Jo— hanna Seymour unterbrachen einen Augenblick diese Umwälzungen. Das Parlament mußte eine neue Successionsakte geben, welche die aus zweiter Ehe geborene Prinzessin Elisabeth enterbte und dem Könige in Ermangelung von Nachkommen aus seiner dritten Ehe das Recht erteilte, über die Krone zu verfügen. Zur Feststellung des kirchlichen Lehrbegriffs versammelte H. im Juni 1536 die Geistlichkeit. Er ließ derselben sein Glaubensbekenntnis, ein Gemisch kath. und prot. Satzungen, vorlegen, das nach langem Streite auch angenommen und nach abermaliger Abänderung von königl. Hand als Glaubensregel anbefohlen wurde. Dieser Despotismus erregte im Okt. 1536 in mehrern Provinzen gefährliche, von Fanatikern geleitete Volksbe— wegungen, die nur mit Mühe beigelegt werden konnten. Die Bewältigung der Insurrektion, die Geburt des Prinzen Eduard (12. Okt. 1537), die jedoch den Tod der Königin herbeiführte, befestigte das Ansehen H.s so bedeutend, daß er 1538 auch die reichern Klöster und Stiftungen einzog. Die— ses Vorgehen gegen die Klöster bewog endlich 1538 den Papst Paul III. zur Publikation der schon vor Jahren gegen H. erlassenen Bannbulle, welche jedoch gänzlich wirkungslos blieb. Um jede Verschiedenheit der Religionsansichten auszurotten, legte der König dem Parlament 1539 sechs Glaubensartikel vor, die ebenfalls angenommen und als Dogmen der engl. Kirche proklamiert und beschwo— ren wurden. Die blutigsten Anfeindungen aller, denen diese Artikel nicht zusagten, waren die nächste Folge. Auch die polit. Freiheit gab das Parlament preis, indem es den Edikten des Königs, die dem Staatsrate vorgelegen, volle Ge— setzeskraft erteilte. Nach mancherlei Heiratsplänen vermählte sich H., der gern die deutsch⸗-prot. Fürsten zu Freunden haben wollte, 6. Jan. 1540 mit Anna von Kleve. Da er aber die Prinzessin nicht liebgewann, ließ er sich schon im Juli von ihr scheiden. Er verwickelte zugleich seinen Kanzler, Thomas Cromwell, der ihm zu dieser Verbindung geraten, in einen Hochverratsprozeß und ließ ihn 24. Juli schuldlos enthaupten. Durch den Einfluß der Katharina Howard, mit der sich H. 8. Aug. 1540 vermählte, traten der Herzog von Norfolk und Gardiner an die Spitze der Geschäfte und begannen die eigentlichen Protestanten wütend zu verfolgen. Viele ausgezeichnete Männer, welche die sechs Artikel bezweifelten, wurden verbrannt oder gehenkt. Unterdessen mußte der König zu seinem Schrecken erfahren, daß seine neue Gemahlin unzüchtig gelebt habe und noch lebe. Obwohl ihre eheliche Untreue nicht völlig erwiesen war, ließ er sie 12. Febr. 1542 mit ihren vermeintlichen Helfern und Lieb— habern hinrichten. Vergeblich hatte H. seinen Neffen Jakob V. von Schottland zu einer Kirchenreformation zu be— wegen gesucht und darum mit demselben Krieg an— gefangen. Ein engl. Korps schlug 24. Nov. 1542 die uneinigen Schotten am Solway, worauf Jakob aus Gram starb. H. faßte nun den Plan zur Vereinigung der schott. und engl. Krone und suchte mit Hilfe der Familie Hamilton die Verlobung seines Sohnes mit Maria, der Erbtochter Jakobs V., durchzusetzen, sah sich aber durch die kath. Partei Schottlands gehindert. Am 12. Juli 1543 heiratete er die Witwe des Lord Latimer, Katharina Parr, die den Tyrannen geschickt zu leiten und mit List dem Verdachte der Ketzerei zu entgehen wußte. Noch einmal verband sich H. im Febr. 1543 mit dem Kaiser gegen Franz I., der ihn vielfach verspottet und besonders in der schott. Angelegenhein erzürnt hatte. Nachdem er das Thronrecht einen Töchtern Maria und Elisabeth wiedergegeben, eröffnete er im Juli 1544 von Calais aus den Krieg gegen Frankreich, während der Kaiser in der Champagne vordrang. Der Eigensinn H.s, der jedes gemeinschaftliche Vordringen verwarf, aber 14. Sept. 1544 für sich Boulogne eroberte, hatte zur Folge, daß der Kaiser schon 18. Sept. den Frieden 95 Crespy schloß. Erst im Juni 1546 willigte der König in die Beilegung eines Kampfes, der England 1300000 Pfd. St. kostete. Gegen Ende 1546 fiel H. in ein schleichendes Fieber, das ihn um so mehr beunruhigte, als sein Sohn erst 9 J. alt war. Besonders fürchtete er den mächtigen Herzog von Norfolk und dessen Sohn, den Grafen von Surrey, der sich einer aufgedrungenen Vermählung widersetzt hatte. Der König ließ den Sohn unter leerem Vorwand enthaupten; der Vater entging der Hinrichtung, indem H. 28. Jan. 1547 starb. Mittelbar verdankt England diesem grausamen, aber kraftvollen Despoten viel. Unter ihm wurde die Macht des Adels vollends gebrochen und die Verwandlung Englands aus einem Feudalstaat in eine konstitutionelle Monarchie vorbereitet. Vgl. Turner, «History of Henry VIII. „(Lond. 1826; 2 Bde., 1828); Thomson, «Memoirs of the court of Henry VIII.5 (2 Bde., Lond. 1826; deutsch von Becker, Lpz. 1827); Tytler, «Life of king Henry VIII. „ (Edinb. 1836); Audin, «His⸗- toire de Henri VIII et du schisme d'Angleterreo (2 Bde., Par. 1847); Froude, «History of England from the fall of Wolseyy (Bd. 1—4, Lond. 1856 —58); Collette, «Henry VIII., an historical sketch, as affecting the reformation in Englando (Lond. 1864); Corrie, A concise historytof the church and state of England in conflict with the papacy during the reign of Henry VIII. 5 (Lond. 1874); Brewer, «Calendaruof letters, foreign and domestic of the reign of Henry VIII.„ (Bd. 1—7,