Herat, Landschaft in Afghanistan, im NO. des Tafellandes von Iran, das alte Aria, reicht vom Sefidkuh (Weißes Gebirge), der in der alten Geographie als Paropanisus bekannten westl. Fortsetzung des Hindukuh, südwärts, von W. nach O. sich keilförmig zuspitzend, bis in die Gegend des großen Sees Hamun in Seistan und wird im W. von der pers. Provinz Chorasän und der ihr südlich anliegenden Salzwüste, im O. und SO. von der afghan. Provinz Kandahar und vom Siahkuh begrenzt, dem gleichzeitig mit dem Sefidkuh vom Hindukuh sich mehr südwestlich abzweigenden Gebirgszuge. Zwischen den innern Ausläufern des Sefidkuh und des Siahkuh, und zwar mehr nördlich, bildet die Thalebene des anfangs gegen W. fließenden, dann gegen N. sich in die Steppen verlaufenden Heri-Rud, der Hauptteil des Landes, einen fruchtbaren Isthmus zwischen Bergeinöden und Steppen⸗ und Wustengebieten. Im ganzen umfaßt das Land den südöstl. Teil des alten Chorasan und wird auf 176 200 akm mit 1½ Mill. E. geschätzt. Im nördl. Teile wohnen die Käzilbasch, Schiiten türk. Abkunft, die Aimak, ein Zweig der die ursprüngliche iran. Bevölkerung noch repräsentierenden Tadschiks und Sunniten, und die Hazareh, turan. Abstammung mit einer Turksprache und Schiiten. In der Thalebene weiter südlich besteht die Bevölkerung in der Mehrzahl aus Tad— schiks, in der Minderzahl aus Afghanen, den gegenwärtigen Herren des Landes, sowie teilweise aus Turkomanen und Juden. Die gleichnamige Hauptstadt Herat, der einzige wichtige Ort des Landes, liegt 34 22˙ nördl. Br. und 62 3“ östl. L. (von Greenwich), 640 km im W. von Kabul und 300 km im SO. von Meschhed, in der fruchtbaren Thalebene des Heri-Rud, und zwar 6 km eim N. des hier von einer Brücke mit 26 Bogen überspannten Flusses. Die Stadt hatte früher 100000, jetzt infolge wiederholter Eroberungen nur noch 45000 E. Dieselbe bildet ein längliches Viereck mit einem 12 — 18 m hohen Erdwall, der oben mit einer gegen 10 m hohen Backsteinmauer, 30 Türmen und wohlbefestigten Thoren versehen ist. Am nördl. Ende befindet sich eine Festung mit Türmen und einem 10 m breiten Wassergraben. Die Häuser sind meist zweistöckig, und das Ganze gleicht einem Labyrinth von engen, finstern und schmutzigen Gassen und Gäßchen. Der fürstl. Palast ist unansehnlich, die große Moschee, im 13. Jahrh. erbaut, im Verfall. Die Umgegend der Stadt zeigt überall Spuren einstiger Größe und Herrlichkeit, und stundenweit erstrecken sich die Ruinen und Schuttlager. Das Thal des Heri-Rud ist mit Frucht⸗ und Blumengärten, Weinbergen, Kornfeldern, Dorfschaften, Landhäusern, grünem Rasen, Buchen, Quellen und sprudelnden Fontänen bedeckt. Der Königsgarten, Bag-Schahi, galt einst im Morgenlande für ein Wunder der Welt. Berühmte Säbelklingen, Rosenwasser, Seide⸗ und Wollteppiche gehören zu den wertvollsten Fabrikaten der Stadt. Ind. Produkte gelangen in Menge hierher, um die Märkte von Kirman, Jesd und Ispahan zu versehen. Die Stadt gilt als Schlüssel zu der einzigen Straße, der Großen Königsstraße, welche aus Persien durch Afghanistan nach Indien führt, und ist sowohl in kommerzieller wie in strategischer Hinsicht von gro— ßer Wichtigkeit. Als Mittelpunkt des Karawanenhandels und Stapelplatz zwischen Indien, Afghanistan und Westasien war sie von jeher allen Eroberern, die von Westasien nach Indien vordrangen, ein unentbehrlicher Stützvpunkt. Aus dem Umstande, daß H. auch von Norden her der Durchgangspunkt nach Afghanistan ist, erklären sich in neuerer Zeit die wiederholten, von den Russen unterstützten Bemühungen der Perser, die Stadt in ihre Gewalt zu bringen, während die Engländer dem entgegenarbeiten. Angeblich von Alexander d. Gr. gegründet, wurde H. bei der Eroberung Persiens durch die arab. Kalifen in der Mitte des 7. Jahrh. nebst ganz Chorasän unterworfen. Nach mancherlei Schicksalen unker den Sämäniden (10. Jahrh.), Ghazneviden, Seldschuken (11.Jahrh.), Ghüriden (12. Jahrh.) und Mongolen fiel die Stadt 1381 in die Hände Timurs, unter dessen Nachfol— gern sie sich zum Sitz der pers. Litteratur und Wis— senschaft erhob. In den Wirren nach dem Tode des Timuriden Hussein bemächtigte sich der Usbeke Schaibeg H.s, dessen wilde und grausame Herr— schaft den Glanz der Stadt für alle Zeiten vernich— tete. Derselbe wurde 1510 von Ismael Sofi gestürzt, und nunmehr blieb H. bei Persien, bis es 1749 von den Afghanen unterworfen wurde. In den Bruderkriegen der afghan. Dynastie der Durani behauptete sich Timur-Schahs dritter Sohn, Mahmud, in H., wo er ein eigenes Reich gründete und 1829 starb. Hierauf übernahm dessen Sohn Kamrän-Schah die Regierung und H. bewahrte noch eine Zeit lang seine Unabhängigkeit, bis es 1863 von den Afghanen genommen wurde. (S. Afghanistan.)